Architektur / Urbanismus

Poundbury Revisited

Straße in Poundbury
Foto: Martin Ebner
d'Lëtzebuerger Land vom 31.08.2018

Verdammt und gepriesen ist Poundbury eines der umstrittensten Bauvorhaben. Die neue Siedlung im Südwesten Englands zieht Besucher und Kommentare aus aller Welt an. Wer nicht auf den Plan schaut, kann aber am Anfang glatt daran vorbeilaufen: Die älteste Bauphase grenzt direkt an die Kleinstadt Dorchester. Dieses Viertel ist nun bereits so patiniert oder angeschmuddelt, dass es mit seiner ordinäreren Nachbarschaft verwächst. Erst in Bauphase Zwei, mit einer breiten Straße und einer Art Stadttor abgetrennt, merkt jeder sofort, dass hier etwas Neues beginnt. Neu-Altes, genauer gesagt.

Die Geschichte der pseudohistorischen Retorten-Ortschaft begann mit einem missratenen Festmahl: Im Mai 1984 geruhte Prinz Charles nicht, zum 150. Geburtstag des Royal Institute of British Architects belanglose Grußworte abzusondern. Vielmehr sagte er den Baumeistern die Meinung: Ein auf dem Trafalgar Square geplanter Anbau der Nationalgalerie sei eine „monströse Eiterbeule auf dem Gesicht eines lieben Freundes“. Die gleiche Ansprache erledigte auch ein Hochhaus-Projekt von Mies van der Rohe.

Mit einer Ausstellung, einem Film und dem Buch A Vision of Britain forderte dann His Royal Highness The Prince of Wales (HRH), freundlicher zu bauen: „Vorrang für Menschen, nicht für Autos“; Gemeinden müssten „begehbar“ sein. Statt getrennter Zonen seien Wohnen, Arbeiten und Spielen, aber auch Arm und Reich zu mischen. Kompakte Bebauung solle den Landschaftsverbrauch mildern. Heute sind diese Ideen mainstream – waren damals aber so schrullig wie die Bio-Bauernhöfe des Prinzen. Die gentechnikfreien Haferkekse von HRH sind mittlerweile ein großer Hit. Nach wie vor anstößig ist sein Hang zu traditionellen Baustilen: Country Cottage und Georgian.

Als der Bezirksrat von West Dorset entschied, das 15 000-Einwohner-Städtchen Dorchester auf Land des Herzogtums Cornwall zu erweitern, wollte Prinz Charles dafür nicht einfach Parzellen verkaufen. Dieses Herzogtum dient der Versorgung des Thronfolgers, der keine staatliche Apanage bekommt. Auf seinem eigenen Grund also beschloss HRH, ein Beispiel zu geben: Im Jahr 1988 beauftragte er den Architekten und Stadtplaner Léon Krier, einen Masterplan auszuarbeiten für ein „hochverdichtetes Stadtviertel“ innerhalb der westlichen Autobahn-Umfahrung von Dorchester. HRH wünschte, dass die Alternative zu Zersiedelung und gesichtsloser Suburbia nicht nur schön und nachhaltig, sondern auch profitabel werde.

Léon Krier wurde 1946 in Luxemburg geboren. Ein Architekturstudium in Stuttgart brach er ab, um bei James Stirling in London zu arbeiten. Danach unterrichtete er an der Schule der Architectural Association. Als ein Hauptvertreter des Neoklassizismus und New Urbanism teilt er die rabiaten Ansichten von Prinz Charles. Kriers Credo bestimmen die Fähigkeiten des menschlichen Körpers: Häuser nicht höher als 100 Stufen, Stadtzentren zu Fuß in 10 Minuten zu durchqueren. Das ginge zwar auch mit Glas- und Beton-Boxen, aber Krier meint: „Modernistische Architektur ist üblicherweise so schlecht, dass sie für die meisten Bedürfnisse und Klimate völlig unbrauchbar ist.“

Für Poundbury plante Krier auf rund 100 Hektar Bebauung, auf 60 Hektar Grün. Nacheinander werden vier Quartiere realisiert, jeweils um einen eigenen zentralen Platz. Bauphase Eins wurde 1993 begonnen. Pummery Square in ihrer Mitte wird dominiert von einem Gemeindezentrum im Stil einer mittelalterlichen Markthalle.

„Wir können keine richtige Stadt machen, weil es das Baurecht nicht zulässt und wir eine zu große Konkurrenz für Dorchester darstellen“, sagte Krier der deutschen Zeitung Die Welt zu seinem 70. Geburtstag. „Die örtlichen Behörden kontrollieren sehr stark. Wir wollten eine Highstreet mit vielen Geschäften, aber das war nicht erlaubt, es darf nur vereinzelte Läden um die Hauptplätze geben.“ Die Hauptstraße dürfe nicht einmal „Highstreet“ heißen.

Krier mag sonst Vorschriften durchaus. Die einzelnen Parzellen werden von unterschiedlichen Architekten bebaut. Detaillierte Richtlinien geben ihnen Stärke und Materialien der Außenwände vor, Form und Neigung der Dächer, nur Vollziegel, Regenrinnen aus schwarzem Gusseisen, Schornsteine mit Terrakotta-Köpfen, kein Sonnenschutz aus Plastik, keine Leuchtreklamen - und vieles mehr. Ursprünglich verordnete Kieswege haben sich nicht bewährt und wurden befestigt. Eine Schweizerin, die Gerüchten zufolge eine verboten-hässliche Satellitenschüssel betreibt, konnte bislang nicht überführt werden.

An Kritik mangelte es nie. Mittlerweile ist Poundbury-Schmähung als eigene Literaturgattung etabliert. Gängig sind „feudales Disneyland“ und „kitschige Spielzeugstadt“, gerne in Kombination mit „verlogen“, „Filmkulisse“ und „allzu niedlich“. Es kann auch „Cottage-Slum“ oder „Thomas-Hardy-Themenpark für Lernschwache“ sein. Andy Spain fand „einen Hauch Resignation“, weil die „öffentlichen Plätze leer liegen“. Allerdings besuchte der Architekturfotograf das „sterile Mittelklasse-Ghetto“ um 7 Uhr morgens. Der Historiker Vittorio Lampugnani bescheinigt der „verklärenden Replik des Idealbilds der vorindustriellen Stadt“ einen „Hintergrund von Überheblichkeit“ – immerhin aber auch, dass „virtuos sämtliche Register der Raumgestaltung gezogen“ wurden.

Die Feuerwehrstation, eine Kreuzung aus Scheune und griechischem Tempel, wurde zu einem der „hässlichsten Gebäude Großbritanniens“ gewählt. Architektur-Experten ringen die Hände über Türmchen, Schnörkel und Balkon-Attrappen. Warum müssen die Fenster klein sein, wenn man heute auch große haben kann? Schon lange gibt es keine Glas-Steuer mehr, was sollen da vermauerte Fensternischen? Es fährt kein Heuwagen, wozu müssen Haus-Ecken abgerundet werden?

Prinz Charles retourniert freigiebig Geschmacksurteile: Birminghams neue Bibliothek sei „eher zur Verbrennung als zur Aufbewahrung von Büchern“ geeignet; ein Bau der Uni Essex erinnere an einen „Abfalleimer“. Als er 2009 mit einem Brief an Katars Herrscher ein Projekt von Richard Rogers für Chelsea bodigte, wütete die Zeitung Guardian: „Mund halten oder zurücktreten!“ HRH hat jedoch gar kein Amt, das er aufgeben könnte.

Dass Zaha Hadid und andere Star-Architekten dem Thronfolger autoritäres Gehabe und Missbrauch seiner Position vorwarfen, war vielleicht ein Eigentor. Prinz Charles entdeckte das Thema Bürgerbeteiligung: An- und Bewohner müssten mitplanen dürfen. Lobbying der Architekturstiftung von HRH trug dazu bei, dass der Localism Act 2011 nun mehr Rechte für Kommunalregierungen, ja sogar Volksabstimmungen vorsieht. Ist Bauhaus mehrheitsfähiger als Ziergiebel und aufgemalte Säulen? Der Guardian unkt, das ganze Land könnte „prince-flavoured“ werden. Tatsächlich hat seine „Modellstadt“ bereits eine Reihe Nachahmer, etwa Upton bei Northampton, Tregunnel Hill bei Newquay und Knockroon bei Glasgow.

„Die schweigende Mehrheit mag diese Gebäude“, frohlockt Quinlan Terry, ein Leibarchitekt von HRH. Objekte in Poundbury gehen weg wie warme Bio-Semmeln und erzielen rund 30 Prozent höhere Preise als anderswo in Dorset. Etwa ein Drittel der Häuser sind Sozialwohnungen, zum Teil behindertengerecht, oder „erschwinglich für Erstkäufer“. Sie sind über ganz Poundbury verstreut und äußerlich nicht zu unterscheiden.

Die rigiden Vorgaben haben ein abwechslungsreiches, gleichwohl kohärentes Gesamtbild bewirkt. Penible Fachleute beklagen ein „Stil-Sammelsurium“ – die meisten Touristen, die Führungen buchen, sehen einfach eine nette englische Stadt. Kein Vergleich zum sonst so grausigen Mischmasch von Reetdächern, Blockhäusern, toskanischen Villen, Schweizer Chalets und Zen-Gärten. Oder zu monotonen Reihenhäusern.

Am Ortsrand liefert eine Biogasanlage, ein Joint-Venture mit Bauern der Umgebung, genug Energie und Warmwasser für 4 000 Haushalte. Mit dem Strom pendeln auch zwei E-Busse zum Bahnhof Dorchester-South, der von London-Waterloo in zweieinhalb Stunden zu erreichen ist. Sichtlich nicht gelungen ist dagegen die „Ermutigung für Fußgänger und Radfahrer“: In Poundbury stehen sogar mehr Autos herum als im Umland. Es ist aber eine angenehme Begegnungszone fast ohne Schilder oder Ampeln; spätestens alle 70 Meter bremst ein Hindernis den Verkehr.

Heute sind zwei Drittel von Poundbury fertig: 1 500 Häuser mit rund 3 000 Bewohnern. Nicht nur Rentner, sondern auch viele junge Familien sind eingezogen. Unlängst wurde eine erste Grundschule eröffnet. Neun Pubs und Cafés, ein Supermarkt, ein Gartenzentrum, aber auch Start-Ups und eine Fabrik für Flugzeugteile – mehr als 180 Unternehmen bieten rund 2 300 Arbeitsplätze. Die bekannteste Firma war allerdings zu erfolgreich: Dorset Cereals wurde gerade von einem Konzern aufgekauft und nach Poole verlegt.

In diesem Juli wurde am Queen Mother Square, dem größten Platz, das höchste Gebäude von Poundbury eingeweiht: „Royal Pavilion“, benannt nach einem königlichen Rennpferd, ist ein Komplex von Luxuswohnungen und Spa, samt Säulen, Torbogen und 40 Meter hohem Turm. Ein gelber Palast daneben war von Krier als Amtsgebäude gedacht, ist nun aber ebenfalls voller Luxuswohnungen. Dahinter haben die Arbeiten am dritten Quadranten begonnen. Ab 2022 soll die vierte Bauphase starten. Im Jahr 2025 soll die Retro-Utopie vollendet sein: rund 2 200 Häuser für 4 500 Menschen.

Poundbury ist schon deshalb besser als andere Neubauviertel, weil sich bei dem Schaufenster-Projekt alle anstrengen. Prinz Charles kommt immer wieder vorbei, eröffnet ein Krebszentrum hier, eine Steinmetz-Schule da, oder drückt Zuzüglern schon mal persönlich die Schlüssel in die Hand. Wer würde da Pfusch wagen? Die Post in Poundbury hat sogar am Samstagnachmittag geöffnet. Eine Stadt funktioniert wie ein Stall: HRH schwört auf homöopathische Pillen für sein Vieh, Skeptiker dagegen erklären die gute Laune der königlichen Kühe allein mit größerer Zuwendung.

Kurzvorstellung des Projekts: 
www.duchyofcornwall.org/poundbury.html
Hochglanz-Nachrichten: 
www.celebratingpoundbury.co.uk/
Architektur-Kritik bizarr: 
www.yukihigashino.com/thepoundburyhorror

Martin Ebner
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