Kino

Drei Frauenleben für den Film

d'Lëtzebuerger Land vom 31.08.2018

Seit 2010 darf Jafar Panahi im Iran keine Filme mehr machen, und trotzdem dreht er – mit minimalen Mitteln. Taxi Teheran, für den er 2015 einen Goldenen Bären auf der Berlinale gewann, ist aus dem Auto heraus gefilmt – eine kritische und doch liebevolle Sozialstudie Teherans und seiner Einwohner. Weil Panahi auch nicht mehr (aus-)reisen darf, blieb sein Platz in Cannes, wo sein feministisches Roadmovie Three Faces in diesem Jahr um die Goldene Palme konkurrierte, leer. Trotzdem erhielt der Film den Preis für das beste Drehbuch.

Auch in Three Faces, dem vierten Film seit seinem Berufsverbot, sitzt Jafar Panahi viel im Auto und filmt aus dem Fenster heraus. Ein verwackeltes Handy-Video bildet den beklemmenden Auftakt zu einer Stimmung, die das gelungene Drehbuch bis zum Ende des Films bestehen lässt. Ein Mädchen (Marziyeh Rezaei) steht vor einer Schlucht und spricht flehentlich in die Kamera, dass es immer nur den einen Traum hatte, Schauspielerin zu werden, was ihr jedoch von ihrer Familie verwehrt wurde. Sie zieht eine Schlinge um ihren Hals und stürzt ins Ungewisse: Ein inszenierte Streich einer jungen Schauspielerin mit Ambitionen, die auf sich aufmerksam machen will, ein Erpressungsversuch oder tatsächlich ein Suizid?

Die im Iran bekannte Schauspielerin Behnaz Jafari (die in Three Faces sich selbst spielt) und Jafar Panahi (der ebenfalls sich selbst spielt) stehen vor einem Rätsel und brechen kurzentschlossen auf in das Dorf des Mädchens, in die Berge an der Grenze zu Aserbaidschan. Je weiter sie kommen, desto tiefer tauchen sie ein in eine archaische Welt, in der es nicht nur komplizierte Hup-Rituale gibt, um die nur einspurig befahrbare Bergstraße zu passieren, sondern für Frauen klar definierte Regeln gelten. Und trotz der Armut „gibt es in diesem Dorf mehr Satellitenschüsseln als Menschen“, heißt es an einer Stelle.

Das Gesicht der dritten Frau, Shahrzad, der der Film gewidmet ist, taucht nur ab und zu als Silhouette auf. Fast geisterhaft legt sich das Antlitz der Frau, die vor der islamischen Revolution eine Filmdiva war und danach Berufsverbot erhielt, über das Geschehen. Heute lebt sie einsam und geächtet in dem Dorf. Dasselbe Schicksal würde der kapriziösen Marziyeh Rezaei drohen, ließe man sie studieren, sind sich die Dorfbewohner und die Familie des Mädchens sicher. So verteidigt etwa ihr Bruder die vermeintliche Ehre seiner Schwester wie ein wildgewordener Stier.

Die Kamera ruht meist auf den Gesichtern der Frauen und streift ansonsten durch die Berglandschaft – bisweilen bleibt sie auf den faltigen und gegerbten Gesichtern der Bewohner hängen. Es ist eine Reise in den Norden des Iran, die nicht zuletzt durch bestechend gefilmte Anekdoten überzeugt: Eine alte Frau hat sich ihr eigenes Grab geschaufelt und wartet darin liegend auf den Tod. Ein zusammengebrochener Zuchtbulle versperrt die enge Bergstraße. Ein Greis überreicht Behnaz Jafari die in Salz eingelegte Vorhaut seines beschnittenen Sohnes, damit die Schauspielerin sie in die Nähe eines virilen Schauspielers bringe ... Panahi legt den Finger leise in die Wunden seines Landes – ohne die Dorfbewohner je zu überzeichnen und entwirft das Porträt einer Gesellschaft, in der Gastfreundschaft großgeschrieben wird und das Patriarchat das Dorfleben bestimmt.

Three Faces zeigt drei Generationen von Frauen und ihren beschwerlichen Weg zum Schauspiel. Es ist eine Hommage an die starken Frauen im Iran, die sich der Schauspielkunst verschrieben haben, den Weg trotz Hürden gegangen sind und noch heute gehen. Anina Valle Thiele

Anina Valle Thiele
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