Zu Gast im Luxushotel

Das Sein ist das Ziel

d'Lëtzebuerger Land vom 25.09.2015

Brumisateur. Zerstäuber. Ein Wort, das nicht unbedingt nach Luxus und gehobenem Lebensstil klingt. Im Friseursalon. Im Blumenladen. Im Feuerwehrauto. Oder wo auch immer man ein Aerosol benötigt. Ein Brumisateur kann so gewöhnlich sein. Doch am Gestade des Atlantischen Ozeans, fernab der herbstkühlen Heimat, in der lauen Luft der Karibik ist ein Brumisateur das Ding der Stunde, wenn er denn aus weiß lackiertem Aluminium ist und die Aufschrift der französischen Marke Evian trägt. Jenseits des Meeres abgefüllt, über den Ozeantransportiert, legt es nun den Hauch eines Wasserschleiers erfrischend über das von der Sonne Floridas verzauberte Gesicht. Wenn man zuvor so schlau war, die Sonnenbrille abzuziehen, die man brauchte, um das Kleingedruckte auf der Büchse zu lesen: „Bei täglicher Anwendung während des ganzen Jahres erhöht das Facial Spray die Feuchtigkeit um 14 Prozent.“ Allerdings nur in den oberen Hautschichten, wie eine Fußnote vermerkt. „Es sorgt für einen puren Frischekick und hilft zudem, das Make-up zu fixieren.“ Das ist Luxus. Pur.

Jenes Quellwasser-Erfrischungsspray ist eine Aufmerksamkeit des Hotels. The Setai. Miami Beach. South Beach, wo sonst. Stars gehen ein und aus. Jennifer Lopez, so heißt es, habe eine Suite ganz oben mit Rundumblick über Stadt, Land, Fluss. Man schlafe unter einem Dach mit einer Vielzahl an Hollywoodsternen und Leinwandhelden, denen L.A. einfach zu banal sei. Dann steige man im The Setai ab. Ein Grand-Luxury-Hotel. Fünf Blocks vom legendären Ocean Drive entfernt. Die derzeit angesagten Clubs und Roof-Top-Terrace-Bars in direkter Nachbarschaft. Mit Shuttle-Service, selbstredend in einer Stretch-Limo, die so elend schwankt, dass man am Ende des Tages doch lieber zu Fuß durch die aufgeheizten Straßenschluchten der Stadt geht, um ermüdet und ermattet in die Kissen der Oceanfront Suite zu sinken und die Selbstbeschreibung zu lesen: „Im Gegensatz zu den durchschnittlichen Hotelzimmern in Miami Beach sorgt das eindrucksvolle, intuitive und behagliche Design unserer geräumigen Suiten dafür, dass Sie sich perfekt entspannen können und es Ihnen schwerfällt, sich vorzustellen, an einem anderen Ort zu übernachten.“ Schwülstig, seicht und protzig geht es weiter: „Das asiatisch inspirierte Dekor und die kreative Ausnutzung des Raums verleihen unseren Suiten eine Harmonie von Raum und Zweck, die den Werten des The Setai entspricht.“ Was sonst, soll man auch machen. Auf 131 Quadratmetern für etwas mehr als dreitausend US-Dollar pro Nacht. Zur kreativen Raumausnutzung gehört auch eine komplett eingerichtete Küche, als ob Menschen, die drei Riesen pro Nacht hinblättern, abends Spaghetti kochen oder ein Fertiggericht vom gegenüberliegenden Discounter aufwärmen. Sicherlich hat es für die – extra zu zahlende – Kochhilfe, was wohl ein Fünfsternekoch aus Fernost sein wird, eine Klingel, die sich nicht schnell als solche zu erkennen gibt. Ansonsten sammelt die Restauration im Erdgeschoss alle Auszeichnungen, die die US-amerikanische Hotelerie zu vergeben hat.

So dann der Weg zum Strand, wo die hilfreiche Seele zunächst die Liege in optimale Position zur Sonne bringt, dann Kissen darauf auftürmt, Handtücher ausbreitet, den Sonnenschirm ausrichtet, das Sportprogramm vorstellt, den Brumisateur überreicht, die Menükarte da lässt, die Bestellung für Getränke entgegennimmt, einen kurzen Wetterbericht abgibt und ankündigt, dass er in zehn Minuten Sonnencreme mit dem wohlklingenden Namen Ocean Potion Dark Tan Lotion bringen werde. Das Leben ist ein leichtes am Strand von Miami Beach. Man verlebt den Tag im Müßiggang. Abends die Gretchenfrage, über Sein und Nicht-Sein: Wie schläft es sich in einem Dreitausend-Dollar-pro-Nacht-Bett? Zugegeben: Der Ausblick auf die Wellen und Wogen des Atlantiks ist unbeschreiblich herrlich. Doch ein Manko: Die Sonne geht zur Landseite unter, das Meer endet und verendet in schierer Dunkelheit als das Land noch glitzert und funkelt. Das lässt selbstredend vor dem Einschlafen erahnen, dass der neue Tag einem sehr früh ins Angesicht leuchten wird. In der Schublade des Nachttisches findet sich eine dieser hässlichen Schlafmasken, eine Jalousie ist im Preis nicht inbegriffen. Nun, nur der frühe Vogel führt ein luxuriöses Leben.

Luxus liegt immer im Auge des Reisenden. Eine noble Reise mag sich in erster Linie über die Destination, das Budget oder die Unterkunft definieren, die so vielfältig wie die Geschmäcker, Hobbys und Vorlieben sind. Für Hotels und Herbergen gibt es mehr oder weniger festgelegte Regeln, die in Sternen münden, die wiederum den Preis pro Übernachtung festlegen und das entsprechende Publikum bringen sollen. International verbindlich sind diese Klassifizierungen nicht und so kocht jedes Land sein eigenes Sternensüppchen, sehr zum Leidwesen des globalen Jetsets. Höchste Klasse ist dabei das Fünfsterne-S-Segment, die „De Luxe-Superior-Hotels“. Die Zimmer sind mit einer „luxuriösen, qualitativ hochwertigen, edlen, makellosen und zeitgemäßen durchgängigen Hardware“ ausgestattet, wie es in den entsprechenden Richtlinien der „Hotelstars Union“ heißt. Sie sorgt für eine Standardisierung der Hotelsternekriterien – bislang in 15 europäischen Ländern, wobei die großen Reiseländer Italien, Spanien, Frankreich fehlen – und will Reisenden eine einheitliche Basis in eins bis fünf Sternen bieten.

Oberklasse sind dabei die Fünfsterne-Häuser. Hier, so heißt es in den Standards, erwarten die Gäste „internationale Luxushotellerie ohne Kompromisse“. „Perfekte Dienstleistungsqualität“ mit Bügelservice über Nacht, „sehr hoher Mitarbeitereinsatz“ mit Shut-down-Service, der vor dem Schlafengehen das Bett aufdeckt und die Schokolade auf dem Kissen platziert, aber auch „großzügige Räume“, von denen der Sanitärbereich – derzeit der letzte Schrei – durch Glas vom Schlafbereich getrennt ist, was die Möglichkeiten von Aus- und Einblicken ungemein erweitert, und einen „unverwechselbaren Betriebscharakter“. Das ist ein technischer Begriff für Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und persönliche Note. Ein Muss in jedem Luxusdomizil sind die Willkommensaufmerksamkeiten: ein Strauß frischer Blumen sowie ein Präsent. Im Hillside Su im türkischen Antalya wurde das Blumenbukett durch einen Goldfisch als Zimmergenossen ersetzt, was den Luxusgast in die Panik versetzt, sich während seines Aufenthalts um den stummen Mitbewohner kümmern zu müssen. Die Todesrate unter den Goldfischen wurde vom Hotel nicht veröffentlich. Auch die Gastpräsente verlassen sich nicht immer auf luxuriöse Stilsicherheit: Das Resort Kuramathi auf den Malediven verteilt dermaßen süßen Schaumwein französischer Produktion an seine Gäste, das Asti Spumante als halbtrocken gelten muss. Das Ritz Carlton in Kuwait hingegen setzt auf folkloristischen Tand, der in Fernost produziert wird, und dermaßen viel Gepäckraum beansprucht, dass es zurückbleibt. Das Geschenk.

In Luxemburg gibt es drei Fünfsterne-Hotels: das Le Place d’Armes, das Le Royal und das Le Grand Ducal. Hinzu kommt das Senator, das Appartements vermietet und sich in erster Linie an Langzeitmieter richtet. Im Place d’Armes gibt es das Einzelzimmer für bis zu 1 450 Euro, im Grand Ducal wird es mit bis zu 620 Euro berechnet und im Le Royal zahlt man bis zu 530 Euro. Pro Nacht. Die Suite im gleichen Hotel kostet 2 900 Euro, reicht also an den nahezu perfekten Sonnenunteraufgang in Miami Beach heran. Die Aussicht wird nur eine andere sein. Doch wer möchte den Blick auf Meer, Panorama oder Skyline genießen, wenn zum unabdingbaren Ausstattungsgegenstand eines Luxushotels Kosmetikartikel gehören, die einzeln abgepackt sind. Das macht das Mitnachhausenehmen komfortabler und einfacher. Auch ein Standard für De Luxe-Herbergen: die Verpackung, nicht die Mitnahmeerleichterung.

Die luxemburgischen Häuser halten sich an die internationalen Gepflogenheiten für Luxusherbergen – bis hin zu dem transparenten Plastikstuhl „Louis Ghost“, den Philippe Starck für Kartell entwarf. Er ist das Unterschied machende Detail, das in jedem, aber auch wirklich jedem Fünfsternehotel-Zimmer zur Geltung kommt und es vom Viersternehotel-Zimmer abhebt. In Miami Beach allerdings mit leichten Verwitterungsspuren auf dem Balkon, wohl aus Enttäuschung über alle die verpassten Sonnenuntergänge in perfekter Romantik. Im Place d’Armes hebt er sich als Schreibtischsitzgelegenheit kaum vom Gewöhnlichmattstrahlweiß des Heizkörpers ab. Das Kameha Grand in Bonn hat dermaßen viel Kartell-Marcel-Wanders-Design unter Dach und Fach, das man nach einer Nacht Erholung für seine Augen braucht oder Bewegung. Die gibt es gratis auf dem stundenlangen Marsch von der Bar des Hauses bis zu den zugehörigen Toiletten, auf dem man auch die Tiefgarage durchquert. Luxus kann so rustikal sein.

Aber ist Luxemburg an sich eine Traumdestination des internationalen Luxustourismus? In erster Linie ist das Großherzogtum Ziel für Geschäftsreisende und politische Mandatsträger. Letztere müssen sich auf die Betten gucken lassen, um nicht in Verdacht zu geraten, öffentliche Gelder in einem unverwechselbaren Betriebscharakter zu verprassen. Gerade dieser ist es jedoch, der ein Luxushotel zum Luxushotel macht. Denn der größte Luxus ist, sich zuhause und willkommen zu fühlen, ganz ohne Sonnenuntergang, Goldfisch und Prickelbrause. Die schönsten und luxuriösesten Häuser finden sich denn meist auch fernab. Le Clervaux, im gleichnamigen Ort, das wohl nicht alle Voraussetzungen für ein Fünfsterne-Haus erfüllen wird, oder das Kempinski Hohe Tatra in Poprad Tatry, Slowakei. Denn in ihrer Abgeschiedenheit offerieren beide Häuser eines: Diskretion und Ruhe. Als wahrer Luxus einer Reise. Ganz ohne Brumisateur.

Martin Theobald
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