Friedliche Koexistenz

Macho, Macho!

d'Lëtzebuerger Land vom 05.09.2014

Wie schön ist es, in einem Land, einer Weltgegend, einer Zeit zu leben, wo Frauen und Männer miteinander oder zumindest nebeneinander in einer friedlichen Koexistenz leben, die nur zeitweilig von Rosenkriegen oder Herzbrüchen erschüttert wird. Die größte Zeit unseres Daseins können wir uns nebeneinander aufs Sofa setzen, uns freundlich miteinander langweilen, uns unsere Symptome schildern oder gepflegt streiten. Hin und wieder reden die Herren und die Damen miteinander, manchmal sogar über Gefühle, die sie haben oder nicht haben oder gern hätten. Sogar über Sehnsüchte. Sie lachen auch miteinander, und in Kontaktanzeigen suchen Damen häufig Partner, mit denen sie weinen können. Nicht immer nur solche, wegen denen sie weinen müssen.

Wenn die Zeit gekommen ist, in der sie sich nicht mehr gierig auflauern, und sich mit den Zähnen die Klamotten vom Leibe reißen, um ein­ander umstandslos zu verspeisen, promenieren sie durch Museen und machen einander auf dieses oder jenes Meisterinnenwerk aufmerksam. Sie können sich jederzeit anders entscheiden, dann lassen sie sich scheiden. Die Frau muss nicht beim 26. Kind im Wochenbett verscheiden, sie wird nicht mal gesteinigt. Sie kann sich einen Rucksack umschnallen und in die weite Welt ziehen, auch wenn sie 75 ist.

Dort gelangt sie allerdings bald an ihre Grenzen. Die Grenzen sind Macho-Land. Sie muss nicht mal bis nach Burka-Land spazieren, nur ein bisschen ostwärts. Menschen mit der Chromosomenkombination XY kommen sich hier extrem toll vor. Sie schleppen sich an Muskelpaketen ab, die sie durch die Fußgängerzonen schieben und die ihre Mobilität stark einschränken. Mit starrem Oberkörper und starrem Blick bewegen sie sich, mehr Panzer als Panther. Auf haarigen Brüsten baumeln fette Kreuze. Auf penibel enthaarten Brüsten blitzt das Geschmeide der Saison. Schwule Umgangsformen à la bitte und danke sind verpönt. Es kommt leider gerade kein Säbelzahntiger vorbei, den sie erlegen könnten, sie besitzen kein Schwein, das sie schlachten könnten. Die Urwälder, die sie roden könnten, haben sich in Betonsteppen verwandelt. Deswegen spielen sie mit ihrem elektronischen Spielzeug, rauchen noch eine, rotzen ein wenig, glotzen viel und machen ein paar fette Scherze über eine Alte, die ihnen in die Quere kommt.

Die einzige Beute, die sie präsentieren können, wenn sie sich nicht gerade in einem Krieg austoben, ist ein Wesen mit unverkennbar weiblichen Sekundärmerkmalen. Dieses Wesen, das in ein Minimum an Textil gezwängt ist, stöckelt auf selbstmörderisch wagemutigen Stilettos an ihrer Seite. Die ferngesteuerte Plastikpuppe an der Seite des Testosteron-Terroristen ist dessen perfektes Pendant: Der leere Blick vereint sie.

Alice im Macho-Land erinnert sich daran, dass vor einiger Zeit, es kommt ihr plötzlich lange vor, selbst hartgesottene Feministinnen angefangen hatten, von echten Kerlen zu delirieren. Solchen, die nach Schweiß riechen, würzigem, mit einem bläulichen Schimmer auf verheißungsvoll gekerbten Kinn. War es nicht zur gleichen Zeit, in der plötzlich Thai-Frauchen neben dicken Männern auf Sofas lächelten und nickten? In der Russinnen, die angeblich über alles verfügen, was das Herz undsoweiter des Mannes begehren, Raym und Marcel das wollüstige Fürchten lehrten?

Feministinnen schickten ihre Söhne in Eisenhans-Programme, damit diese an der Männerwelt schnuppern konnten, die sie, die bösen Mütter, schon ins prähistorische Museum verbannt hatten. Partner_innen im Unisex-Look, die gemeinsam das Bio-Gemüse in den Wok schnippelten und dazu Kultursender hörten, wirkten plötzlich etwas altbacken.

Irgend etwas schien zu fehlen, im Milden Westen.

Macho, seufzte Östrogenia sehnsüchtig. Ein Pirat, ein Trapper, ein Cowboy. Ein Schiff wird kommen, ein Irrer wird kommen, einer würde in ihr Leben sprengen und es sprengen.

Alice wandelt durch Macho-Land mit seinen Insass_innen, die geklont auf sie wirken. Rundum sie werden immer gleiche Rollenspiele gespielt. Sie gähnt, Zeit, heim zu gehen, die Füße auf den Tisch zu legen und die Spätnachrichten zu schauen. Vielleicht wacht der Mann auf, und sie kann ihm von ihrer Reise erzählen.

Michèle Thoma
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