Passt Luxemburg-Forschung zu Lëtz make it happen? Ein Papier des Forschungsfonds lässt daran zweifeln. Doch die Sache ist komplex

Luxemburg studieren

Leo Belgicus, ein Kupferstich von 1609 von Claes Janszoon Visscher. Der Löwe symbolisiert die Stärke der 17 Provinzen der Nieder
d'Lëtzebuerger Land vom 21.06.2019

Es war kein kleiner Vorwurf, den Michel Pauly, emeritierter Geschichtsprofessor und Mittelalterforscher der Universität Luxemburg, vor zwei Wochen dem Nationalen Forschungsfonds FNR gemacht hatte: Der sei drauf und dran, die akademische Freiheit an der Uni zu beschneiden, meinte Pauly am 6. Juni in einem „Fräie Mikro“ im Radio 100,7. Denn er empfehle der Regierung, Forschungsgelder für Luxemburg-Studien „einem einzigen Institut zuzuschustern“, dem 2016 neu gegründeten Interdisziplinären Forschungszentrum für Digitale Geschichte und Zeitgeschichte (C2DH).

Im Herbst vergangenen Jahres hatte der FNR darüber nachzudenken begonnen, welche Bereiche der öffentlichen Forschung in Zukunft „national prioritär“ sein sollen. Dazu beauftragt hatte ihn noch die vorige Regierung. Im April schrieb der FNR seinen Abschlussbericht, in dem er einen Fokus auf fünf Bereiche empfiehlt: Materialwissenschaften zum einen, zum zweiten Biomedizin und „Präzisionsmedizin“. Drittens Umweltwissenschaften und Nachhaltige Entwicklung, viertens Sozial- und Humanwissenschaften sowie fünftens Daten- und Informationssysteme und Kommunikationstechnologien.

Dass Sozial- und Humanwissenschaften zu einer nationalen Priorität werden sollen, ist bemerkenswert. Bisher ist das nicht ganz so, in den 2007 zum ersten Mal aufgestellten Schwerpunkten heißt einer „Societal challenges for Luxembourg“. Gemeint sind damit die drei Themen „Social and economic cohesion“, „Education and learning“ sowie „Identities, diversity and interaction“. Die ersten beiden Themen stehen in dem neuen FNR-Vorschlag auch. Hinzugekommen ist „Finance, markets and regulation“. Das Identitäts-Thema wurde umformuliert in „Cultural identities and nationhood in a multicultural society“.

Michel Pauly meint, darin könnten sich die an der Uni tätigen Literaturwissenschaftler, Linguisten, Historiker, Philosophen und Politologen durchaus wiederfinden. „Dass thematische Schwerpunkte gesetzt werden, ist völlig in Ordnung“, sagt er dem Land. Was ihn stört, ist die Empfehlung auf Seite 39 des FNR-Berichts: Wenn es um die Verbreitung von Geschichtsforschung gehe, „the focus should be on contemporary history around the recently created centre for contemporary and digital history (C2DH)“. Und ein paar Abschnitte weiter schreibt der FNR, Luxemburg habe in den letzten Jahren konsequent in die „digital humanities“ investiert und mit „digital history“ einen „unique selling point“ geschaffen. Deshalb sei der Ausbau des C2DH „absolutely necessary“. Pauly versteht all das nicht nur so, als wolle der FNR künftig allein Historiker unterstützen, die mit dem Zentrum für Zeitgeschichte zusammenarbeiten. Er fürchtet auch, der „Ausbau“ des Zentrums werde Mittel verschlingen, die allen anderen Gebieten der Luxemburg-Forschung entzogen würden.

Wie der FNR seine Empfehlungen meint, hatte Generalsekretär Marc Schiltz dem Land zu erläutern in Aussicht gestellt, doch dann abgesagt, weil sich ein Auslandsaufenthalt verlängerte. Die Sorgen Michel Paulys scheinen nicht nur die eines emeritierten Professors zu sein, der es sich einerseits erlauben kann, mehr zu sagen als Kollegen, die noch im Uni-Betrieb stehen, mit diesem aber andererseits nun weniger zu tun hat: Der Dekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät, Georg Mein, antwortete nicht auf eine Anfrage um einen Kommentar. Land-Informationen nach hat er beim FNR aber wegen der Empfehlungen interveniert.

„Dass die Ideen des FNR dazu führen, dass die Luxemburg-Forschung unter den Tisch fällt, glaube ich nicht“, sagt Sonja Kmec, Geschichtsprofessorin und Koordinatorin der Forschungseinheit Ipse, was für Identités, Politiques, Sociétés, Espaces steht und Luxemburg-Studien von der Geschichte über die Sprachwissenschaft bis hin zur Geografie umfasst. Kmec findet es aber „bedenklich“, dass das Zentrum für Zeitgeschichte womöglich aller anderen Geschichtsforschung „vorgeschaltet“ werden könnte. „Die Zusammenarbeit mit dem Zentrum ist hervorragend, aber die Forschungsautonomie muss gewährleistet bleiben.“

Was auch deshalb wichtig erscheint, weil die Uni seit zwei Jahren keine neuen internen Forschungsvorhaben mehr auflegt. Der FNR finanziert nicht jede Forschung. Jährlich gibt er an die 60 Millionen Euro an Fördergeldern aus, davon 20 Millionen für Projekte, die in die prioritären Bereiche fallen. Im Budget 2018 der Universität machten FNR-Zuwendungen 55 Prozent der Einnahmen aus Drittmitteln aus und ein Achtel aller Einnahmen. Aber die Mathematik zum Beispiel, deren Leistungen regelmäßig gelobt werden, ist zurzeit national nicht prioritär, der Bereich Recht ebenfalls nicht. Zwar unter hält der FNR auch einen Topf für nicht-prioritäre Projekte, doch die Uni ist ebenfalls gefordert bei der Finanzierung dieser Bereiche. 2017 aber vereinbarten Rektorat und Fakultäten einen Stopp für interne Projekte. Die Forschungs-Finanzierung ist offenbar eine komplexe und widersprüchliche Angelegenheit.

Auseinandersetzungen über Stellenwert und Schwerpunkte der Luxemburg-Forschung sind dabei so alt wie die Uni. Eigentlich noch älter als sie: Vom einstigen Präsidenten des Centre universitaire, Norbert von Kunitzki, ist der Satz überliefert, die Geschichte Luxemburgs habe mit der Stahlindustrie begonnen. Was Mittelalterforscher Pauly schon damals aufbrachte, heute bescheinigt der FNR ausgerechnet den Mittelalterforschern am Historischen Institut, „one of the strongest groups at UL [University of Luxembourg], with high international visibility“ zu sein. Die Historiker insgesamt, bilanziert der FNR, hätten zwischen 2014 und 2017 eine Erfolgsrate (38 Prozent) beim Beantragen von FNR-Geldern gehabt, die über dem Uni-Schnitt lag (28 Prozent). Trotzdem kann Michel Pauly Beispiele nennen, wie der FNR Gelder nicht genehmigte, obwohl die wissenschaftliche Qualität nicht in Frage zu stehen schien: „Das Institut erarbeitet nun schon in der zweiten Phase den digitalen Atlas der Stadt Luxemburg. Atlanten dieser Art gibt es für 500 europäische Städte.“ Nachem der FNR die erste Phase finanziert habe, sei die zweite abgelehnt worden, obwohl positive Gutachten vorlagen: Das Projekt habe keine Priorität. Zum Glück sei die Stater Gemeinde mit Geld eingesprungen. Ebenfalls nur in einer ersten Phase habe der Forschungsfonds ein Projekt über Gräberkultur finanziert. „Phase zwei wurde trotz zweier positiver Gutachten abgelehnt“, sagt Pauly. „Und zur Begründung hieß es, eines der Gutachten sei derart positiv, dass die Weiterfinanzierung nicht in Betracht gezogen werden könne.“ Das Jahr 2018 sei besonders ernüchternd gewesen. Da habe der FNR von der gesamten Forschungsabteilung Ipse nur vier Vorhaben akzeptiert: von einer Historikerin, je zwei eines Germanisten und ein Projekt eines Philosophen. Zwischen 2014 und 2017 seien es 33 gewesen, also rund acht pro Jahr. „Das nenne ich keine konsequente Unterstützung der Geisteswissenschaften!“

Ähnliche Bemerkungen machen andere Professoren, auch aus anderen Bereichen der Humanwissenschaften, nur ohne dass ihr Name in der Zeitung erscheint. Da heißt es zum Beispiel, der FNR mische sich schon mal in Arbeitsmethoden ein, was eindeutig zu weit gehe. Was vielleicht auch daran liegt, dass keine andere Organisation hierzulande über so viel Expertise zur Beurteilung von Forschung verfügt. Konflikte um die Zuerkennung von FNR-Geldern gab es früher schon. Vor acht Jahren etwa warfen die Uni, aber auch verschiedene öffentliche Forschungszentren dem Fonds vor, an junge Forscher zu hohe Maßstäbe anzulegen. Für Vorhaben junger Wissenschaftler besteht ein extra Förderprogramm. Solche Vorwürfe konterte der FNR damit, ohne rigorose Qualitätsansprüche sei Luxemburg als Forschungstandort schnell weg vom Fenster.

Was künftig prioritär sein soll, ist noch eine andere Diskussion. Die hat der FNR, wie dem Bericht zu entnehmen ist, anhand der Prämissen geführt, dass in Luxemburg die wirtschaftliche Diversifizierung vorangetrieben, Hightech-Nischen entwickelt und privates Kapital für Innovationsvorhaben mobilisiert werden müsse – wozu es nötig sei, öffentliche Forschungsmittel entsprechend gezielt einzusetzen. Dass sich darin die Wirtschaftspolitik der Regierung widerspiegelt, muss nicht verwundern. Ebenfalls nicht, dass schon im Koalitionsvertrag steht, welche Forschungszweige bis zum Ende der Legislaturperiode prioritär sein sollen, und die Aufzählung den Empfehlungen des FNR ziemlich ähnelt: Wie die Uni und die drei öffentlichen Forschungszentren ist auch der FNR über einen Leistungsvertrag an den Staat gebunden. Ehe er seine Empfehlungen fertig schrieb, glich er sie ab mit Vertretern der Fedil, des Bankenverbands ABBL, der „Denkfabrik“ Idea der Handelskammer und Luxinnovation, dem verlängerten Arm des Wirtschaftsministeriums, der Innovationsbeihilfen an Unternehmen ausreicht. Wer weiß, wer die Idee hatte, das Institut für Zeitgeschichte als einen „unique selling point“ aufzufassen. 2007 hatte der FNR über die Forschung noch mit den forces vives de la nation wie der Caritas nachgedacht.

Am Ende hängt es von der Regierung ab, was aus den Vorschlägen wird. „Wir verfeinern sie natürlich noch, führen weitere Konsultationen durch“, betont Léon Diederich, der Generalkoordinator im Hochschul- und Forschungsministerium. Dass FNR-Mittel „auf eine Struktur“ konzentriert würden, werde es sicherlich nicht geben. „Auch wenn ich der Entscheidung des Regierungsrats nicht vorgreifen kann: Unser Ministerium wird nicht sagen, Geschichte soll sich aufs Zentrum für Zeitgeschichte konzentrieren.“

An der Universität arbeitet der Vizerektor für Forschung, Jens Kreisel, derweil an einer Reaktivierung der internen Projektförderung. 66 liefen derzeit noch, sagt er dem Land. Stoppen habe die Uni vor zwei Jahren nichts wollen, sondern einen neuen Rahmen gewollt. Den stellt Kreisel sich so vor, dass interne Projekte besonders „interdisziplinär“ angelegt sein sollten. Wobei Geisteswissenschaftler meist interdisziplinärer dächten als Naturwissenschaftler: „Dass ein Historiker sich mit einem Philosophen zusammensetzt, kommt viel eher vor als zwischen einem Physiker und einem Biologen.“ So gesehen, werde auch die Uni zur Finanzierung der Luxemburg-Forschung stehen können, wenngleich Kreisels Vorschlag die Instanzen der Uni noch nicht passiert hat und er deshalb noch nicht sagen will, welche „Enveloppe“ damit verbunden sein soll.

Zu den Widersprüchen des Forschungsbetriebs und seiner Finanzierung gehört freilich auch, dass interne Projekte bei den Wissenschaftlern weniger beliebt sind, als vom FNR akzeptiert zu werden: Letzteres bringt der Reputation mehr. Widersprüchlich ist auch, dass die Geisteswissenschaftler der Uni sich offenbar wenig für jenen FNR-Fördertopf interessieren, der explizit für nicht-prioritäre Vorhaben gedacht ist und Open heißt. 2018 wurde von der Forschungseinheit Ipse ein Projekt darüber finanziert, aber auch nur dieses eine eingereicht. Das scheint FNR-Pressesprecher Didier Goossens recht zu geben, der im Radio 100,7 ein paar Tage nach Michel Paulys Beitrag gesagt hatte, es bestünden auch andere Finanzierungsmöglichkeiten als allein die für prioritäre Gebiete. Der Forschungsrektor der Uni stellt ebenfalls fest, Mathematiker und Juristen seien viel aktiver bei der Nutzung dieser Quelle als die Geisteswissenschaftler. „Dann ist es schwer, dem FNR zu sagen, macht diesen Topf für sie breiter.“

Vielleicht, sagt ein Professor der Humanwissenschaften zum Land, liege das kleinere Interesse seiner Kolleginnen und Kollegen daran, dass sie dächten, um einen Topf, der für „alles“ da ist, müsse die Konkurrenz riesig sein. Ihm persönlich sei vom FNR selber abgeraten worden, die „offene“ Fördermöglichkeit zu nutzen. Doch so widersprüchlich die Forschungsförderung ist: Auch eine Bewegung Lëtz make it happen, die nach den Sternen greift, scheint Luxemburg-Studien nicht auszuschließen. Wenn der der Supercomputer in Bissen schon Meluxina heißen soll ...

Peter Feist
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