Ausstellung Les Frontières de l'indépendance

Rasanter Biedermeier

d'Lëtzebuerger Land vom 09.10.2015

Auf dem Wiener Kongress wurde die Restaura­tion nach der Französischen Revolution organisiert, getanzt und 1815 das Großherzogtum Luxemburg erfunden. Das war irgendwie in Vergessenheit geraten. Denn spätestens seit 1939, als die nationale Mobilisierung gegen den drohenden deutschen Überfall nötig war, und noch 1989, als gleich drei nationalistische Parteien kandidierten, wurde die Restauration nach der Belgischen Revolution 1839 als Gründungsakt des Staats gefeiert. So wird es neuerdings für eine Entdeckung gehalten, wenn ein Historiker daran erinnert, dass das Großherzogtum 1815 entstanden ist. Doch „ob die Unabhängigkeit“ 1815 oder 1839 stattfand, „bleibt dabei offen“, heißt es auch heute noch in der Ausstellung Die Grenzen der Unabhängigkeit. Luxemburg zwischen 1815 und 1839 im Musée Dräi Eechelen.

Die zum 200. Jahrestag des Wiener Kongresses zusammengestellte Ausstellung erzählt gediegen und gemütlich von einer Zeit, die biedermeierlich beschränkt war und zugleich eine ungeheure Beschleunigung erfuhr. Wer 1780 als Untertan des österreichischen Kaisers im Ancien Régime geboren wurde, war mit 60 Jahren Bürger und wieder Untertan der französischen Republik, des napoleonischen Kaiserreichs, der niederländischen Monarchie, des revolutionären Belgiens und des Großherzogtums unter dem niederländischen König gewesen.

Vor allem an Hand von Porträts und Dokumenten, aber auch Einrichtungsgegenständen und Utensilien wird das oft eingewanderte Bürgertum gezeigt, das beschlagnahmte Kirchengüter in Manufakturen verwandelte. Es machte nicht ohne den nötigen Opportunismus Karriere in den wechselnden Verwaltungen und Armeen und erlitt Rückschläge durch die politisch und damit wirtschaftlich unsicheren Zeiten.

Interessante Aspekte sind der kulturelle Aufschwung nach 1820, für den Maler wie Jean-­Baptiste Fresez, Nicolas Liez und Jacques Sturm stehen; Pierre-Joseph Redouté wird auch hinzugezählt. Oder die Einwanderung von Bürgern aus der zum Zonenrandgebiet verurteilten Eifel und selbstverständlich der Weiße Elefant des nie vollendeten Kanals zwischen Meuse und Rhein.

Wie der Titel der Ausstellung vermuten lässt, wird viel Wert auf die Probleme der Grenzziehung bei der wiederholten Änderung des Regimes und des Staatsgebiets gelegt. Historische Kartenserien zeigen, wie der Grenzverlauf zwischen Dörfern, Wäldern und Wiesen festgelegt wurde und Nachbarn über Nacht zu Ausländern machte.

Den Charme der Ausstellung machen die selten zu sehenden und immerhin ein ganzes Jahr zur Verfügung gestellten Leihgaben aus. Das Museum wirbt mit dem portugiesischen Exemplar der Schlussakte des Wiener Kongresses – ein luxemburgisches gibt es nicht, weil es keinen luxemburgischen Unterzeichnerstaat gab. Manche Besucher dürften ebenso viel Gefallen an unscheinbareren Stücken finden, wie die erstmals versammelten Porträts des dichtenden Mathematikers Antoine Meyer (siehe nebenstehend).

Enttäuschend ist aber das ebenfalls aus dem frühen 19. Jahrhundert zu stammen scheinende Geschichtsbild. Dass mit Ausnahme des gehobenen Bürgertums die restlichen 95 Prozent Einwohner des in Wien erfundenen Staates in der ganzen Ausstellung gar nicht vorkommen, lässt sich auch nicht durch die Spärlichkeit der Exponate entschuldigen.

Les Frontières de l’indépendance, Musée Dräi Eechelen, bis zum 22. Mai 2016, täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr, dienstags geschlossen. Ein Katalog soll Ende des Jahres nachgereicht werden. Weitere Informationen unter: www.m3e.public.lu/fr/index.html
Romain Hilgert
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