Der Beschluss des Escher Schöffenrats, Portugiesisch aus dem Regelunterricht zu verbannen, führt bei den Betroffenen zu Wut

„Nicht ohne uns!“

Portugiesisch in Esch/Alzette
d'Lëtzebuerger Land du 24.02.2017

„Wir wurden nicht gefragt, obwohl es unsere Kinder betrifft. Das werden wir nicht hinnehmen.“ Die Ansage von Pedro Ribeiro ist klar und kämpferisch zugleich. Er ist einer von mittlerweile 1 500 Unterzeichnern einer Petition, die sich dafür einsetzt, die Portugiesisch-Klassen im Stundenplan der Escher Grundschulen beizubehalten.

Im November 2016 stimmte der sozialistische Schöffenrat in Esch-Alzette auf Anraten der Schulkommission dafür, die Cours intégrés abzuschaffen, in denen lusophone Einwandererkinder auf Portugiesisch an Naturwissenschaften herangeführt werden, und sie künftig nur noch außerhalb der Schulzeit anzubieten. Groß war daraufhin die Aufregung unter Eltern und Schülern, und nicht nur da: „Es ist wissenschaftlich unbestritten, dass gute Kenntnisse in der Muttersprache für das Erlernen weiterer Sprachen Voraussetzung sind“, unterstreicht Paula Martins, Präsidentin der Confederação da Comunidade Portuguesa do Luxemburgo (CCPL). „Die Kurse sind auch wichtig zur Integration.“ Portugiesische Abgeordnete schimpften über die „Respektlosigkeit gegenüber der portugiesischen Gemeinschaft“ und sahen das Abkommen zwischen Portugal und Luxemburg von 2008 verletzt, Außenminister Augusto Santo Silva sprach von einem „politischen Problem“. Luxemburg drohte eine diplomatische Krise.

Ende Januar wurde der portugiesische Botschafter in Luxemburg, Carlos Pereira Marques, von der Wochenzeitung Contacto mit der Aussage zitiert, er sei sich sicher, Esch werde die Entscheidung überdenken und die Kurse würden fortbestehen. Woher sein Optimismus herrührt, ist unklar. Der vom Land im Ausland kontaktierte Escher Schulschöffe will davon jedenfalls nichts wissen. Er bekräftigte die Position seiner Gemeinde. „Die Kurse bringen nichts“, sagte Jean Tonnar. „Wir haben schon vor zwei Jahren mitgeteilt, dass wir die Organisation der Kurse ändern wollen, aber von der portugiesischen Seite kam keine Antwort. Unsere Haltung hat sich nicht geändert.“

Mehr als 550 Kinder betroffen

Rund 2 800 Kinder aus Portugal, den Kap-Verden, Brasilien besuchen landesweit Portugiesischklassen, 1 600 während der Schulzeit, 1 200 außerhalb des Stundenplans. In Esch selbst sind es etwa 550 Kinder. „Viele von uns haben es aus der Zeitung erfahren, manche über den Lehrer oder das Schulkomitee, aber da stand die Entscheidung fest“, ärgert sich Pedro Ribeiro. Man wolle „keine Probleme machen, sondern bestehende Probleme lösen“. Die integralen Kurse abzuschaffen, sei keine Option. Die Frustration und Wut, die bei den Eltern mitschwingt, hat eine Vorgeschichte: Im November war Kindern der Grundschule Grand Rue in Esch der Besuch ihres Portugiesischkurses untersagt worden – als Strafe für angeblich nicht erledigte Hausaufgaben. Auch Ribeiros Kind befand sich unter den Abgestraften. Eltern waren skandalisiert, erst recht, als die Nachricht die Runde machte, die Kurse würden aus dem Stundenplan verbannt. Vielen hängt noch die Polemik um ein – unzulässiges – Portugiesisch-Verbot in einigen Kindergärten von vor zwei Jahren nach. „Portugiesische Einwanderer sind ein Teil Luxemburgs, und für viele ist die erste Sprache, die sie lernen, Portugiesisch.“ Ribeiro schloss sich mit anderen Eltern zusammen, startete eine Petition für den Erhalt der Cours intégrés und gründete einen Elternverein. „Wir sind offen für alle, die sich Gehör verschaffen wollen, nicht nur für Portugiesen“, unterstreicht Ribeiro.

Der Streit um die Sprachkurse geht noch viel weiter zurück und ist nicht auf Esch begrenzt. Schon unter den Ministerinnen Anne Brasseur (DP) und Mady Delvaux (LSAP), die die „Valorisation de la langue maternelle“ erstmals in einem Sprachen-Aktionsplan verankerte, standen sie auf dem Prüfstand, nachdem Klagen von Lehrern und Gemeinden nicht abrissen, die Organisation der Klassen sei zu aufwändig, das Interesse begrenzt und die Abstimmung zwischen portugiesischen und Luxemburger Lehrer funktioniere nicht gut. Auch die Unterrichtsqualität und die Inhalte wurden kritisiert. Unwillige Lehrer sprachen den Kursen von vornherein alle Nützlichkeit ab. Die Kinder täten besser, Deutsch zu lernen. Eine Einschätzung, die Schulschöffe Jean Tonnar teilt.

Lerneffekt unklar

Die aber unbewiesen bleibt. Denn eine wissenschaftliche Analyse zur Wirkungsweise der Cours intégrés gab es in den 30 Jahren, die es die Kurse gibt, erstaunlicherweise nie. Was einiges über die politischen Prioritäten aussagt. 2005 bemühte sich Christiane Tonnar, damalige Leiterin des Service de la scolarisation des enfants étrangers im Schulministerium, um eine Auswertung. Fazit: Das Angebot schwankte schon damals nach Gemeindegröße und Bevölkerung stark. Längst nicht alle lusophonen Kinder machten vom Angebot Gebrauch; nur rund zehn Prozent besuchten die Kurse über ihre gesamte Grundschulzeit. Eine valide Aussage darüber, wie sich die Förderung der Muttersprache auf die schulischen Leistungen auswirkt, erlaubt die Studie aber nicht. Zwar heißt es: „Il ne s’agit en tout cas pas d’un facteur significatif pouvant influencer dans un sens ou l’autre les chances de réussite dans le système scolaire luxembourgeois“, doch die Untersuchung hält wissenschaftlichen Kriterien nicht stand.

Dass die Kurse gleichwohl nicht optimal laufen, bestreitet kaum jemand. Zum einen sind sie nicht als Sprachunterricht konzipiert – das war politisch nicht gewünscht –, sondern sollen lusophone Kinder an Naturwissenschaften heranführen und quasi nebenbei Kompetenzen in der Muttersprache stärken. Das wurde aber nicht von jedem Lehrer so umgesetzt. Beschwerden von Kollegen oder Eltern zu den Inhalten fruchteten jedoch wenig. Die Frage, wer die Aufsicht über die Kurse hat, ist umstritten. Im Ministerium galt das Thema als heikel, wegen möglicher diplomatischer Folgen: Die Kurse werden vom Sprachinstitut Instituto Camões in Lissabon bezahlt, das eine Niederlassung in Luxemburg hat. Die Lehrer stammen aus Portugal und erhalten Programme und Bezüge von dort. Eigentlich sollte das 2008 abgeschlossene bilaterale Abkommen die Zusammenarbeit zwischen Schulministerium und Institut auf neue Füße stellen.

Du bist schuld! Nein, Du!

Dazu kam es aber nicht. Warum der Vorstoß scheiterte, ist schwierig zu ermitteln: Beide Seiten weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Carlos Pato, Generalsekretär des Syndikats der Portugiesischlehrer in Luxemburg, berichtet über unmögliche Uhrzeiten für Besprechungen (die Lehrer müssen oft zwischen den Schulen hin- und herfahren). Auf Versammlungen der Schulkomitees sollen sich Luxemburger Kollegen geweigert haben, für die Lehrer, die oft kein Luxemburgisch sprechen, ins Französische zu wechseln. Andersherum beklagen sich diese, ihre portugiesischen Kollegen würden nicht erscheinen und Absprachen nicht einhalten. Das Hin und Her um Organisation und Personalfragen soll auch der Grund gewesen sein, warum in Differdingen schon vor ein paar Jahren die Cours intégrés abgeschafft wurden. Dort besteht mit der École internationale aber ein neues portugiesischsprachiges Unterrichtsangebot, das bald auf Esch ausgedehnt werden soll.

Die Escher Eltern wollen sich nun mit einem Brief an den Schulminister wenden. Claude Meisch (DP) hatte in einem Contacto-Interview signalisiert, er könne nichts machen. Fragen der Schulorganisation fallen unter die Gemeindeautonomie. Tatsächlich aber kommt dem Minister die Zuspitzung in Esch wohl nicht ungelegen: Ebenfalls gegenüber Contacto betonte Meisch, er versuche seit drei Jahren, mit den portugiesischen Autoritäten ins Gespräch zu kommen, um über das pädagogische Konzept der Sprachkurse zu reden. Bisher ohne Antwort. Das Land wollte den portugiesischen Botschafter zu den Vorwürfen hören, erhielt trotz mehrfacher Anfragen bis Redaktionsschluss jedoch keinerlei Antwort.

„Selbstverständlich ist es wichtig und richtig, dass Einwandererkinder etwas bekommen, das sie in der Muttersprache unterstützt“, sagt Regierungsberater Pierre Reding im Gespräch. Man wolle den Akzent „stärker auf den ersten Zyklus legen“. Für das Ministerium geht es darum, das Portugiesischangebot mit dem eigenen Vorstoß für einen neuen Sprachenunterricht abzustimmen. Im Sitzungsbericht des Escher Schöffenrats vom 8. November 2016 ist die Rede eines Projekts im ersten Zyklus mit „portugiesischen Sprachassistenten“, die allerdings Luxemburgisch sprechen können sollen. Mehr steht dort nicht, und auch Reding nennt keine Details. Man feile noch am Konzept und werde dies mit den portugiesischen Verhandlungspartnern erörtern, so Reding bedächtig. Der Vorschlag ist einer von elf Punkten, die in dem Verhandlungspapier stehen, das die luxemburgische Delegation am 3. März in Lissabon diskutieren will. Weitere Punkte sind Fächerinhalte, ergänzende Sprachnoten, Lehrerpflichten, Kooperation und Schulqualität. Auch die Arbeit der Portugiesischlehrer soll überprüft werden.

Akzent auf Frühförderung

Reding gibt sich optimistisch, dass eine zufriedenstellende Lösung für beide Seiten gefunden werden könne; man sei sich „bereits bei neun Punkten einig“. Doch in Esch bleibt die Stimmung angespannt. Sowohl die Eltern als auch die Gewerkschaft der Portugiesischlehrer beharren darauf, die Klassen in der Regelschulzeit zu organisieren. Die Gewerkschaft ist in Portugal nicht ohne Einfluss, wie die Wortmeldungen der vergangenen Monate zeigen. Während es für die Lehrer insbesondere um die Zukunft ihres Arbeitsplatzes geht, stehen für die Eltern pädagogische und emotionale Aspekte im Vordergrund. „Für uns ist wichtig, dass die Muttersprache in der Regelschule ihren Platz hat. Denn sie ist fundamental für die Entwicklung und die Identität unserer Kinder“, betont Pedro Ribeiro.

Dass das mehrsprachige Luxemburger Schulsystem systematisch Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen und mit Migrationshintergrund diskriminiert, ist seit Jahren bekannt. Doch die Politik hat noch immer kein Mittel, diese Ungleichheit abzustellen oder zumindest den Bildungsgraben zu verkleinern. Vielversprechende Ansätze, wie eine Studie der Erziehungswissenschaften der Uni Luxemburg darüber, wie gezielte Sprachinterventionen Vorschulkindern portugiesischer Herkunft beim Sprachenlernen helfen können, erhalten wenig Aufmerksamkeit.

Derweil besteht die lusophone Zuwanderung längst nicht mehr nur aus Arbeitern und Niedrigqualifizierten. Verstärkt kommen gut ausgebildete junge Menschen und ihre Familien nach Luxemburg. Sie stellen, anders als die Generationen vor ihr, selbstbewusst Forderungen an die schulische Ausbildung ihrer Kinder und an den Staat. Parallel zur Petition kursieren Aufrufe, sich ins Wahlregister für die Gemeindewahlen im Oktober einzutragen: Portugiesen machen ein Drittel der fast 34 000 Einwohner in Esch-Alzette aus, der Konflikt könnte Folgen für die Wahlen haben. Vor dem Hintergrund eines Sprachenstreits, der zunehmend verhärtet und mit nationalistischen Untertönen geführt wird, können unbedachte Aussagen indes wie Öl auf Feuer wirken. Sergio Ferreira von der Ausländerorganisation Asti mahnt, die Debatte „sachlich zu führen“. Doch um sich zu verständigen, muss man sich zunächst als Gesprächspartner ernstnehmen. Und daran hapert es weiterhin, wie nicht nur das Beispiel Esch zeigt: Obwohl Luxemburgs Wirtschaft wie bei keinem anderen EU-Land von der Zuwanderung abhängt, obwohl die lusophone die größte Zuwanderergemeinschaft im Land ist und Parteien aller Couleur in Sonntagsreden Partizipation und Inklusion beschwören, tun sich Politiker, Schulbehörden und Lehrer mit einem Dialog auf Augenhöhe schwer.

Kühl auf Beteiligungsmöglichkeiten in Komitees und Kommissionen zu verweisen, wie es Schulschöffe Jean Tonnar macht, blendet die Realität insofern aus, als viele Eltern von Einwandererkindern Probleme haben, sich einzubringen, weil sie entweder die Zeit nicht haben, sie die Sprache nicht sprechen oder sich nicht trauen. Auf nationaler Ebene ist es nicht besser: Anders als seine Vorgänger, die viel Zeit investierten, um mit den verschiedenen Gruppen ins Gespräch zu kommen, gibt es unter Meisch wenige solcher partizipativer Initiativen. Die Arbeitsgruppe, die sich Gedanken über ein neues Konzept für den Sprachenunterricht macht, besteht aus Lehrern und Beamten, statt auch Vertreter von Sprachgruppen von Anfang an einzubeziehen. Und nicht erst wenn Entscheidungen gefallen, Konzepte geschrieben sind und somit (wieder) nur die Rolle des Nörglers bleibt.

„Es geht nicht nur um die portugiesischsprachigen Kinder. Luxemburgischsprachige Schüler hadern oftmals mit den Französischanforderungen. Der Sprachenunterricht gehört insgesamt auf den Prüfstand, wenn wir allen eine faire Chance bieten wollen“, sagt CCPL-Präsidentin Paula Martins. Wenigstens in diesem einen Punkt dürften sich alle Seiten einig sein.

Ines Kurschat
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