Radio Shack Nissan Trek

Hungerast

d'Lëtzebuerger Land du 20.07.2012

Ob der Doping-Verdacht gegen Frank Schleck, die Zersetzung der Radsportmannschaft Radio Shack Nissan Trek nun beschleunigt oder bremst, bleibt abzuwarten. Der Eindruck, dass die Geier über dem einstigen Prestige-Projekt kreisen, nimmt auf jeden Fall zu. Denn ohne die positive Probe hätten die Schlecks, so heißt es in ihrem Umfeld, wahrscheinlich wegen der Gehaltsrückstände schon Klage gegen Leopard S.A. eingereicht. Ihr Anwalt, Albert Rodesch, bereitet die Unterlagen vor. Über Monate hinweg, so hatten nationale und interna­tionale Medien berichtet, hätten die Schleck-Brüder Frank und Andy sowie andere Fahrer ihr Gehalt verspätet bekommen. Das hatte Team-Besitzer Flavio Becca noch vor kurzem in einem Fernseh-Interview bestritten und als Gerüchte abgekanzelt. Sein Sprecher, Carlo Rock, ruderte später. Aber nicht wirklich zurück. Becca habe eine Garantie beim internationalen Radsportverband UCI hinterlegt, sagte er RTL und der Süddeutschen Zeitung. Man prüfe außerdem die Firmenkonten, auf die die Gelder zu überweisen seien. Inzwischen spekuliert die Fachpresse intensiv darüber, ob die Schlecks zu einer anderen Mannschaft wechseln und die UCI Leopard die Pro-Tour-Lizenz entziehen wird, die zur Teilnahme an großen Rennen gebraucht wird.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Bei der Tour der France 2010 fuhr Andy Schleck ins Leader-Trikot, Luxemburg, „wir“, waren Andy und er Maillot jaune. Wäre ihm die Kette nicht vom Zahnrad gesprungen, hätte er sich gleich auf den Champs Elysées als Sieger feiern lassen können. Das Missgeschick mit der Kette schreiben viele Fans der vermeintlich schlechten Organisation im damaligen CSC-Team zu und waren deswegen nur zu beglückt, als kurz darauf die ersten Gerüchte von der neuen Mannschaft, der „Luxemburger“ Mannschaft, aufkamen. Den Geschäftsmann Flavio Becca, der versprach, „das beste Team der Welt“ aufzustellen, hatten die meisten Luxemburger bis dahin nicht bewusst wahrgenommen.

Zwar war bereits im Februar 2009 angekündigt worden, die Gruppe Becca werde das nationale Fußball-Stadion in Liwingen bauen. Doch vorgestellt hatten das Projekt der damalige Sportminister Jeannot Krecké (LSAP), der FLF-Vorsitzende Paul Philipp und der Roeser Bürgermeister Tom Jungen (LSAP). Flavio Becca selbst trat nicht in Erscheinung. Besagter Becca belegte 2006 im Paperjam-Ranking für viele überraschend Rang 88. Ein Foto von ihm gab es nicht. Paperjam beschrieb ihn als „Entrepreneur et homme d’affaires, il cultive avec art une discrét­ion certaine, nanti d’une étiquette de grand mécène pour les uns, ou d’une réputation plus sulfureuse pour d’autres. (...) On lui prête par ailleurs l’intention de s’associer au projet de nouvelle banque privée de Marc Hoffmann...“ Anders als andere Bauunternehmer trat er nicht in deren Verbänden in Erscheinung, spazierte, anders als die Konkurrenten, nie vor Kameras zu Tripartite-Verhandlungen ins Staatsministerium. Bekannt war Flavio Becca deshalb eher einer Minderheit von Leuten, die etwa direkt beruflich mit ihm zu tun hatten. Oder – das Fahrradteam ist nicht sein erstes Sport-Projekt – sich für den Fußball-Verein F91-Düdelingen interessierten, der durch sein Sponsoring und Mitwirken in den vergangenen Jahren die heimische Oberliga dominierenden konnte. Den Namen Becca hörte man auch dabei kaum. Das Fußball-Sponsoring lief über seine Nahrungsmittel-Importfirma. „Lavazza as de Kaffi...“ – mit solchen Werbeslogans, jahrelang in Funk und Fernsehen zu hören, hat Flavio Becca den Luxemburgern italienische Kaffeekultur näher oder sie auf den Geschmack von Mortadella gebracht. Eurofood importiert auch heute noch vorwiegend italienische Lebensmittel. Wer war sich beim Kauf der Bratwurst mit Senf schon bewusst, dass hinter „ärem Emo-Metzler“ – inzwischen mit der Fleischverarbeitungskooperative Coboulux fusioniert – auch ein gewisser Herr Becca stand?

Mit dem Einstieg in die 2007 gegründete neue Privatbank um Marc Hoffmann, die Compagnie de banque privée, schaffte der 1962 geborene, inzwischen besser als Immobilienpromotor bekannte Becca den Einzug in die „besseren Kreise“. Die Liste der Verwaltungsratsmitglieder der Bank las sich wie das Who is who der Luxemburger Wirtschaft – als ehemaliger Bil-Direktor war Hoffmann ideal vernetzt. Lange blieb Becca allerdings nicht. Ende 2010 verkaufte er nach mehr oder weniger offen ausgetragenen Auseinandersetzungen mit den anderen Anteilseignern seine Aktien. Doch da war er in Kreisen der Entscheidungsträger kein Unbekannter mehr, das Projekt Liwingen bereits auf der Schiene und die Leopard-Mannschaft in einem Hollywood-reifen Spektakel in der Coque vorgestellt worden. Wie sich Sportevents zur Kontaktpflege eignen, hatten zuvor sein Geschäftspartner bei Immobi­lienprojekten, Eric Lux, und der Superstar des Wagniskapitals, Gérard Lopes, vorgemacht. Bereits 2009 hatten die Helden der Dienstleistungsgesellschaft ein Formel-1-Team gekauft. Der VIP-Bereich am Rand der Rennstrecke eigne sich gut zur Suche nach Investoren für ihre Start-ups, so die Überlegung. Anfang 2010 wurden Luc Frieden und Erbgroßherzog Guillaume beim Grandprix in Bahrain gesichtet – Aufregung gab es deswegen keine.

Becca verstand es, auf der patriotischen Welle zu surfen, die durch die Fahrrad-Erfolge der Schlecks entstand. Die redeten nach einem Etappensieg gerne „von einem großen Tag für Luxemburg“. Die Luxemburger ihrerseits glaubten ihnen gern. Nach der Bankgeheimnispolemik 2009, angesichts des schwindenen Einflusses von Staatsminister Jean-Claude Juncker (CSV) in Europa – worauf sollte man auch sonst stolz sein als auf die Schlecks? Becca versprach den Volkshelden beste Bedingungen, um endlich den Toursieg perfekt zu machen. Das Märchen vom siegreichen Brüderduo war so schön, dass den wenigsten auffiel, dass außer Schleck und Schleck kaum Luxemburger in der Luxemburger Mannschaft waren. Und so unwiderstehlich, dass, wer beim Volk beliebt sein will, sich der Magie nicht entziehen konnte. So ließ sich im Frühling 2011 auch Jean-Claude Juncker lächerlich machen und sich vor Kameras in seinem Büro das Leopard-Leibchen überziehen – ein Bild, das sich ins Kollektivgedächtnis einprägte. Und auf dem ein etwas korpulenter Mann mit Zahnlücke zufrieden grinst. Neben ihm steht Lucien Lux, sozialistischer Fraktionsvorsitzender und Ex-Minister, Verwaltungsratsmitglied bei Leopard S.A..

Ganz so rund lief es aber auch damals schon nicht. Leopard war ein griffiger Mannschaftsname. Allerdings hieß das Team so nur, weil sich kein Sponsor finden ließ, der als Namensgeber für das Team fungiert hätte. Etienne Schneider, heute Wirtschaftsminister, damals Regierungsrat im Wirtschaftsministerium und Vorsitzender des Verwaltungsrat von Enovos, musste sich nach Schlagzeilen wie „Millionen für Leopard Trek, Lohnkürzungen für die Beschäftigten“ für das Sponsoring des Energieanbieters rechtfertigen, erklärte damals, die Summen seien gering. Man habe Rabatt bekommen, nachdem man das erste Angebot als zu teuer abgelehnt habe. Das mikroskopisch kleine Luxair-Logo auf den Trikots – ein weiterer Beleg dafür, dass die Sponsoren nicht Schlange standen beziehungsweise das Budget und Preise zu hoch angesetzt waren. Deswegen hatte ja Flavio Becca die Garantie bei der UCI hinterlegen müssen.

Und vielleicht waren auch die Gehaltsvorstellungen und –versprechungen für die Stars im Team nicht ganz realistisch. Die Webseite sportune.fr hat diese Woche die Gehälter im Peloton der Tour verglichen. Demnach verdienten nur die Tour-Sieger Cadel Evans und Alberto Contador mehr als die Stars von RSN, Fabian Cancellara, Andy und Fränk Schleck, deren Jahresgehälter auf über zwei Millionen Euro für erstere und über 1,2 Millionen Euro für letzteren geschätzt werden. Über fünf Millionen Euro demnach für drei Fahrer, während auf der Gehaltsliste von RNS insgesamt 30 Fahrer stehen. In diversen Bilanzposten belaufen sich die Gehaltskosten bei Leopard S.A. von Juli 2010 bis Dezember 2011 auf über 13 Millionen Euro.

Durch Sponsoring wird der Betrag nicht gedeckt, auch nicht nachdem Radio Shack und Nissan als Sponsoren angeworben werden konnten. Der Verlust für das abgelaufene Geschäftsjahr: 7,6 Millionen Euro. Der Netto-Umsatz der Firma, der laut Bilanz hauptsächlich aus Verträgen mit anderen Firmen und Sponsoren stammt, betrug 9,5 Millionen Euro. Sind die Fahrergehälter der Schlecks im Vergleich zu Stars in anderen Sportarten und angesichts der physischen Leistung auch lächerlich gering – nach den Doping-Skandalen der vergangenen Jahre war der Sport für Sponsoren nicht mehr besonders attraktiv. Und es gibt weniger Radsport- als Fußballfans. Hinzu kommt, dass andere Teams eher einen Topverdiener in der Mannschaft haben als drei, der dann entweder sprintet, Etappensiege anpeilt, um das Sponsorenlogo beim Überqueren des Zielstrichs in die Kamera zu zeigen oder eben auf den Gesamtsieg fährt. Die „Arbeiter“ verdienen deutlich weniger laut sportune.fr, liegt das Durchschnittsgehalt im Peloton bei 7 000 Euro monatlich. Hinzu kommt, dass die Gratulationsküsschen bei der Siegerehrung wahrscheinlich wertvoller sind als die Prämien, die durch die Kosten aufgefressen werden: 450 000 Euro soll der Gesamtsieger auf dem Treppchen in Paris erhalten. Viel Geld, aber im Vergleich zu anderen Sportarten wiederum sehr wenig.

Vielleicht hätte es klappen können. Hätten die Schlecks ein wichtiges Rennen für das Team Leopard beziehungsweise RSN gewonnen, wären sie unauslöschlich in die Analen der Luxemburger Geschichte eingegangen. Und ihr Förderer Flavio Becca mit ihnen. Doch die Chronik ihrer Leo-Zeit lässt sich eher mit Pleiten, Pech und Pannen resümieren. Ob es daran liegt, dass, wie der ehemalige Leopard-Mitarbeiter Bryan Nygaard nach seinem Abgang sagte, „Das Leopard-Management keine Ahnung vom Radsport“ hatte? Für den Geschäftsmann Flavio Becca und die Brüder Schleck bleibt das Happy End ihrer Zusammenarbeit bislang aus. Große Siege gabe es keine. Die Schlecks warten auf ihr Gehalt und Frank Schleck muss die – erneuten – Doping-Vorwürfe abstreiten. Flavio Beccas Geschäfte laufen, seit er mit Leopard ans Licht der Öffentlichkeit getreten ist, nicht mehr so rund. Liwingen stockt, im Ban de Gasperich geht es nicht weiter (siehe d‘Land, 29. Juni 2011) die einstigen Freunde, wie Lucien Lux, wollen weniger gern mit ihm gesehen werden. Das ganze Land spricht über seine Kreditwürdigkeit. Deswegen dürften die Schleck-Gehälter aktuell Flavio Beccas kleinstes Problem sein. Aus der vergangene Woche hinterlegten Bilanz von Olos Fund, in dem die Becca-Firmen und Investi­tionen und die von Geschäftspartner zusammengefasst sind, geht hervor, dass der Fonds, zu dessen Aktiva Immobilienprojekte, Gebäude und Liegenschaften gehören, 301 Millionen Euro kurzfristige Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten hat, die binnen eines Jahres fällig werden. Und 427 der insgesamt 604 Parzellen, die der Fonds besitzt, mit Hypotheken über 975 Millionen Euro belegt sind. Das ist – bei aller Radsportbegeisterung – die wahre Tragödie für Luxemburg.

Michèle Sinner
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