Kulturpolitik

Vakuum

d'Lëtzebuerger Land vom 10.04.2020

Der frühzeitige Abbruch des diesjährigen Luxembourg City Film Festival aufgrund des Coronavirus ist nur eine der vielen Schutzmaßnahmen, die im Rahmen des Lockdowns ausgerufen wurden. Tatsächlich aber sind die Implikationen und Konsequenzen für die nationale wie internationale Filmindustrie gewichtiger, als man, von außen betrachtet, vielleicht meinen möchte. Social distancing gilt auch für die Filmproduktion, gerade hier ist es äußerst problematisch, weil die Filmproduktion eine Kollektivleistung ist und mehrere Personen oft auf engstem Raum Filmszenen realisieren müssen – das ist in der gegenwärtigen Lage schlichtweg unmöglich und home office stellt da nur bedingt eine Lösung dar.

Freilich, die aktuelle Krise zieht auch ihre Kreise innerhalb der Filmindustrie: Es herrscht eine grundlegende Ungewissheit über die genauen Problemlösungen und die Zukunft, da die drei grundlegenden Arbeitsbereiche: die Vorproduktion, die Produktion und die Postproduktion, die doch essentiell voneinander abhängig sind, unmittelbar von den Folgen der Pandemie getroffen wurden. Mit der Verhängung des Ausnahmezustands sind alle Dreharbeiten zu laufenden Filmprojekten kurzerhand eingestellt worden. Die Ulpa (Union luxembourgeoise de la production
audiovisuelle) und der Filmfund sind mit den Autoritäten in Verhandlungen, da ist gegenseitiger Kommunikationsbedarf vonnöten, besonders hinsichtlich der ganz eigenen, spezifischen Parameter, die den Filmsektor ausmachen und ihn von anderen industriellen Einrichtungen unterscheidet. Die Hilfestellung der Regierung gilt für die Filmindustrie, in der über tausend Arbeitnehmer von der Krise betroffen sind: Den Produktionsfirmen wird als Gesellschaften über das Wirtschaftsministerium durch die Maßnahmen des „chômage partiel“ Hilfe zuteil. Die meisten der im Filmsektor aktiven Künstler dürften als „Intermittent du spectacle“ gelten, diese sollten den sozialen Mindestlohn durch das Kulturministerium erhalten, wobei auch hier Sonderfälle in Betracht zu ziehen wären.

Es ist momentan wie in so vielen Bereichen eine Situation, deren Ausmaße erst nach und nach konkreter werden. Man müsse abwarten, bis die Filmproduktion – zumindest europaweit – wieder anlaufen kann, zumal die luxemburgische Filmindustrie stark von Koproduktionen abhängig ist. Derzeit kümmert man sich allerdings um eine vertiefte Umsetzung der Vorbereitungsphasen, so etwa beim Drehbuchschreiben. In dieser Hinsicht besteht eine gute Kommunikation mit dem Filmfund bezüglich zukünftiger Projekte. Auch in der Postproduktion, besonders in der Filmanimation, sei eine gewisse Produktivität möglich, obschon auch hier nur unter Einschränkungen. Es läuft also auf ein filmkulturelles Vakuum für das Jahr 2020 hinaus, das sich auch für manch andere Künste so abzeichnen wird. Dabei bedeutet die Dreharbeitsphase für viele Schaffende eine Festlegung der Terminkalender, die vorerst ausfällt oder ungewiss bleiben muss. Mit Blick auf die Zukunft kann man freilich nur spekulieren, aber einige unmittelbare Konsequenzen sind abzusehen: Der wesentliche Produktionsstopp führt zu einem regelrechten Produktionsstau, eine Akkumulation von Projekten ist die Folge, die aber hierzulande allein schon aufgrund mangelnder Personalressourcen nicht gleichzeitig über die kommenden Jahre zu realisieren wären – eine reine Chimäre, eine Fiktion.

Aus diesem Umstand heraus sorgt man sich besonders wegen der tiefgreifenden fehlenden Planungssicherheit, da die Folgen dieser Pandemie voraussichtlich erst nach rund anderthalb Jahren spürbar werden, sollten die geplanten Einnahmen ausbleiben. Das läuft für eine Filmproduktionsfirma nicht viel anders ab, als für andere Unternehmen: Man hat auf der einen Seite Fixkosten, ein Großteil davon stellen die Mitarbeiterlöhne dar, auf der anderen Seite verschuldet man sich gegenwärtig und die Frage der zukünftigen Einnahmen kann momentan nicht zufriedenstellend analysiert und geklärt werden. In dieser Hinsicht sei es wichtig, dass die Gelder, die den Produktionsgesellschaften bereits zugesprochen wurden auch entsprechend investiert werden, betont der Film Fund, um den luxemburgischen Produktionsfirmen zumindest diese Planungssicherheit zu geben.

Eine weitere Implikation stellt die Bedeutung eines Filmfestivals dar, das für die Industrie und die „Vitalität“ eines Films gewichtig ist, verwiesen sei da nur auf den Marché du Film de Cannes: Es ist die vielleicht wichtigste Plattform zur Vernetzung und zum Austausch von Filmschaffenden in Europa. Durch die kurzfristige Verschiebung des Festivals entstehen neue Terminkonflikte, das Festival könnte beispielsweise mit Venedig oder Locarno oder San Sebastian kollidieren: Domino-Effekt. Cannes verhilft einem Film im Idealfalle zu einer größeren Sichtbarkeit und Reichweite und kann das Interesse von internationalen Distributoren wecken.

Ein Film wie Collective, der beim diesjährigen LuxFilmFest den Preis als Bester Dokumentarfilm erhielt, konnte dank seiner Vorstellungen in Venedig und Toronto eine Aufmerksamkeit generieren, die nun zwangsläufig abklingen muss, weil die Schließung der Kinos – hierzulande hat die Kinepolis Group seine Kinosäle vorläufig bis Mai geschlossen, auch die Regionalkinos sind nicht zugänglich – Vorführungsmöglichkeiten stark beeinträchtigt. Und der Sommer ist für die Filmindustrie ohnehin eine weniger ertragreiche Zeit. Nun ist aber ferner davon auszugehen, dass manche Filme keinen Kinostart mehr erleben werden, weil keine Programmationsmöglichkeiten mehr gegeben sind aufgrund der zahlreichen Terminkonflikte mit anderen Kinostarts. Der neue James Bond-Film ist da nur ein prominentes Beispiel, dessen Rückverlegung bis in den November andere Filme von der Leinwand verdrängen wird. Dies ist insofern wieder problematisch, weil manche Produktionsgesellschaften bereits in die Kinovermarktung investiert haben.

Darüber hinaus ist nicht abschätzbar, ob sich nach der Krisenzeit gleich wieder ein Publikum für den Film und das spezifische Kinoerlebnis findet. Der Film ist per se kein wirtschaftlich essentielles Bedürfnis, es besteht in dieser Hinsicht nun eine doppelte Unsicherheit, weil man auch in Normalzuständen den Erfolg oder Misserfolg eines Filmes nicht gänzlich abwägen kann. Zurzeit sind auf Netflix, es dürfte kaum verwundern, feel-good-movies angesagt, das macht zumindest die Nachfrage nach ernsteren, ambitionierten Arthouse-Filmen ungewiss. Und die Schließung der Kinos, die Absage oder Verschiebung von Filmfestivals hat wiederum Folgen für die Filmwahrnehmung, das Filmerlebnis.

Streaming-Dienste oder das Video-On-Demand bieten letztendlich nur Alternativen, beziehungsweise sind Ausweichmöglichkeiten, die indes keine Einheit von Zeit und Raum garantieren können, um einen Film als Kunstwerk im Kollektiv zu erfahren. Deshalb bleibt die Filmvisionierung im Kinosaal, besonders im Rahmen eines Festivals, die intensivere Erfahrung. Film und Kino sind ohnehin heutzutage einer zunehmenden Schnelllebigkeit ausgesetzt: Paradoxerweise kann gerade die Krise trotz zunehmender Konjunktur von Streamingplattformen einen aufmerksam werden lassen auf die Eimzigartigkeit dieser gemeinsamen Film-Erfahrung.

Für diesen Artikel wurden Gespräche geführt mit dem Filmfund und der Ulpa, Produktionsgesellschaften und Verantwortlichen des LuxFilmFest.

Marc Trappendreher
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