Tzeedee

Von Häppi Diwwi bis Bommeleeër

d'Lëtzebuerger Land vom 06.09.2013

LeserInnen kennen das vielleicht: Man lädt ausländische Freunde zu sich ein und zeigt ihnen natürlich als guter Reiseführer so viel wie möglich vom Großherzogtum. Doch sind es nicht die Sehenswürdigkeiten, die beeindrucken, sondern der Wohlstand, die Ruhe und vielleicht sogar die Sauberkeit, die viele zu Hause nur aus reichen Vierteln kennen. Die Minetter von De Läb haben nun eine Platte aufgenommen, die genau den Gedanken ausdrückt, den man den Gästen, nachdem man sie über perfekt geteerte Straßen und vorbei an Reihen von Einfamilienhäusern und Banken kutschiert hat, nur schwer zu vermitteln weiß: Es ist nicht alles so perfekt, wie es aussieht!

Denn hierzulande werden die Gören mit Ritalin ruhig gestellt, Vater ist dem Gin verfallen, Vegetarier tragen Ledertaschen und Erzieher, die Kinder eigentlich gar nicht mögen, finden in der Arbeit mit Taubstummen den perfekten Kompromiss („Well di eben manner blären“). So beschreibt das Kollektiv um Corbi, David Fluit DJ Lomki – ein wenig überspitzt, natürlich – die Lage der Nation. Doch die skurrilen und auch oft sehr lustigen Bilder basieren, wie in jeder guten Satire, auf ernüchternden Wahrheiten. De stolze Bauer zum Beispiel thematisiert mit Reggaetönen Dorfpatriotismus und die wackeligen Fundamente, auf denen populistischer Nationalstolz gründet. Man wählt wie der Nachbar (CSV natürlich), erfreut sich billiger Zigaretten und fetter Karossen, auch wenn man gerne mal trendgemäß dem Radsport nachgeht (wie Fränk und Ändy). Wenn das alles nicht reicht, kann man sich immer noch von einem „adligen Kind“ schwängern lassen, suggeriert die Band, und weiß ganz genau, dass sie mit solchen Texten bei einigen Patrioten anecken wird. Doch kann man diese Wut den Rappern übelnehmen, in einer Zeit, da Luxemburger nicht gegen lügende Politiker auf die Straße gehen, sondern sofort schnaufend Schilder hochhalten, wenn Flüchtlingsfamilien in Zentren ihrer Gemeinde einziehen?

Dialekter behandelt, wie der Titel schon verrät, die luxemburgische Sprache, die ja sämtliche leidenschaftliche Diskussion über Nationalidentität entfacht. De Läb gehen dieses Thema jedoch mit dem gewohnten Humor an. „Buppen“ und „Pimpampel“ und Alain Atten werden natürlich erwähnt; außerdem lernt der Zuhörer, dass die Mundart „oben an der Grenze“ für einen Minettsdapp sogar „erotisch“ klingen kann. Wenn das nicht Menschen zusammen bringt, dann tut es der Retro Beat, der etwas von Me Myself & I von De La Soul hat. Doch genau wie in De stolze Bauer kritisieren die Rapper den Nationalstolz, der mit der Sprache, „mit der man so schön prahlen kann“, verbunden ist. „Wer von uns kann sie denn überhaupt richtig sprechen?“, geben sie zu bedenken.

Obwohl der luxemburgische „Mikrokosmos“ ganz klar eines der Hauptthemen auf Sex, Drugs & E Prêt ist – immerhin wird in gleich zwei Songs die Nationalhymne parodiert –, befassen sich die Rapper auch mit weniger umstrittenen Themen. Im jazzigen Déi falsch Schlaang, in dem Deborah Lehnens Stimme im Refrain eine willkommene Abwechslung bietet, klagen die Rapper über hinterhältigen Tratsch, in C-Prominent rechnen sie mit untalentierten Möchtegern-Celebrities ab. Die eher belanglosen Themen dieser Titel überraschen ein wenig neben schnippischen Happi Hippokrit und La Dolorosa.

Musikalisch hält das Kollektiv, was es verspricht. Jazz, R’n B, Latino und Funk-Elemente verschmelzen mit gekonnt eingesetzten Samples und schweren Beats zu einem sehr gelassenen Sound, der durch regelrechte Scratch-Feste vervollständigt wird (man sollte auf keinen Fall Pisspaus verpassen). Dass das Dichterduo Corbi/David Fluit lyrisch total umhaut, ist sofort zu hören, doch auch die musikalische Intuition der Band stimmt: die Zusammenarbeit mit Gastmusikern wie Maxime Bender, Deborah Lehnen und Kwistax, bereichert den Läb-Sound. Zu bedauern sind nur einige der Refrains, die manchmal aus der Wiederholung einer einzigen Zeile bestehen und den Song ein wenig unfertig klingen lassen (C-Prominent, D’Schwéngserten, Spill Mer d’Lidd vum Sound).

Wenn brüllend komisch über luxemburgische Referenzen wie Emaischen, Cedies und Kachkéis zu Beats und Samples des Golden Age Hip-Hop gerappt wird, weiß man, dass man hier etwas sehr Seltenes auf die Ohren kriegt. Diese unerwartete Mischung sorgt für ein breites Grinsen, doch viel erfüllender ist es zu wissen, dass es im Großherzogtum eine Band gibt, die der Jugend so sorgfältig den Puls fühlt wie de Läb.

Claire Barthelemy
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