Theater

In earnest

d'Lëtzebuerger Land du 17.04.2020

„Wéi ee Stéck solle mer als nächst verhonzen?“ hat die Volleksbühn ihr Publikum erneut gefragt. Für die zweite Auflage des „Stéck vun der Woch“ ist die Wahl auf Oscar Wildes als Sittenkomödie getarnte Zitatensammlung The Importance of Being Earnest gefallen. Während die Faust-Bearbeitung, mit der die Reihe begonnen hat (siehe d’Land 15/20), den Begriff der Verhunzung mit Fug und Recht für sich beanspruchen darf, geht es diesmal aber recht betulich zu. Man muss schon ein sehr ironiefreies Verhältnis zu Wilde haben, um in dieser Produktion subversive Elemente auszumachen. Vielleicht hat der irische Autor mit seiner Übererfüllung von Gattungskonventionen die romantische Komödie allerdings bereits so sehr ausgehöhlt, dass man dem nichts mehr hinzufügen kann.

Los geht der Stream mit dem obligaten roten Vorhang. Danach ertönt Rule, Britannia! und der Vorspann feuert die schlimmsten England-Klischees ab: rote Doppeldecker, Big Ben et cetera. Ob das wohl die Bestrafung für allzu offensichtliche Publikumsvorlieben ist, für den Wunsch nach ein bisschen britischem Humor? Was ihr wollt, wie es euch gefällt? Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass man hier im Gegensatz zum „richtigen“ Theater sogar auf Benimmregeln pfeifen darf. Was folgt, sieht erstmal gar nicht nach Spaß und Zerstreuung aus. Wer in seiner Corona-bedingten Isolation bislang viel Zeit damit verbracht hat, die Wand anzustarren, kann diese Aktivität mithilfe der Volleksbühn fortsetzen. Die „Bühne“ ist nämlich eine Wand und das Geschehen spielt sich in Bilderrahmen ab.

Rund zwanzig Minuten blickt man auf altmodische Tapetenmuster und Rahmen, in die Videoaufnahmen eingeblendet werden. Wildes Stück ist trotz der Kürzungen erstaunlich intakt geblieben. So wurde etwa (neben den Dienern) einzig die Figur des Chasuble gestrichen. Dafür werden die restlichen von nur zwei Schauspieler/innen verkörpert. Daron Yates spielt Jack und Cecily, Eli Johannesdottir Algernon, Gwendolyn, Lady Bracknell und Miss Prism. Damit man nicht durcheinandergerät, wechseln Yates und Johannesdottir die Hüte, und auch die Bilderrahmen ändern sich mit den dargestellten Personen. Alles ist hübsch gegendert: Für Jack und Algernon gibt es schlichtes Schwarz und Blau sowie einen Filzhut. Die Damen erhalten verzierte Rahmen, Pillbox-Hüte und ähnliches. Nur die prüde Miss Prism muss sich mit einer grauen Mütze abgeben.

So sorgt die Inszenierung mit relativ einfachen Mitteln für Orientierung. Das gilt auch für die Tapetenwechsel, die einen neuen Akt ankündigen, oder den Wechsel des Drehorts vom Schlafzimmer in die Küche, die die Verlagerung des Schauplatzes von der Stadt aufs Land anzeigt. „Lass X für Y stehen“, auf das Grundprinzip des Theaters ist Verlass. Dennoch, Wilde wird hier eher heruntergespielt als mit sonderlich großer Begeisterung oder Originalität für den Livestream adaptiert. Eli Johannesdottir hangelt sich zwar souverän von Figur zu Figur. Bei Daron Yates hat man allerdings gelegentlich den Eindruck, dass er nicht recht weiß, wo er hier gelandet ist.

Interessanter ist die Produktion dort, wo sie mit ihrem Medium etwas mehr anzufangen weiß und etwa „Split Screen“-Technik und symmetrische Einstellungen dazu nutzt, eine Kontinuität zwischen den Wohnungen von Johannesdottir und Yates zu suggerieren, in der beide über ihre räumliche Trennung hinweg tatsächlich miteinander zu agieren scheinen. Durch Blicke oder Objekte, die sie einander zuwerfen, sowie einen Kuss, für den sich aus dem Bild neigen, so dass die Zuschauer/innen sich ihre Begegnung in einem virtuellen Dazwischen vorstellen müssen – Liebe in Zeiten des Coronavirus eben. Auch die Mehrfachbesetzung führt zu spielerisch-heiteren Momenten, gerade am Schluss, wo Yates und Johannesdottir beide Liebespaare des Stücks zugleich auf der „Bühne“ darstellen, also jeweils doppelt auf der Bildfläche erscheinen.

In den Pausen hat die Volleksbühn übrigens zur vermeintlichen Konkurrenz „aus der Stuff“ geschaltet, wo Max Thommes als Das Radial mit Kinski, Bukowski und Ginsberg im Gepäck eine grandiose Ostermesse gefeiert hat. Das Team wird wohl gewusst haben, dass sie mit dieser liebenswürdigen, aber auch ein wenig ideenarmen Inszenierung dagegen nicht ankommen. Ein Vorteil des Online-Theaters: Man kann alles nachsehen (inwieweit Livestream und Aufzeichnung des Livestreams nicht das Gleiche sind, soll die Theaterwissenschaft entscheiden). Weiter geht es für die Volleksbühn übrigens mit Macbeth. Nach dieser ehrfürchtigen Wilde-Aufführung werden dort vielleicht wieder die Köpfe rollen, spätestens im fünften Akt.

The Importance of Being Earnest; von Oscar Wilde; Idee und Konzept: Volleksbühn, Regieteam: Tom Dockal, Max Jacoby, Jacques Schiltz, Anne Simon. Virtuelles Live-Theater: Cay Hecker. Vorspann: Kan Werachareon. Mit Eli Johannesdottir und Daron Yates. Die nächste Produktion, Macbeth von Shakespeare, feiert am 26. April um 20 Uhr Premiere; volleksbuehn.lu

Jeff Thoss
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