Luxemburgensia

Superjhemp gegen Gambia

Das Ende von Superjemp
Photo: Roger Leiner
d'Lëtzebuerger Land du 05.07.2019

2014 – das Datum ist nicht unschuldig – erschien nach einem Viertel Jahrhundert das letzte Album der Comic-Serie De Superjhemp. Durch den überraschenden Tod des Zeichners Roger Leiner (1955-2016) und den Erfolg der Verfilmung De Superjhemp retörns (2018) ist das Interesse an Superjhemp wieder aufgeflammt. Als das Nationale Literaturzentrum in Mersch den umfangreichen Nachlass Rogers Leiners angeboten bekam, beschloss es, künftig auch für Comic zuständig zu sein, und widmet Superjhemp nun ein halbes Jahr lang eine Ausstellung.

Der Katalog zur Ausstellung schätzt die Gesamtauflage der Superjhemp-Alben auf für Luxemburger Verhältnisse atemberaubende 250 000 Exemplare und spekuliert, dass sie möglicherweise das Familienblatt Revue vor dem Ruin gerettet hatten. Die 1988 geschaffene Figur Superjhemp ist die Luxemburger Variante des 1972 von Marcel Gottlieb geschaffenen französischen Superdupont und eine Persiflage auf den neuen Chauvinismus der Achtzigerjahre: 1984 war das Sprachengesetz verabschiedet worden, bei den Parlamentswahlen 1989 sollten drei rechtsextreme Listen kandidieren.

Superjhemp ist ein biederer Staatsbeamte und wird als solcher, wie im Werk von Pol Greisch, als Luxemburger an sich dargestellt. Wie alle Comic-Supermänner flog er in jedem Album der von Unordnung bedrohten Heimat zu Hilfe und stellte mit Superkräften die alte Ordnung wieder her. Die erste Geschichte, de Superjhemp géint de Bommeleer, griff die vom Sicherheitsapparat durchgeführten oder gedeckten terroristischen Anschläge der Achtzigerjahre auf, stellte sie aber als das Werk eines ausländischen Verbrechers dar, wie in der Serie fast alles nationale Unglück aus dem Ausland kam.

Weil der Staatsbeamte stets im Auftrag der Regierung flog, war die Serie auch eine Chronik des langsam niedergehenden CSV-Staats, der 1995 nicht von Superjhemp, sondern von Jean-Claude Juncker gerettet und zwei Jahrzehnte später von ihm zugrunde gerichtet wurde. Nicht nur die Bommeleeër, auch die Jahrhundert- und die Valissen-Affär, der Thronwechsel, die Einführung des Euro, der Verkauf der Stahlindustrie und die Finanzkrise waren Themen der Alben. In jeder Geschichte tauchten große Teile des politischen Personals mit seinen Marotten auf, das zusammen mit bekannten Straßen, Dörfern, Denkmälern und Marken einen Wiedererkennungseffekt zwecks Leserbindung provozierte.

Der Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ist manchmal kritrisch, oft konservativ volkstümlich wie die Lëtzebuerger Revue oder der RTL-Serie Déck­käpp. Die Ausstellung in Mersch zeigt, wie weit Lucien Czuga dieses Weltbild der Serie prägte, da er nicht nur die Szenarien sämtlicher Geschichten schrieb, sondern mit den Story boards auch ihre grafische Umsetzung lieferte, die Roger Leiner dann ausführte.

An der Rückwand einer Vitrine zeigt die Ausstellung Zeichnungen des jugendlichen Roger Leiner aus den frühen Siebzigerjahren, die bis ins Detail an den großen Underground-Zeichner Robert Crumb erinnern. Jahrzehnte später aufgenommene Fotos zeugen diskret in einer Schublade vom Besuchs der gesamten großherzoglichen Familie bei Roger ­Leiner zu Hause. Aber zu der Zeit illustrierte Crump ebenso respektvoll das Alte Testament.

In mehreren Sälen zeigt die Ausstellung die Ursprünge der Luxemburger Comics, das Werk Roger Leiners, die Figurenwelt, die Thematik und die Rezeption von Superjhemp. Der Katalog im Format eines Comic-Albums diskutiert mit großer Ernsthaftigkeit das Geschichtsbild, die zeitgeschichtlichen Bezüge und die Darstellung von Frauen in Superjhemp.

Anders als die stets sympathisch dargestellte Monarchie waren die demokratisch gewählten Regierungen durchgehend Gegenstand von Spott, ihr Pre­mier Jean-Claude Juncker erschien bald nur noch als griesgrämiger Kettenraucher. Nach der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt musste Superjhemp gegen das, was damals Kasinokapitalismus und Auswüchse des Finanzkapitals hieß, kämpfen, aber den Autoren fehlten die Ausdrucksmittel, um diese abstrakten Themen überzeugend umzusetzen.

2013, als CSV-Premier Jean-Claude Juncker stürzte, war das einzige Jahr in all der Zeit, in dem keine Superjhemp-Geschichte herauskam. 2014, als die liberale Koalition an die Macht gekommen war, erschien das letzte Album, Amnesie fir d’Monarchie: Superjhemp verbrachte seine Ferien in Gambia und flog nichtsahnend nach Hause, wo der aus einer früheren Geschichte bekannte Usurpator Filip von Filoux an der Macht war. Das sahen CSV und Luxemburger Wort bekanntlich auch so. Super­jhemph flüchtete in die Vergangenheit und wählte den patriotischen Märtyrertod. Das Ende der CSV-­Dynastie inspierte Roger Leiner und Lucien Czuga nicht, es verschlug ihnen endgültig die Sprache.

De Superjhemp ënnert dem Röntgenbléck ist bis zum 29. November 2019 montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet, Katalog 208 S., 25 Euro

Romain Hilgert
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