So vieles kommt geradewegs auf uns zu

Große Chef-Pizza-Angst

d'Lëtzebuerger Land vom 13.11.2015

Angst! Angst! Alle haben tausend Angstgründe, Angstabgründe, Angst, noch mehr Angst, und die, die keine Angst haben, haben Angst vor denen, die Angst haben.

So vieles kommt ja gerade geradewegs auf uns zu. Völker wandern auf uns zu, wann gehen sie wieder, kann einem das jemand sagen? Gerade niemand da, Merkel macht die Raute, alle starren hypnotisiert auf die Grenze. Sie sind zahllos, wird berichtet, niemand zählt sie.

Bald sitzen sie uns in kleinen Kisten oder Dosen vor der Nase, in Overdosen. Wenn eine dann mit dem Hund dort vorbei geht, an dem Ghetto, was sagt dann der Hund? Und was sagen wir? Nicken wir den neuen Nachbar_innen nachbarschaftlich zu, Moien!, machen wir eine Kräuterwanderung mit ihnen? Irgend etwas müssen die Neuen ja machen, hinter dem, wie wir schaudernd hören, Tag und Nacht beleuchteten Stacheldraht, oder Zaun, während die Security-Leute sie bewachen. Oder uns, vor ihnen.

Dann stehen diese umzäunten Menschenbehälter auch noch in der Natur, der freien Natur, die unter Naturschutz steht. Inmitten von Arten. Andererseits ... sollen sie wirklich frei herumlaufen? Die können doch gar nichts kaufen!

Der luxemburgische Außenminister und der griechische Regierungschef und der Präsident des Europäischen Parlaments haben überhaupt keine Angst. Sie empfangen Flüchtlinge, um sie gleich wieder zu verabschieden, was viel schöner klingt als verabschieben. Ein fliegendes Zeug steht auch schon parat, es wird dreißig Auserwählte ins Reich der Autos fliegen.

Der griechische Regierungschef umarmt Kinder, die ihn zurück umarmen, er schnurrt. Der luxemburgische Außenminister winkt, ein glücklicher Weihnachtsmann. Es ist eine wirklich schöne PR-Aktion. Alle Welt weiß jetzt, dass wir die Guten sind, keine Schurken mehr, die PR-Aktion läuft auf vielen Sendern in vielen Ländern. Vielleicht, so hoffen die PR-Aktionisten, erreicht und erweicht sie ja das harte Herz der vielen, vielen anderen. Die grad nicht können wollen verhindert behindert sind, die gerade was anderes zu tun haben. Sich fürchten beispielsweise.

Die Flüchtlinge fürchten sich wahrscheinlich auch vor uns, wenn sie im Novembernebel durch graue Straßen ziehen, an Autos vorbei. Wo stecken die Ureinwohner, wo verstecken sie sich? Diese Gesellschaft erscheint ihnen vielleicht ungesellig, wo sind die Menschen, warum tratschen sie nicht vor der Tür, schlafen sie schon, und warum? Warum steigen sie immerzu in Autos oder aus Autos, warum sind sie nur lustig, wenn sie Alkohol zu sich nehmen? Warum essen sie Schweine und leben mit Hunden, warum sind sie so alleine?

Die Neuen, die bald in die Menschenbehälter ziehen werden, sind so andersfarben. Sie haben andere Sitten, was sind eigentlich Sitten?, sie töten Tiere anders, sie haben eine Schrift, die aus Wellen und Wind besteht, sie haben eine Heilige Schrift. Aus ihrer Kehle brechen kehlige Laute, ein bisschen wie bei den Holländern oder den Schweizern. Vor allem haben sie eine Religion, vor der wir uns fürchten müssen, und ein Geschlecht, vor dem wir uns fürchten müssen. Und wie um Himmelswillen sollen wir uns mit ihnen verständigen? Sie beten, aber sie saufen nicht, statt umgekehrt, wir müssen ihnen schleunigst unsere Werte einbläuen.

Vor allem, das ist das Schlimmste, das wirklich Schlimmste, sind sie arm. Das ist das, was uns wirklich belastet, wir sind ja auch nur Menschen. Sich immer dieses Elend anzuschauen, morgens beim Vorbeijoggen, der Tau schimmert auf den Butterblumen. Diese Armut, das ist das Andersartige. Es ist wirklich zum Sichmonsterfürchten!

Aber, um uns zu beruhigen nach all dem, Menschendeponien, Artenschützer, und auch zur Abwechslung, können wir uns eine richtig große Angst bestellen. Direkt beim Astrophysiker Stephen Hawking, den alle Genie nennen, er muss es wissen. Eine dicke, fette Chef-Pizza-Angst.

Der Besuch unserer Nachbarn, die so anders sind als wir, Peanuts! Bald, wenn wir nicht sehr brav sind, wenn wir Blödsinn machen im All, kommen die Aliens. Das wird nicht lustig. Sie werden uns unterdrücken und ausbeuten.

Das Schlimme an ihnen, so Stephen Hawking, ist nämlich die Tatsache, dass sie uns so verdammt ähnlich sind.

Michèle Thoma
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