Beim Umgang mit dem Coronavirus lässt die Regierung sich von der Wissenschaft helfen und ist bereit, viel Geld auszugeben

Testen wie noch nie auf der Welt

Eine Laborantin entnimmt an einer Drive-in-Station in Junglinster einen Abstrich auf Sars-Cov-2
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 01.05.2020

Zwei Monate ist es her, dass Luxemburg die Einführung des öffentlichen Gratistransports im ersten Land der Welt feiern wollte. Doch während beim Neien Tramsschapp auf dem Kirchberg das Partyvolk der schönen Zukunft entgegentanzte, informierten in der Villa Louvigny LSAP-Gesundheitsministerin Paulette Lenert und Jean-Claude Schmit, der Chef des Gesundheitsamts, die Presse über den ersten Covid-19-Fall im Großherzogtum. Am Abend des 29. Februar war das.

Wahrscheinlich ist es weniger auf ausgleichende Gerechtigkeit als auf den ungebrochenen Willen der Regierung zum „Nation Branding“ zurückzuführen, dass sich die Welt nun erneut anschickt, auf Luxemburg zu blicken – trotz Pandemie und sogar wegen dieser: Seine ganze Bevölkerung wird auf Covid-19 getestet! Die Nachrichtenagentur AFP hat schon kundgetan, dass kein anderes Land das tut. In Online-Nachrichtenportale der Biomedizinwelt dringt die Neuigkeit auch schon vor: „This makes us the first country in the world to have a complete overview of the number of infected citizens“, wird auf der Website News Medical DP-Forschungsminister Claude Meisch zitiert. Auf der gemeinsamen Pressekonferenz am Dienstag hatte auch Gesundheitsministerin Lenert hervorgehoben, so ein „ganz ehrgeiziges Projekt“ wie dieses habe „bisher noch kein anderes Land zustande gebracht“. Das weckt Erwartungen, zumal mit dem Vorhaben 40 Millionen Euro verbunden sein sollen. Natürlich ist da die Erwartung, dass die Bevölkerung etwas davon haben werde, aber auch jene, dass die schrittweise Aufhebung des Lockdown und der weitere Umgang mit dem Coronavirus hierzulande von wissenschaftlicher Expertise begleitet werde.

Doch so sicher schien das nicht, als die Initiative am Dienstag präsentiert wurde. Mit dem Testprogramm sind jene Abstriche in der Nase oder im Rachen gemeint, mit denen schon seit Februar nach dem Coronavirus gefahndet wird. Wird in den Abstrichen Virus-RNA festgestellt, gilt die betreffende Person als infiziert und erhält durch die Sanitätsinspektion Isolation verordnet. Fällt der Test negativ aus, folgt daraus selbstverständlich, dass keine Infektion vorliegt. Doch dass man sich gleich danach irgendwo ansteckt, ist durchaus möglich. Was bringt es dann, wenn das Luxembourg Institute of Health (LIH) ab Mitte Mai dafür sorgen will, dass in 17 Teststationen über Land bis zu 20 000 Personen täglich getestet werden können? Müsste man sie nicht am Tag danach gleich wieder testen, und immer so weiter? Und damit die gesamte Bevölkerung, falls sie das möchte, sowie alle Grenzpendler, falls sie wollen?

Paulette Lenert wich der Frage, wer wie oft getestet werden müsste, am Dienstag aus und begann lieber von der Studie auf Antikörper zu sprechen, die vom LIH und der Uni Luxemburg aufgelegt wurde, aber etwas ganz anderes ist. Zu den neuen Tests auf das Virus selbst sagte die Gesundheitsministerin, man wolle damit einen Überblick gewinnen, wie verbreitet der Erreger ist, und Personen aufspüren, die infiziert sind, aber keine Symptome zeigen. So ließen sich „Infektionsketten brechen“. Ulf Nehrbass, der Generaldirektor des LIH, erklärte, man könne damit „verhindern, dass es eine zweite Welle gibt“. Die Bevölkerung könne „in Kontingenten durchgetestet werden“. Mit seiner überschaubaren Einwohnerzahl sei Luxemburg für so etwas „privilegiert“.

Doch wer viel testet, kann viele positive Fälle finden. Schätzungen nach ist die Dunkelziffer der Infizierten zehn Mal größer als die Zahl der als Covid-positiv Erfassten. Letztere Zahl ist rückläufig, nachdem sie in der zweiten Märzhälfte um die 200 am Tag oszilliert hatte. Seit Mitte April liegt der Sieben-Tage-Schnitt zwischen 30 und 40. Das ist insofern gut, als neu entdeckte Fälle mit ihren Kontakten durch die Sanitätsinspektion „manuell“ zurückverfolgt werden sollen. Smartphone-Apps dafür mitzunutzen, lehnt die Regierung bisher ab. Bis zu 60 neue Fälle täglich seien manuell zu schaffen, erklärte der Direktor des Gesundheitsamts dem Land auf Anfrage. Die Ministerin ließ am Dienstag durchblicken, dass die Sanitätsinspektion zu diesem Zweck um 25 Mitarbeiter aufgestockt wurde. Ob sie reichen werden, falls ab Mitte Mai die vielen Tests viel mehr neue Fälle ergeben als 60, fragt sich durchaus. Der Direktor des Gesundheitsamts wollte sich über den Zusammenhang der einzigartigen Test-Initiative und der öffentlichen Gesundheit Luxemburgs nicht äußern.

Ein wenig Klärung brachte erst eine schriftliche Nachfrage beim LIH. Geplant sei, innerhalb der Bevölkerung „Kontingente“ zu bilden. Innerhalb eines Kontingents würden so viele Personen wie möglich auf das Coronavirus getestet; je mehr, desto besser, denn die Teilnahme wäre freiwillig. Fiele ein Test positiv aus, würde die betreffende Person in die Zuhaus-Isolation geschickt, ihre Kontakte würden zurückverfolgt und gleichfalls getestet. Nach ein paar Tagen würde eine weitere Personengruppe des Kontingents getestet und so fort. Nach und nach würde dieses Kontingent von Personen praktisch frei vom Virus, oder aber die Gesundheitsbehörden hätten es mit relativ wenigen Covid-Patienten zu tun, die sich gut betreuen lassen und deren Kontakte verhältnismäßig leicht nachzuvollziehen sind. Das wäre vergleichbar mit der ersten Phase des Ausbruchs in Luxemburg, als die Sanitätsinspektion noch jedem Fall nachging. Sei in dem ersten Kontingent die Quarantäne der positiv Getesteten vorüber, würde die Prozedur an einem zweiten Kontingent, dann einem dritten und immer so weiter wiederholt. Innerhalb jedes Kontingents würde später stichprobenhaft weiter getestet. In welchem Umfang, würde sich danach richten, wie sich innerhalb jedes Kontingents die Zahl der Fälle verhält. „Mit dieser Testung im großen Stil“, so der Pressesprecher des LIH, Arnaud d’Agostini, in einer E-Mail, „schaffen wir bereits demnächst eine Art Confinement, das andernfalls im Juli nötig wäre.“ Im Juli selbst dürfte die klassische Nachverfolgung von Kontakten Infizierter funktionieren.

Dass am LIH, beziehungsweise in der Wissenschaftler-Taskforce offenbar davon ausgegangen wird, dass im Juli eine zweite Infektionswelle droht, ist natürlich bemerkenswert und vielleicht ganz realistisch: Lockert man die jetzt geltenden Einschränkungen, schickt Kinder wieder in die Schulen, lässt die Leute wieder zu ihrem Arzt gehen, lässt vielleicht im Handel weiter locker, ergeben sich neue Infektionsgelegenheiten. Nicht zu vergessen die Baustellen, auf denen seit vergangener Woche nach und nach die Arbeit wieder aufgenommen wurde.

Fragt sich natürlich, was genau mit „Kontingenten“ gemeint wäre, und wie man die voneinander trennen würde. Vermutlich geht das gar nicht, genauso wenig, wie Luxemburg auf seine Grenzpendler verzichten könnte. Da das Vorhaben des LIH freiwillig sein soll, steht und fällt sein Erfolg überdies mit der Zahl der interessierten Teilnehmer. Was das bedeutet für die Lockerung des aktuellen Confinement, ist nicht so klar. Die Gesundheitsministerin konnte am Dienstag auf Journalistenfragen hin nicht sagen, wie viele neue Fälle Luxemburg in Zukunft verkraften kann. Das sei so bisher nicht bedacht worden; stattdessen habe man sich vor allem an der Belastung der Intensivstationen der Krankenhäuser orientiert und wolle, dass die sich möglichst bei 60 bis 70 Patienten „stabilisiert“. Am Dienstagabend lag sie bei 19 Patienten.

Wird also mit einer zweiten Infektionswelle gerechnet? Vielleicht, zumal es noch nicht soweit ist, dass die Wissenschaft der Regierung bei der Politikgestaltung systematisch mit Modellierungen hilft, die abzuschätzen erlauben, welche Entscheidungen voraussichtlich welche Konsequenzen hätten. Ende vergangener Woche hatte die Uni Luxemburg auf dem Open-Data-Portal data.public.lu erste Covid-19-Simulationen veröffentlicht. Sie erlaubten zunächst nur einen „generellen Einblick“, sagte Alexander Skupin, der Leiter der Modellierer-Gruppe in der Wissenschaftler-Taskforce, dem Land.

Interessant sind diese ersten Simulationen dennoch. Einerseits betreffen sie zwei Extremfälle: Behielte man den derzeitigen Lockdown bei, lasse sich „das Virus austrocknen“. Die Zahl der Infektionen – wobei die „Dunkelziffer“ inklusive wäre – würde dann im Schnitt nicht höher werden als 70 000. Die Todesfälle könnten bis zum Spätsommer auf knapp 200 zunehmen, aber nicht weiter steigen. Die Belastung der Intensivstationen wäre nie wieder so hoch wie im April. Dagegen könnte es im anderen Extrem, einer völligen Aufhebung des Confinement ab 4. Mai, fast 400 000 Infizierte bis zum Jahresende geben: Das entspräche ungefähr einer „Herdenimmunität“, nachdem zwei Drittel der Bevölkerung infiziert wurden. Erkauft würde das mit fast 2 000 Todesfällen und einer Spitze von 200 Intensiv-Patienten im Juli. „Das hielte das Gesundheitssystem nicht aus“, so Skupin.

Doch diese Modellierungen sind nicht unproblematisch: „Sie müssten gesellschaftsbezogen sein, noch aber verfügen wir über zu wenig Daten aus Luxemburg. Es gibt zwar immer mehr, aber wir müssen noch auf Literaturdaten zurückgreifen.“ Das erkläre die zum Teil großen Von-Bis-Spannen: So könnte, der ersten Simulation nach, bei anhaltendem Lockdown die Zahl der Todesfälle vielleicht bis zu 400 Personen bis zum Jahresende betragen, vielleicht aber auch nur hundert. Bei völliger Freigabe womöglich 2 300, oder auch nur 1 500.

Beosnders interessant trotz unsicherer Datenlage ist eine dritte Modellierung – und sie schlägt gewissermaßen eine Verbindung zum Testen im großen Stil: Was wäre, wenn man alle Baustellen wieder öffnet, wie das von der Regierung tatsächlich zum 20. April verfügt wurde, und 63 000 Arbeiter entweder zurück an den Arbeitsplatz ließe, ohne sie vorher auf das Coronavirus zu testen und ihre Kontakte nachzuvollziehen? Oder aber, wenn man sie testete und anschließend von jedem zweiten oder jedem vierten positiv getesteten Arbeiter die Kontakte verfolgte?

Die Auswirkungen wären beträchtlich. Testete man die Arbeiter gar nicht, könnten die landesweiten Infektionen über die Monate im Schnitt auf rund 150 000 zunehmen. Das wären etwa doppelt so viele wie bei anhaltendem Lockdown und 250 000 weniger als bei kompletter Öffnung ab 4. Mai. Bis zum Spätherbst könnte es in diesem Szenario 400 Todesfälle geben und hundert Intensivpatienten im Sommer. Dagegen lägen bei Vorab-Tests und Kontaktverfolgung von 25 Prozent beziehungsweise 50 Prozent der Covid-Positiven Infektionen und Todesfälle um zehn Prozent beziehungsweise 30 Prozent niedriger.

Ob die Regierung diese ersten Modellierungen zur Hilfe nahm, um über die Öffnung der Baustellen zu entscheiden, ist nicht bekannt. Die Gesundheitsministerin erklärte am Dienstag, eine „Stichprobe“ von Bauarbeitern sei auf Covid-19 getestet worden, erläuterte aber nicht, wie groß sie war. Offensichtlich aber macht es einen großen Unterschied, ob man imstande ist, nachzuverfolgen, wen man positiv auf das Coronavirus getestet hat. Das Mindeste, was man sagen könnte nach dem Bekenntnis der Regierung zu Forschung, weltweit einzigartigen Tests und einer Ausgabe von 40 Millionen Euro, ist, dass man genau wissen sollte, wie man das, was dort gewonnen wird, für die Gesundheit nutzbar macht. Damit sich am Ende nicht bloß ein „Nation Branding“ trotz Pandemie ergibt sowie die eine oder Publikation in einem tollen Wissenschafts-Journal.

Peter Feist
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