Zu Beginn des Wahlkampfs kapituliert die liberale Koalition eilig vor dem Nationalismus und will ihn gleichzeitig überlisten

Die nächsten 20 Jahre hoch das Lëtzebuergesch!

Uewerälter
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 17.03.2017

Es gebe „einen breiten Wunsch in der Bevölkerung, hier im Land etwas für die Luxemburger Sprache zu tun, sie zu fördern, sie hochzuhalten“, meinte Erziehungsminister Claude Meisch (DP) am Mittwoch vor dem Parlament. Die CSV-Abgeordnete Martine Hansen pflichtete ihm bei, das sei „spätestens seit dem Referendum klar“. Das Luxemburgische sei „ein Teil unserer Identität, ein Teil unserer Kultur“, lobte Claude Meisch, und Kulturstaatssekretär Guy Arendt (DP) knüpfte sogar an völkische Rassentheorien an, um festzustellen, dass „viele von uns Luxemburgern die Luxemburger Sprache in der DNA haben“. Trotz des stolzen Erbguts warb er für das vergangene Woche veröffentlichte Papier Strategie fir d’Promotioun vun der Lëtzebuerger Sprooch, mit dem die Regierung „ihr Engagement für die Sprache noch einmal verstärken“ will, wie es in der Einleitung heißt.

Großluxemburg Wenn er alle paar Jahrzehnte in einer ihm günstigen internationalen politischen Konjunktur aufwallt und überkocht, wird der kleine Luxemburger Nationalismus nach außen offensiv: „Gro’ssletzeburg. Eso’ wor et. Eso’ muss et nês gin“, hieß es am 18. Oktober 1919 auf der Titelseite der Nationalistesch Rewü D’Natio’n über einer Landkarte des ehemaligen Herzogtums mit den 1659, 1815 und 1839 an die Nachbarländer abgetrennten Gebieten. Dieser Drang aus den engen Grenzen lebte wieder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf, als die Eigenstaatlichkeit von fremden Soldaten gerettet worden war und Luxemburger Soldaten den deutschen Kammerwald bei Vianden besetzten.

In den Neunzigerjahren gab sich der nach außen offensive Nationalismus friedlicher, als CSV und LSAP das alte Herzogtum unter dem Namen „Großregion“ als Wirtschaftsraum und 2007 mittels des Kulturjahrs auch als Kulturraum wieder auferstehen lassen wollten. Gleichzeitig begann das Kulturministerium, den Luxemburger Kulturraum über die Großregion auszuweiten und belohnte die Nachfahren angeblicher und tatsächlicher Luxemburger Auswanderer vom rumänischen Siebenbürgen bis zum amerikanischen Wisconsin mit Zuschüssen, wenn sie sich ein wenig der hierzulande von allen Einwanderern verlangten Integration widersetzten.

Doch angesichts der nun einmal sehr beschränkten Ausdehnung des Staatsgebiets erscheint schon der Gedanke an einen Luxemburger Imperialismus grotesk, zumindest wenn er über den Versuch hinausgeht, als Trittbrettfahrer vom Imperialismus der Nachbarn und Verbündeten zu profitieren. In seiner Satire The Mouse That ­Roared über das winzige Herzogtum Grand Fenwick, das einen Kriegszug gegen die USA unternimmt, hat Leonard Wibberley vor über 60 Jahren alles Nötige zum Thema gesagt.

Fremdherrschaft Außerhalb solcher Aufwallungen ist der Luxemburger Nationalismus in der Regel nicht offensiv nach außen, sondern offensiv nach innen gekehrt, als schier ewiger Kampf gegen eine die Luxemburger Eigenstaatlichkeit und die Luxemburger Eigenart bedrohenden Fremdherrschaft. Die vaterländische Geschichtsschreibung lässt eine äußere Fremdherrschaft mit dem Tod des letzten Luxemburger Kaisers 1437 beginnen und mit der Restauration nach der Belgischen Revolution 1839 enden. Klerikal wie sie ist, erzählt sie diese Jahrhunderte als babylonische Gefangenschaft eines zweiten auserwählten und gottesfürchtigen kleinen Volks.

Nach dem Ende dessen, was für eine äußere Fremdherrschaft gehalten wird, ist die Idee einer inneren Fremdherrschaft zum zentralen Motiv des Luxemburger Nationalismus geworden. In seinem nationalistischen und antisemitischen Roman Ketten (1928-1929) über ein „Wawerburg“ genanntes Luxemburg ereifert sich der Gymnasiallehrer und spätere DP-Abgeordnete Lucien Koenig: „Handel an Industrie vum Wawerburger Land, alles hun de’ Friem am Sak. Gitt durch d’Gâssen vun onse Stied, liesst d’Nimm op den Heiser, iwwerall setzen se. Frot um Land no, wie de’ bèscht a sche’nst Bauernhief gehe’ern, an d’Äntfert ass emmer de’selwecht: Friemen. Wie kommede’ert an de gro’sse Wirker? De’ Friem. [...] D’Hémechssprôch ass am Verke’er vun de Le’erer mat hire Scho’lbo’wen durch e Minister ennersot gin; kann ê me’ platt vru friemem Wiesen um Bauch leien? An d’Kirch därf s’och net eran. D’Papuaneger därfen an hirer Sprôch bieden, nemmen d’Wawerburger net“ (Bd. II, S. 124-126). Ähnlich hieß es bei der Luxemburger Nationalbewegung, die bei den Kammerwahlen 1989 drei Prozent der Stimmen erhielt.

Seither wird der nationalistische Kampf gegen die Fremdherrschaft ökologisch und kulturell geführt. Der malthusianistische Kampf gegen den 700 000-Einwohnerstaat, nunmehr gegen den 1,2-Millionen-Einwohnerstaat, Hans Grimms Wahn vom Volk ohne Raum, ist ein bis in christlich-soziale und grüne Kreise hinein geführter Kampf gegen Fremde, die als Grenzpendler und Einwanderer die Luxemburger Natur verschmutzen, weil anscheinend ihretwegen neue Straßen und Siedlungen gebaut werden müssen.

Auch der derzeit vom Premierminister bis zum Facebook-Nazi ausgetragene Kampf für die Luxemburger Sprache ist ein Kampf gegen die Fremdherrschaft, gegen die angebliche Fremdherrschaft in Luxemburger Bäckereien, wo französisch geredet werden muss, und in Luxemburger Schulen, wo Luxemburger Lehrer und Luxemburger Schüler anscheinend unschuldige Opfer fremder Kinder werden. Das konnte jeder hören, der vor zwei Jahren an einer der Wahlversammlungen zum Referendum über die Verfassungsrevision teilnahm: Nach fünf Minuten gingen die Diskussionen nur noch um das Ausländerwahlrecht und eine Minute später um die Verteidigung der Luxemburger Sprache.

Denn die Sprache wird als Unterscheidungsmerkmal und als einziges Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Völkern angesehen, indem sie die Bewohner des 1815 erfundenen Großherzogtums überhaupt zu einem Volk zu machen scheint. Je reicher das Land wurde, desto mehr Unterscheidungskraft wurde dem Luxemburgischen beigemessen, desto weniger wollten die Luxemburger mit dem nationalen Minderwertigkeitskomplex leben, dass ihre Armee keine richtige Armee und ihre Sprache keine richtige Sprache sei. Deshalb machten im Lauf von bald zwei Jahrhunderten willfährige Lehrer, Pfarrer, Studienräte und Germanisten aus dem Luxemburger Deutsch zuerst einen moselfränkischen Dialekt, dann eine Ausbausprache und nun die jüngste germanische Sprache. Derzeit wird über die Erhebung in den Stand einer offiziellen EU-Sprache verhandelt, und halten drei bis vier Prozent Bruttosozialwachstum noch einige Jahre an, dürften einmal Kultursprache und danach Weltsprache folgen.

Schock Für die Regierung kam das Ergebnis des Referendums von 2015 wie ein Schock, als drei Viertel der Wahlberechtigten das legislative Ausländerwahlrecht ablehnten. Zwei Jahre später brach eine auf der Internetseite des Parlaments deponierte Petition mit 14 702 Unterschriften alle bisherigen Rekorde mit der Forderung, Luxemburgisch zur Amtssprache zu erklären. Es gibt aber keinen nachvollziehbaren Grund, weshalb das Luxemburgische ausgerechnet heute, mehr als vor fünf, zehn und 20 Jahren, wieder gerettet oder gefördert werden muss. Das zeigt, dass es bei der Sprachdebatte gar nicht um die Sprache geht, alle linguistischen und pädagogischen Betrachtungen müßig sind. Der nun wieder erstarkende Ruf nach dem Luxemburgischen ist vielmehr die lokale Variante des anderswo von Front national, AfD, FPÖ, Geert Wilders, Brexit und Donald Trump ausgedrückten antiliberalen Protestes gegen die Globalisierung genannte Öffnung der Märkte für Waren, Kapital und vor allem Arbeitskräfte. Damit ist er auch ein konservativer Protest gegen eine Regierung, die verspricht, Asteroiden umzupflügen, während sich ein Teil der Wähler an die Heimatscholle klammert und sich so dem liberalen Projekt von DP, LSAP und Grünen, dem Nation branding und der Rifkin-Studie zusehends entfremdet.

Der inzwischen bei der ADR aufgetauchte ­Petitionär Lucien Welter erschien bei seiner Anhörung im Parlament vor zwei Monaten als der „einfache Bürger“ aus Münsbach, der im Namen der gesellschaftlich Sprachlosen verlangte, dass sie sich wenigstens auf Luxemburgisch zu Wort melden dürften. Der befürchtet, dass die Volkssprache ausstirbt und damit meint, dass das einfache Volk von Arbeitern, Büroangestellten und kleinen Rentnern ausstirbt inmitten der Banker, Steuerberater, Europabeamten und Geschäftsanwälte. Zu einer Zeit, da viele von ihnen befürchten, dass ihre Kinder länger zur Schule gehen müssen und es doch einmal nicht besser haben werden als ihre Eltern, ist das Luxemburgische das einzige Bildungsprivileg, das sie auf dem Arbeitsmarkt gegen Grenzpendler und Einwanderer geltend zu machen hoffen (d’Land, 20.1.2017).

Für die liberale Regierung ist erschreckend, dass der Sprachenprotest nicht nur von Leuten ausgeht, deren soziale Aufstiegschancen im globalen Konkurrenzkampf verbaut sind. Bei den Wahlversammlungen zum Referendum vor zwei Jahren meldeten sich ihre eigenen Wähler zu Wort, Mittelschichtler die etwas wie den „exkludierende[n] Protest der Privilegierten“ artikulierten, von dem der Wirtschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey (Die Abstiegsgesellschaft) über die deutsche Pegida schreibt. Denn „[f]ür viele Bürger ist die soziale Welt immer weniger durchschaubar, ja, mehr noch: hochgradig angstbesetzt. Und gerade Angst um den eigenen Status, das hat Franz Neumann schon vor sechzig Jahren herausgestellt, kann ein Treiber von negativen Affekten, regressiven Geschichtsbildern und Verschwörungstheorien sein. Pegida ist insofern Ausdruck einer von Abstiegsängsten geplagten und radikalisierten Mitte – und des regressiven Aufbegehrens gegen eine marktkonforme Demokratie“ (S. 218). „Pegida ist zudem eine identitäre soziale Bewegung: Man sorgt sich um die kulturelle Integration und um Werte in einer aus den Fugen geratenen Welt. In Wahrheit geht es dabei aber nicht um die Anerkennung ethnischer Differenzen, sondern um den Erhalt von Etabliertenvorrechten.“

Hin und zurück „Noch nie machte eine Regierung so viel für unsere Sprache wie diese“, freute sich DP-Abgeordneter Claude Lamberty am Mittwoch mit Blick auf den beginnenden Kommunal- und bald Legislativwahlkampf. Doch die Regierung ist stets hin- und hergerissen, wie weit sie gehen soll, um den Nationalisten das Wasser abzugraben: Immer wieder verspricht sie ihnen Zugeständnisse, und macht dann Kehrtwenden aus Angst, mit einem kulturellen Brexit die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Produk­tionsstandorts zu ruinieren. So kapituliert sie auch nun mit ihrem Sprachenplan vor dem grassierenden Nationalismus und versucht gleichzeitig, ihn zu überlisten, indem sie möglichst symbolische Maßnahmen ohne praktische Konsequenzen ankündigt. Womit zur Erleichterung rechter Nationalisten in- und außerhalb von CSV und ADR immer auch Spielraum bleibt, um mehr zu fordern.

Noch drastischer als beim Gerangel um die Sprachklausel im gerade wieder einmal reformierten Gesetz über die Staatsbürgerschaft zeigt sich dieses Hin und Her bei der Verfassungsrevi­sion. Geht derzeit keine Rede von der Luxemburger Sprache in der Verfassung, die in Artikel 29 den amtlichen Sprachgebrauch einem Gesetz überantwortet, hieß es in Artikel 41 des Revi­sionsentwurfs von 2009 bloß, dass der Staat das Luxemburgische fördern solle. Doch der Staatsrat schlug dann vor, das Luxemburgische nach vorne in Artikel vier über die Staatssymbole zu rücken und dort „Le luxembourgeois est la langue natio­nale“ zu erklären. Der parlamentarische Ausschuss für die Institutionen und Verfassungsrevision blies aber wieder zum Rückzug, so dass es im neusten Revisionsentwurf heißt: „La langue du Luxembourg est le luxembourgeois.“

Ähnlich umstritten ist die Forderung, das Lëtzebuergesch als 25. offizielle Sprache – nicht als Arbeitssprache – der Europäischen Union anerkennen zu lassen. Noch während der Anhörung im Januar hatte Premierminister Xavier Bettel (DP) bestätigt, was schon Unterrichtsminister Claude Meisch im Dezember angekündigt hatte: zu prüfen, ob das Luxemburgische nicht zu einer offiziellen Sprache der EU erklärt werden soll. Im Strategiepapier heißt es aber nur noch, dass ein „arrangement administratif“ gesucht werde, damit man auf Luxemburgisch mit EU-Behörden korrespondieren könne. In der französischen Fassung des Strategiepapiers lautet die entsprechende Überschrift dagegen noch: „Reconnaissance de la langue luxembourgeoise comme langue officielle de l’Union européenne“...

Um vor dem Nationalismus zu kapitulieren und ihn gleichzeitig zu überlisten, sind die 40 Punkte des 20-Jahresplans vor allem aufgewärmte Maßnahmen. Bis zum Sommer soll eine Gesetzentwurf vorliegen, um einen Kommissar für die Luxemburger Sprache und ein Zentrum für das Luxemburgische zu schaffen, so als gäbe es nicht bereits durch Ministererlass von 1935 eine Section linguistique, de folklore et de toponymie des Großherzoglichen Instituts und durch großherzoglichern Erlass von 1999 einen Conseil permanent de la langue luxembourgeoise. Doch wenn als Punkt neun die Normierung von Orthographie und Grammatik angekündigt wird, darf man sich wenigstens auf eine Reform der Reform der offiziellen Schreibweise freuen.

Romain Hilgert
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