Central Park West

Der ganz normale Paarwahnsinn

d'Lëtzebuerger Land du 18.01.2007

Das kann Woody Allen nun wirklich besonders gut: Beziehungskisten analysieren. Sie in ihre Bestandteile zerlegen und mit einem kräftigen Schuss Humor versetzt dem Publikum zur belustigenden aber auch entlarvenden Betrachtung vorlegen. Nicht nur im Film, sondern auch auf der Bühne. In Central Park West, Mittelstück einer "Trilogie", geht es um die Befindlichkeiten von Paaren in der – ersten, zweiten, dritten? – Midlifecrisis der Endvierziger. Die Frauen halten mittels Schönheitsoperationen an der ewigen Jugend fest, Männer beweisen sich ihre Agilität mit Geliebten in den frühen Zwanzigern. Als Zuschauer kann man sich angesprochen fühlen, muss aber nicht, denn die Szenerie ist, wie der Titel schon verrät, im noblen New Yorker Stadtteil Central Park West angesiedelt, in dem die Bewohner nun mal nicht unter banalen Geldsorgen leiden, und sich deshalb Ersatzprobleme kreieren – irgendwelche Probleme muss der Mensch ja haben. Dialogstark kennen wir den Autor und Regisseur aus seinen Filmen. Oft liegt der Schlüssel zu Allens Werk weniger in der Aktion, als in den (Zwischen)tönen jener Worte, die er seinen Darstellern charaktertreu in den Mund legt. Das war früher im Stadtneurotiker (Originaltitel Annie Hall) oder in Manhattan genauso, wie in jüngerer Zeit in Match Point. Nahaufnahmen der Gesichter verhindern in den Filmen das Abschweifen vom Wesentlichen. Das geht auf der Bühne weniger. Trotzdem heftet man sein Augenmerk in der Inszenierung des TOL schon bald nur noch an die Personen. Zum einen konnte man sich schon vor dem eigentlichen Beginn am Szenario satt sehen – das klarlinige rot-weiße Interieur von Jeannie Kratochwil steht in einem schönen Kontrast zu den aufgewühlten Seelen der Protagonisten – zum anderen ziehen die durchwegs ansprechend spielenden Darsteller von Beginn an die Blicke auf sich. Véronique Fauconnet zeigt Phyllis, eine Psychiaterin mit äußerst scharfer Zunge, souverän. Colette Kieffer findet als Carole erst nach einer guten halben Stunde wirklich in die Rolle einer Frau ein, die der besten Freundin den Mann ausspannt, wirkt dann aber glaubwürdig. Guy Robert gibt Caroles Ehemann Howard und stolpert von einem Krisenerlebnis in das andere. Gerade hat er noch seinen Vater in einem zweitklassigen Altersheim abgeliefert, und nun muss er zu allem Überfluss erfahren, dass seine Frau ihn mit seinem Freund betrügt. Man ahnt schnell, dass Woody Allen, würde er denn je in diesem Stück auf der Bühne stehen wollen, sich diese Rolle auf den eigenen Leib geschneidert haben muss, man kennt diesen Typus aus den früheren Filmen. Guy Robert überzeugt als gemartertes Schriftstellerherz  voll und ganz – es ist ein Genuss, ihm zuzu­sehen, sogar wenn er outriert. Joël Delsaut hat etwas weniger Glück mit seiner Rolle, irgendwie schafft er es nicht wirklich, den im Schatten seiner Frau Phyllis stehenden Anwalt Sam mit Hormonproblemen zu interpretieren. Sein Spiel wirkt zu gezwungen. Bleibt noch Audrey Drissens als junges Püppchen, das sich den Mann seiner Seelenärztin gekapert hat, was vor allem Carole stört, die gehofft hatte, mit Sam ein neues Leben beginnen zu können. Sie macht ihre Sache sehr gut, wenn sie mit einer unschuldigen Naivität die gewohnte Paarkonstellation durcheinander rüttelt. Schon anhand der Personenbeschreibung lässt sich erahnen, worum es geht – um Liebe, Betrug, Öde, Langweile, Konflikte, Lebensangst, falsche Hoffnungen etc. Es wäre nicht Woody Allen, könnte er aus diesem eher tristen Mix nicht doch ein herrlich unterhaltsames Stück machen. Mit klugen, humorvollen Dialogen und treffsicheren Pointen. Wie die meisten seiner Werke lebt auch Central Park West von den Worten und der ihnen inhärenten weisen Ironie. Nur schade, dass es Regisseur Nicolas Steil in seiner Inszenierung nicht gelingt, all diese kleinen Feinheiten herauszuarbeiten. Er verschenkt so manche Spitzfindigkeit. Aber keine Sorge – alles in allem erwartet Sie im TOL ein gelungener Abend.

Central Park West von Woody Allen, in der Ins­zenierung von Nicolas Steil wird noch bis zum 9. Februar jeweils um 20.30 Uhr im Théâtre ouvert Luxembourg, 143, route de Thionville in Bonneweg gespielt. Weitere Informationen und Reservierungen unter Telefon 49 31 66, Internet: www.tol.lu oder E-Mail: tol@tol.lu.

 

Jutta Hopfgartner
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