Übernatürliches

Mystical Müll Night

d'Lëtzebuerger Land du 19.08.2010

Heute loben wir den neuen Hang zum Übernatürlichen. Eine restaurierte Mühle ist im Prinzip etwas Bodenständiges. Besucher aus der Umgegend oder Touristen aus der Ferne könnten sich hier vor Augen führen, auf welch geniale Konstruktionen früher die Handwerker zurückgriffen, um ihr Leben zu bestreiten. Die Mühle wäre also ein Stück Geschichte, ein wichtiges Lehrstück über unsere Vorfahren und ihren Existenzrahmen. Aber da fehlt doch was. Ja, was fehlt denn? Richtig. Das event. Das highlight. Die Mühle an sich ist viel zu fade. Mir müssen die Mühle aufpeppen. Und mit Schnickschnack füllen. Sonst lockt die Mühle kein Schwein hinter dem Ofen hervor.

Zum Glück sind schon geniale event-Pioniere am Werk. Zum Beispiel in der „Heringer Millen“, einem prächtig renovierten Bauwerk in der Kleinen Luxemburger Schweiz. Diese publicity-Protze haben etwas Wunderbares erfunden, nämlich die Mystical Mill Night. Wir sollten jetzt nicht gleich so tun, als würden wir nur Bahnhof verstehen. Ist doch einfach. Mystik ist die Kunst, durch Versenkung oder Ekstase eine innige Verbindung mit dem Göttlichen herbeizuführen. Mystik hat mit Geheimnissen, Täuschungen und Irreführungen zu tun. Das passt doch perfekt in eine Mühle. Wie wir alle wissen sollten, ist das Wasserrad seit ewig die Behausung der Gnome und Kobolde. Und das Göttliche schwebt ohnehin über jedem Mehlsack.

„Let the Magic happen“, rufen ganz zu Recht die Vermarkter der Heringer Mühle, und versprechen „zauberhafte events für die ganze Familie“. Das klingt zwar ein bisschen nach der Wochenend-Werbeveranstaltung eines Möbelhändlers, aber hier tritt der Zauberer höchstpersönlich auf, und zwar in der „magischen Illusionsshow von Jay Witlox“. Das ist aber noch lange nicht alles. Die lieben kids sollen nämlich auch ihren mystischen Schauer erleben. Sie dürfen der „Fee am Hunnebuer“ einen Besuch abstatten. Diese Fee ist vermutlich ein Ausbund an mystischer Durchtriebenheit. Irgendwie eine Art Martine Stein-Mergen der Mühlenlandschaft. Die kids haben die innige Verbindung mit dem Göttlichen ganz sicher sofort am eigenen Leib gespürt.

Wenn nicht, werden sie zur Nachbereitung in die „Bastelecke für kleine Feen und Zauberer“ zwangsrekrutiert. Wenn sie dort die Mystik immer noch nicht schnallen, wird ihnen kein Mehlsack an den Hals gehängt und sie werden nicht in den Fluten des Meeres versenkt. So mystisch-biblisch soll es dann doch nicht zugehen. Nein, die Kleinen dürfen sich dem „Stockbrotbacken am Lagerfeuer“ zuwenden. Auch Baden-Powell war offenbar ein legendärer Mystiker. Richtig idyllisch, die Vorstellung, dass in grauer Vorzeit alle Müller aus dem weiten Müllerthal mit teigumwickelten Stöcken am Lagerfeuer hockten und sich eine kräftige Prise Mystik reinzogen.

Ganz zufrieden sind wir mit dem event-Programm allerdings nicht. Mit der Fackel-Duck-Race können wir uns beim besten Willen nicht anfreunden. Was zum heiligen Brimborius ist eine „Fackel-Duck“? Eine Fackel mit einem Entenkopf? Eine Ente mit einem Fackelschwanz? Eine abgefackelte Ente? Oder eine Ente, die nicht lange fackelt? Überhaupt scheint sich eine merkwürdige Sprache im Müllerthal breitzumachen. „Best of Wandern“ nennen die publicity-Protze ihre Spazierweg-highlights. Was ist das? Denglisch? Engleutsch? Vielleicht können wir die Frage ja in der „magic shitting cabin“, dem romantischen Freiluftmühlenklo, näher erörtern, wenn uns eine Überportion Stockbrot in den mystischen Winkel par excellence treibt.

„Müllerthal meets Haiti“ verkünden die fröhlichen Höhlen- und Mühlenmanager an anderer Stelle. Das klingt doch gut. Die Alliteration stimmt, der mystische Inhalt auch. Die Mystical Earthquake Night haben wir leider verpasst. Aber uns ist schon aufgefallen, dass im gesamten Müllerthal jetzt mehr Palmen wachsen und die Schwarze Ernz manchmal rauscht wie das Meer an den Stränden von Haiti.

Vielleicht wächst in den restaurierten Müllerthal-Mühlen ja einfach nur eine neue Generation von mehrsprachigen Mystikern heran. Wackere Germans mit inglisch Einsprengsels. Oder hollandse Mannen met americano Wuerzels. Ja, der „Müllerthal Trail“ rollt, und die mystical Lagerfeieren are burning. Uns wird ganz feenhaft zumute, wir fühlen uns wie verzaubert. Ist dies nun das merkantil unterfütterte Mühlen-Syndrom?

Übrigens möchten wir zum Dank den tapferen Trailern noch einen Gratis-Slogan anbieten: „Müll meets Mill“. Wobei „Müll“ selbstverständlich nicht für den ganzen mystischen Stuß in den restaurierten Mühlen steht. „Müll“ ist nur eine putzige Abkürzung für „Müllerthal“. Der ganze Name ist nämlich viel zu lang. Und gar nicht zeitgemäß sexy. „Müll me, baby!“ Das wär doch was. Früher hätte sowas geheißen: „Lieber Schnucki, hast du keine Lust, mich heute auf eine kleine Mühlenwanderung ins Müllerthal zu entführen?“ Waren das noch umständliche Zeiten! Und sprachlich so anachronistisch! Diese Zeiten gehören heute ganz einfach auf den Mill-Haufen.

Guy Rewenig
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