École de la deuxième chance

Andere Wege zum Diplom

d'Lëtzebuerger Land du 17.03.2017

Wenn jemand weiß, welche Löcher übertriebene Sprachanforderungen in Lebensläufe reißen, dann sind es die Lehrkräfte der École de la deuxième chance in Hollerich in Luxemburg-Stadt. Hierher kommen Jugendliche und junge Erwachsene, die die Schule abgebrochen haben – nicht wenige, weil sie entweder nicht genügend Deutsch oder Französisch konnten–, oder die aus einem anderen Grund auf dem zweiten Bildungsweg einen Schulabschluss nachholen wollen.

„Das Ziel ist dasselbe, aber der Weg ist ein anderer“, fasst Schuldirektor Carlo Welfring die Grundphilosophie der Schule zusammen. Die Absolventen müssen sich denselben Abschlussprüfungen stellen wie alle Schüler im öffentlichen Schulsystem, allerdings sind der Unterricht und die Inhalte deutlich anwendungsorientierter. „Wir bereiten auf den Beruf vor, deshalb steht bei uns die Funktionalität von Sprache im Vordergrund“, erläutert Tania Biel, Deutschlehrerin, den Unterschied zu herkömmlichen Schulen. Der Unterricht ist kompetenzorientiert, Schüler des Technique und der Berufsschule haben die Wahl zwischen Basis- und Fortgeschrittenenkursen in Deutsch und Französisch. „Bei uns können Schüler, die stark im Hörverständnis oder in der Kommunikation sind, Schwächen im Schreiben kompensieren“, so Biel.

Biel und ihre Kollegen greifen nicht auf ein paar ausgewählte Schulbücher zurück, die sie dann Kapitel für Kapitel durchnehmen. „Das könnten sich unsere Schüler gar nicht leisten“, so Biel. Vielmehr arbeitet das Lehrpersonal mit eigenen Handapparaten, will heißen, sie stellen das Material gemeinam zusammen. Dass das geht, hat die Schule ihrem Sonderstatus zu verdanken: Anders als andere Schulen ist die École de la deuxième chance nicht an die herkömmlichen Lehrpläne gebunden, sondern entwickelt ihre eigenen, ähnlich wie das Schengen-Lyzeum in Perl. Insofern sind für sie nicht die nationalen Programmkommissionen zuständig, sondern sie selbst. Was nicht zuletzt mehr Flexibilität in Methodik und Didaktik erlaubt und erklärt, warum die Schule oft in bemerkenswert kurzer Zeit neue Ausbildungen auf die Beine stellt.

Zentral ist, dass sich das Lehrpersonal nicht als Einzelkämpfer versteht, die nur für ein Fach und ihre Klasse zuständig sind. Dabei hilft, dass an der Schule nicht nur Sekundarschul- und Berufsschullehrer arbeiten, sondern auch Grundschullehrer und Lehrbeauftragte: „Grundschullehrer haben kein Fach, ihre Herangehensweise ist meist weniger formalistisch, sondern ganzheitlicher. Sie gehen individueller auf ihre Schüler ein“, beschreibt Carlo Welfring den Vorteil dieses Lehrkräfte-Mix. Damit trotzdem alle an einem Strang ziehen, sind regelmäßiger Austausch, feste Absprachen und Vernetzung zentrale Bestandteile in der Unterrichts- und Lehrplangestaltung.

Ebenso das Tutorat, bei dem ein Lehrer sich wie ein Coach um eine überschaubare Zahl an Schülern besonders kümmert, das Portfolio (eine persönliche Sammlung an Arbeiten, die die Fähigkeiten des Schülers/der Schülerin dokumentieren) und der Travail personnel, eine Art Projektarbeit. Diese Elemente waren in der Sekundarschulreform vorgesehen, die Schulministerin Mady Delvaux (LSAP) 2013 auf den Weg bringen wollte, die aber nie kam – und die ihr Nachfolger Claude Meisch in der Form nicht mehr will. Er setzt auf professionelle Qualitätsentwicklung und mehr Autonomie: Jetzt bleibt es den Schulen selbst überlassen, wie sie den Unterricht verbessern und gegen schulischen Misserfolg vorgehen. „Schade eigentlich“, findet Carlo Welfring.

Der Travail personnel stößt nicht überall auf Begeisterung, manche Schüler, die sich mit dem
Schreiben schwertun, haben zunächst Hemmungen: „Wir erklären ihnen dann, dass es um das Ergebnis geht. Darum, dass sie ein Problem darstellen und lösen können.“ Manche schreiben die Arbeit zunächst in einer Sprache, die ihnen besser liegt. „Danach versuchen wir mit ihnen, diese Arbeit zu übertragen“, sagt Lehrerin Melanie Noesen. Das erfordert nicht nur viel Geduld und Einfühlungsvermögen, sondern ein Schüler-Lehrer-Verhältnis, für das in der herkömmlichen Schule oft die Zeit fehlt. „Bei uns sind die Schüler auf Augenhöhe, viele haben bereits eine gewisse Lebenserfahrung“, sagt Tania Biel. Lehrkräften, die an der Schule unterrichten wollen, empfiehlt Welfring eine gewisse „pädagogische Aufmerksamkeit“. „Wir haben Lehrer, die nach einer Zeit wieder gehen. Ich selbst kann mir keine andere Art zu unterrichten mehr vorstellen“, betont Tania Biel zufrieden.

Ines Kurschat
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