Die Chinesen kommen – Forest City ist Teil eines riesigen malaysischen Zukunftsprojekts

Singapur 2.0

d'Lëtzebuerger Land du 24.03.2017

Die Straße liegt mitten in geordneten tropischen Landschaften. Nach der etwas holprigen Schnellstraße, die zum malaysischen Staat gehört und die Reisenden von der Autobahn bis hier herbringt, ist die Fahrt auf dieser Privatstraße mit gutem Straßenbeleg und leichten Kurven ein Segen. Doch hinter einer Kurve tauchen unerwartet uniformierte Männer auf beiden Seiten der Fahrbahn auf. Ein kurzer Moment der Angst. Doch die Uniformierten salutieren militärisch, wie sie jedem salutieren, der hier vorbei kommt. So empfängt eben Forest City ihre zukünftigen Bewohner.

Forest City wird ein Stadtteil einer noch nicht exitierenden Großstadt. Sie ähnelt den Phantasiestädten in Sci-Fi-Filmen. Große Wohntürme: beleuchtet, begrünt, mit quirliger Architektur. Dazwischen Luxusvillen. Schulen, Kliniken und moderne Vergnügungszentren zur täglichen Unterhaltung der Bewohner, ja sogar mehrere Golfplätze sind selbstverständlich auch vorhanden. Doch das alles noch als menschenhohe Plastik-Landschaften im Verkaufszentrum des Wohnprojektes, immerhin in Sporthallengröße.

Forest City ist eine Schöpfung chinesischer Baukonzerne. Weil der Bauboom in China allmählich seine Grenzen erreicht, stürmen sie mit ihrem Know-how, vollgefüllten Taschen und Großprojekten in die Länder Südostasiens. Die malaysische Freihandelszone Iskandar Malaysia ist für sie gefundenes Fressen. Dieses Megaprojekt hatten sich malaysische Wirtschaftsplaner vor zwanzig Jahren nach dem Modell Hongkong und die ihn umgebende erfolgreiche chinesische Freihandelszone Shenzhen ausgedacht. Doch Iskandar Malaysia entsteht um einen anderen erfolgreichen Stadtstaat, um Singapur, und umfasst dreimal die Fläche des Inselstaates Singapur. Forest City ist nur ein Teil davon.

Die chinesische Mega-Baufirma Country Garden
baut seit einem Jahr. Auf einem Gelände, das viermal größer als der New Yorker Central Park, sollen 8 000 Wohnungen entstehen, in bester Lage mit Blick auf Singapur. Die meisten Wohnungen sind bereits verkauft, noch bevor sie entstanden sind. Auch die Käufer kommen aus China, die Einheimischen können sich diese Sci-Fi-Produkte nicht leisten. Täglich fliegen hunderte chinesische Mittelschichtsbürger mit einer eigens eingerichteten Flugverbindung einer malayischen Billigfluglinie vom südchinesischen Guangzhou ins südmalayische Johor Bahru. Mit Bussen werden sie nach Forest City gekarrt.

Verkaufsbroschüren, Werbeplakate und das nötige Entertainment kommen allesamt aus China. Fließend chinesisch sprechende junge Frauen, gekleidet wie die Stewardessen von Singapore Airlines, begleiten kauflustige Chinesen in die Verkaufshalle. Nachdem sie sich die Modellwohnungen anschauen, geht es schnell. Denn die Kasse, eine elegant in kühlem weiß gehaltene Verkaufslandschaft, ist bestückt mit Apple-Laptops und den nötigen Formularen für den sofortigen Kauf eines der Luxusapartments. Dann fallen die Neureichen Chinas im Forest City Café in einem ohnmächtigen Schlaf. Draußen, in der tropischen Hitze, rammen derweil hunderte Baukräne gigantische Fundamente in den Boden, wo noch malayische Mangrovenwälder wuchern. Wenn alles fertiggestellt ist, werden 700 000 Menschen hier einziehen.

Und Forest City ist nur eines der circa 60 ähnlichen Wohnprojekte innerhalb der Grenzen von Iskandar Malaysia. Am Ende sollen, laut dem Nationalen Eigentumsinformationszentrum Malaysia, insgesamt knapp eine halbe Million Wohnungen entstehen. Das sind mehr als alle privat gebauten Wohnungen in ganz Singapur. Selbstverständlich sollen auch neue Vergnügungsparks, sowie Industrie- und Serviceregionen gebaut werden. Im Investitionsplan sind dafür bisher 87 Milliarden US-Dollar vorgesehen. Einige Unternehmen, unter ihnen Legoland aus Dänemark, haben bereits ihre Tore geöffnet.

Mitten in der Freihandelszone Iskandar Malaysia liegt die traditionsreiche malaysische Stadt Johor Bahru. Auch sie bekommt ein Facelifting, das den alten Stadtkern der etwas verschlafenen Stadt an der Grenze zu Singapur allmählich zu zerstören droht. Große Bürotürme überlagern bereits das Stadtzentrum. Ein Terminal für Hochgeschwindigkeitszüge, die genauso neu gebaut werden sollen wie der Rest, wird dann die Region mit dem Rest des Landes und der Welt verbinden. Die Ausschreibung soll bis Ende des Jahres laufen. Bauaufträge für die Trassen und die Züge sollen bis Ende 2018 vergeben werden. Auch hier soll die malaysische Regierung chinesische Unternehmen bevorziehen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Kein Wunder: China investiert nicht nur direkt in das Projekt, sondern beteiligt sich auch an dem Fonds, der früher ganz zum malaysischen Staat gehörte und den Rest der Investitionen finanziert. Ab 2026 rollen dann Hochgeschwindigkeitszüge auf einer Strecke von 375 Kilometer zwischen Singapur, also dem zweitgrößten Hafen der Welt, und der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur: Fahrtzeit 90 Minuten, aktuell braucht man für die schnellste Verbindung mit dem Auto mindestens vier Stunden.

Doch Reisende aus Singapur sollen bald nonstop via Beijing zum Rest des eurasischen Kontinents fahren können. Denn so wie Forest City Teil von Iskandar Malaysia ist, so sind die neuen Trassen Teil eines viel größeren Projektes, der chinesischen „Eisernen Seidenstraße“. Deshalb werden auch für die malaysische Hauptstadt
Kuala Lumpur große Pläne geschmiedet. Dort soll Bandar Malaysia entstehen – ähnlich wie Iskandar Malaysia mit einem kolossalen Bahnhof. Der ehemalige US-Botschafter in Malaysia, Dennis Ignatius, nennt das Projekt ein Produkt von „Gier und Arroganz“. Für circa 40 Milliarden US-Dollar soll dort die größte unterirdische Stadt der Welt gebaut werden: Kaufhäuser, Themenparks, Finanzzentren und die regionale Zentrale der chinesischen Bahn, China Railway.

Ob diese Vision eines Hochgeschwindigkeitseisenbahnetzes irgendwann Realität wird, steht indes in den Sternen. Die Wirkung der im Bau befindlichen Iskandar Malaysia ist bereits erkennbar. Und sie lassen lokale Investoren zittern. Zunächst investierten malaysische und singapuranische Unternehmer mit Verve in die Wohnungsbauten. Nun aber sehen sie sich von der chinesischen Konkurrenz an die Wand gespielt. Die neu entstehenden Wohnungen sind fünfmal billiger als gleichwertige Wohnungen in Singapur. Diese chinesische Marketingstrategie sorgt für einen Preissturz in der Region. In Johor alleine verloren Wohnungen letztes Jahr 32 Prozent an Wert, in Singapur bis zu 40 Prozent. Denn noch ist unklar, wer dieses Überangebot in Anspruch nehmen wird. Der Preisverfall kommt nicht einmal den Einwohnern der Region zugute. Die malaysischen Bauern werden gezwungen, den modernen Bauvohaben Platz zu machen. Sie können sich die zu entsehenden Luxuswohnungen und den dort zu erwartenden Lebensstil aber nicht leisten.

In einer Autobahnraststätte kurz vor dem Sultan-Abu-Bakar-Komplex, dem Grenzübergang zwischen Malaysia und Singapur, bedient Cynthia Chai die Laufkundschaft. Die Frau im mittleren Alter gehört der chinesischen Minderheit in Malaysia an. Sie verdient ihr Leben zusammen mit ihrem Ehemann mit dem Verkauf von malaysischen Pancakes. Wird sie nach Forest City gefragt, zögert sie kurz und überlegt offensichtlich, ob eine freie Meinungsäußerung dazu gefährlich werden kann. Dann meint sie, dass die Einheimischen die Verlierer dieses Geschäfts sind. „Wir wissen, dass wir Opfer bringen müssen, wenn wir Entwicklung wollen“ sagt Chai, „aber sie ist nicht gut für uns. Denn der Staat beschlagnahmt unser Besitz und zahlt nicht einmal das, was er wert ist.“

Malaysische Politiker dagegen schauen in die Zukunft mit Zuversicht. Sultan Ibrahim Ismail, der Sultan von Johor, gab einem Korrespondenten der malaysischen Zeitung The Star zu Protokoll, dass die Singapurer in Zukunft in Johor wohnen und in Singapur arbeiten würden, sobald die Verkehrsverbindungen zwischen Iskandar Malaysia und Singapur funkionierten. Die furchterregenden Wartezeiten an den Grenzübergängen kommentierte er nicht.

Cem Sey
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