Öl auf dem Mond

Trostlos City

d'Lëtzebuerger Land du 26.10.2000

Keine Liebe. Bitte. Keine Hoffnung, keine Zukunft. Nicht einmal mehr Rumpflaumen oder Vanilleeis. In Corpus Christi, einem "gottverlassenen Ort an der texanischen Küste" gibt es an jenem Karfreitag nur eine Ölpest, einen Hurricane, Dreck, einen toten Polizisten, Gewalt, Wut und Verzweiflung. Alle Figuren in Ludwig Fels' am Samstag uraufgeführtem Stück Öl auf dem Mond sind irgendwie am Ende angekommen und treffen sich rein zufällig in Hopalongs trauriger Bar Juke Point. Im Programmheft nennt Fels sein Stück "ein road-movie im Kammerspielformat": "Die Figuren agieren ohne Ablenkung durch Weite, Fahrten, Himmel oder Landschaft, sind Gefangene des Zufalls, Geworfene sowieso. (...) Ich habe dieses Stück geschrieben, als sei der Vorhang des Theaters die Rückseite einer Filmleinwand."

Ludwig Fels, den Michel Raus als den "Proleten" unter Deutschlands zeitgenössischen Lyrikern bezeichnete (d'Land 42/00), schreibt über Outcasts, Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen: für den tumben Dulli (Jens Ulrich Seffen), den Raffineriearbeiter, der tagelang den stinkenden Ölteppich vom Ozean schaufeln muss, ist rohe Gewalt der einzige Weg, sich auszudrücken, und sein Freund, der faschistoide Polizist Earle (Frédéric Frenay) unterstützt ihn dabei. 

Bozens Eltern haben zwar einen Haufen Knete, doch auch sie findet sich im Leben nicht zurecht, und so sucht sie auf den Gräbern verstorbener Stars nach etwas Glamour und träumt vom Leben auf dem Mond. Der lebensmüde Barmann Hopalong (wunderbar trauriger Peter-Uwe Arndt) will, nachdem es ihm nicht gelungen ist, das Bild seiner verbrannten Frau im Alkohol zu ertrinken, seinen Lebensabend auf seinem Boot Blue Breast verbringen und dieses Tränental hinter sich lassen. Die "arme Haut" Fawn Bonair hat zwei Menschenleben auf dem Gewissen und versucht verzweifelt, durch eine Geiselnahme im Juke Point irgendwie aus der Klemme zu kommen. 

Öl auf dem Mond bewegt sich permanent zwischen Realismus und absurder Farce, und kann sich nie so recht entscheiden. Vor allem scheint es, als habe Ludwig Fels einer ganzen Reihe Aphorismen und Barsprüche loswerden wollen -  "Die Erde hat eine Kruste. Drei, vielleicht sieben Meilen dick. Sie besteht aus all den Worten, die uns aus dem Mund fallen. Die Versprechungen, die Lügen. Oben wie eine Fettschicht drüber geschmiert das Wort Liebe..." (Hopalong) oder "Ein Wochenend ist einfach zu kurz, um jedes alte Arschloch quasseln zu lassen" (Earle) - und sich dementsprechend weniger mit den Figuren beschäftigt. Er wolle, so Fels, durch Kitsch berühren, und bedient sich dafür klassischer Stilmittel - Musikeinlagen, Liebesschnulzen... - allerdings in der ihm verwandten Slang- und Fäkalsprache. Lustigerweise hat der Regisseur Hanfried Schüttler die vulgärsten Passagen herausgestrichen, wodurch dem Stück die ganze Dimension der verbalen Brutalität verloren geht. 

Auch die dramaturgischen Schwächen und die Langatmigkeit des Stücks kann Schüttlers phantasielose, weil zu realistische Inszenierung nicht retten. Obwohl er es fertigbrachte, streckenweise Rhythmus hinein zu bringen, versäumte er es allerdings, dem Text durch eine radikale Lesart Leben einzuhauchen und die Sinnlosigkeit der Existenz offen zu legen. Warum zum Beispiel muss eine weiße Schauspielerin (in diesem Fall Christine Reinhold) sich auch heute noch schwarze Schuhwichse ins Gesicht schmieren, wenn sie eine Schwarze spielen soll? Irgendwo haftet dieser deutsch-luxemburgischen Koproduktion zuviel Halbherzigkeit an.

Öl auf dem Mond von Ludwig Fels; Inszenierung: Hanfried Schüttler; Ausstattung: Werner Brenner; eine Koproduktion der Burghofbühne Dinslaken und des Kapuzinertheaters; es spielen: Peter-Uwe Arndt, Frédéric Frenay, Sandra Klaas, Sebastian Walch, Christine Reinhold Jens Ulrich Seffen und Wilfried Szubries. Weiter Vorstellung morgen Samstag 28. sowie am Sonntag 29. Oktober; Reservierungen über Telefon: 22 06 45

 

 

 

josée hansen
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