Majerus, Marianne; Maas, Françoise : Die geheimen Gärten Luxemburgs

Das Leben der Anderen

d'Lëtzebuerger Land du 16.09.2011

Wer gedacht hat, dass sich die Luxemburger in den Sommermonaten vornehmlich auf seichte Krimis oder melodramatische Romane stürzen würden, muss sich eines Besseren belehren lassen: Bereits seit drei Monaten in Folge verweist Die geheimen Gärten Luxemburgs von Marianne Majerus und Françoise Maas die Konkurrenz, das heißt im Wesentlichen Romane, Ratgeber, Heimatkundliches und Kochbücher, auf die hinteren Ränge der sogenannten „nationalen Bestsellerliste“ der Buchpublikationen Luxemburger Verlage.

Dem Erfolg nach zu urteilen, müsste mittlerweile bereits eine beträchtliche Anzahl der Beistelltischchen quer durch das Großherzogtum mit einem Exemplar dieses zauberhaften Coffee-Table-Buchs bestückt sein. Sollen es ruhig mehr werden! Und noch mehr! Selbst wer nicht zu Superlativen neigt und sein Auge über Jahrzehnte hinweg an der englischen Ausgabe von Homes and Gardens geschult hat, wird sich von den berückend schönen Bildern in diesem Buch bestricken lassen. Warum sich Marianne Majerus bereits auf internationaler Ebene als Gartenfotografin ausgezeichnet hat (zum Beisoiel als International Garden Photographer of the Year 2010), wird jedenfalls unmittelbar ersichtlich.

Die rund drei Dutzend für den Band ausgewählten Privatgärten zeugen von einer großen Vielfalt gestalterischer Konzeptionen, die vom Landschaftsgarten zum stylishen Stadtgarten, vom japanischen Steingarten zu traditionellen Kräutergärten und betulichen Gewächshäusern reicht. Am Wechsel der Jahres- und Tageszeiten macht sich über die durchdachte Auswahl hinaus auch eine geduldige Planung bemerkbar. Das Warten auf den richtigen Augenblick, auf die günstigste Gelegenheit für schöne Aufnahmen, hat sich ausgezahlt. Ein schöner Garten muss nicht aus Blütenmeeren im Sonnenschein bestehen: Während der Zauber des einen Gartens sich erst durch das herbstrote Laub entfaltet, verwandeln Schnee und Raureif parkähnliche Anlagen in märchenhafte Orte.

Ähnlich märchenhaft geht es, zumindest auf den ersten Blick, auch in den Begleittexten von Françoise Maas zu, die einerseits die Grundideen der Gartengestalter zu erläutern versuchen und andererseits der näheren Bildbeschreibung dienen. Der Aufforderung der Autorin, über die Vielzahl botanischer Bezeichnungen „getrost hinweg zu lesen“ (S. 5), sollte der Leser keinesfalls nachkommen, denn diese Bezeichnungen sind so fantastisch und fein gedrechselt wie ein rankender Rosenstrauch oder eine akkurat zurechtgeschnittene Buchsbaumhecke. Rosen hören zum Beispiel auf die edlen Namen „Ghislaine de Féligonde“, „Paul’s Himalayan Musk“, „Comtesse Cécile de Chambrillant“ oder auch „Zéphirine Drouin“. Bestimmt nicht weniger suggestiv werden der „japanische Schnurbaum“ oder der „Schneeballbaum“ geheißen. Von dieser feenhaften Atmosphäre becirct, liest man dann auch gern über den Vokabelsalat hinweg, der hin und wieder zwischen den Abschnitten hervorlugt, und nimmt gutmütig hin, dass die Pflanzen zuweilen eher „prosperieren“ statt schnöde zu „gedeihen“ (S. 81).

Welchem Buch würde man eher eine blumige Sprache verzeihen als einem Gartenbuch? Was die Autorin dem Leser aber sonst an gelehrtem Geschnacke vorsetzt, besteht teilweise aus doch zu argem sprachlichem Wildwuchs. Da liest man etwa von einem „zerebralen Garten“ (S. 110) sowie „unsichtbaren Sichtachsen“ (S. 203), und wohnt der Neuprägung von wohlklingenden Unsinnswörtern wie „Phytosophen1“ bei (S. 100); mehr als einmal offenbart sich eine ungute Neigung der Autorin zu kitschigen Metaphern („Dieser Garten scheint komponiert wie eine Sinfonie“ und so weiter, S. 100) und pompösen Sentenzen („Den Abschluss bildet wie am Anfang eine große Eibe. Totenbaum? Lebensbaum? [-]Alpha und Omega.“, S. 142). Auch ist im Zusammenhang eines Bildbandes zwar verzeihlich, Zitate nicht nach ihren Primärquellen zu zitieren oder überhaupt keinen Quellennachweis anzugeben (S. 105, S. 203), es wirkt aber wenn nicht [-]unbeholfen, so doch einigermaßen unelegant. Aufgrund der herausragenden Qualität der Fotografien, sollte man sich wegen der paar Stilblüten aber nicht die Freude am Buch verderben lassen.

Beim Buch muss es übrigens nicht bleiben. Auch wenn es ein Privileg der mit Zeit, Geld und ausreichend Platz Gesegneten ist, eine Grünfläche um das Haus in einen locus amoenus zu verwandeln, verschafft Die geheimen Gärten Luxemburgs zumindest Linderung. Wer es bei Papierträumen vom Leben der Andern nicht belassen will, wird immerhin Trost in der Liste derjenigen Gärten finden, die man auf Anfrage besichtigen kann.

1 Die etymologisch annehmbare Variante müsste „Philophyten“ lauten.
Elise Schmit
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