Weniger Spezialisierung, mehr Flexibilität: Die Reform des Sekundarunterrichts ist umfangreich

Der Berg ruft

d'Lëtzebuerger Land vom 23.09.2011

Nachdem das Hauptaugenmerk des Unterrichtsministeriums in den vergangenen drei Jahren den Reformen in der Grundschule galt, sollen deren Leitlinien nun auch in den Sekundarschulen fortgeführt und in einem neuen Rahmengesetz festgeschrieben werden. Ein erster Entwurf soll den Schulen, Programmkommissionen und Gewerkschaften im November vorgelegt werden, Änderungen sind also möglich. Mit der Reform sollen die Lyzeen „besser auf ihre komplexen Missionen antworten können“, heißt es im Pressedossier zur Rentrée scolaire.

Weil die Schüler aus den Proci-Schulen (projet cycle inférieur im EST) zum zweiten Mal bei der Pisa-Studie deutlich besser abschnitten als ihre Kameraden aus den Regelschulen, will das Ministerium damit fortfahren verschiedene Elemente aus dem Proci für alle Schulen verbindlich zu machen, also sowohl für den technischen als auch für den klassischen Unterricht (EST+ES):

Der zyklushafte Aufbau der Grundschule wird fortgesetzt, das heißt, auf den vierten Zyklus folgt nun der fünfte Zyklus in den unteren Klassen des Enseignement secondaire. Dieser umfasst die siebte und achte Klasse im EST und die siebte und sechste Klasse im ES. Während diesen Jahren sollen Klassenwiederholungen nur im Ausnahmefall erlaubt sein. Die Schüler bleiben für zwei Jahre in einem Klassenverbund zusammen.

Ein Tutorat, bei dem sich im Prinzip ein Lehrer um eine Gruppe von Schülern intensiver kümmert, soll die enge individuelle Betreuung gewährleisten. Die Schulen sollen diese voraussichtlich selbst organisieren. Abgeschaut hat sich das Ministerium die Idee vom Lycée Ermesinde (Ex-Neie Lycée) und vom Atert-Lycée in Rédange.

Ein überschaubares Team von Lehrern soll die Jungen und Mädchen im EST begleiten. Damit hofft das Ministerium, die Zusammenarbeit und Planung unter den Lehrern zu vereinfachen sowie die Betreuung der Schüler zu verbessern.

Der Unterricht soll auf Kompetenzen basieren, das heißt, er wird stärker anwendungsorientiert ausgerichtet; die Umstellung auf Kompetenzen ist bereits teilweise erfolgt. Arbeitsgruppen sind dabei, die Programme dementsprechend zu überarbeiten.

Differenzierte Sprachanforderungen sollen mehr Schülern zu einem Abschluss verhelfen. Die vier Kompetenzbereiche Text- und Hörverstehen, Schreiben und Mündlich werden im Proci derzeit differenziert auf 60 Punkte bewertet. In allen anderen Klassen gibt ein Complément au bulletin Aufschluss darüber, auf welcher Kompetenzstufe die Schüler sich in den verschiedenen Bereichen befinden. Inwieweit eine getrennte Benotung auch im Classique eingeführt wird, ist unklar. Die Bewertung und die Frage der Kompensation gehören zu den am heftigsten diskutierten Kapiteln. Das Ministerium hat sich grundsätzlich bereit erklärt, die Kompensation, wie sie aktuell besteht, abzuschaffen (von vielen als Ursache für die mangelnde Motivation und Lernfleiß der Schüler angesehen), andere Kompensationsmöglichkeiten sind aber nicht ausgeschlossen.

Die neunte Klasse im EST bleibt der Schlüsselmoment, in dem die Orientierung auf die weiterführenden Schulen erfolgt; zuvor sollen die Schüler in so genannten Cours de base oder Cours avancé in verschiedenen, für die Orientierung wichtige Fächern am Ende der 8e eine erste Vororientierung erfahren. Der Klassenrat entscheidet über die Versetzung, wobei bereits Modelle einer 9e „bis“ angedacht werden für Schüler, die die 9e nicht im ersten Durchgang bestehen oder nicht die Orientierung erreichen, die sie sich wünschen. Ein Parcours d’orientation, der bereits in der siebten Klasse beginnt, soll helfen, dass der Schüler frühzeitig seine Fähigkeiten und Interessen kennen lernt. Wie das genau aussehen kann, bleibt noch zu bestimmen. In der 8e EST soll der Schüler etwa über Berufe informiert werden oder Betriebe besuchen.

In der Oberstufe sollen sowohl die Schüler des EST (in der 12e) als auch die des ES (in der 2e) künftig anhand eines Travail d’envergure zeigen, dass sie ein komplexes Thema selbstständig erarbeiten, recherchieren, analysieren und dazu eine schriftliche Arbeit verfassen können. Diese Arbeit wird voraussichtlich von einer externen Jury bewertet und ist Bedingung für die Versetzung in die 13e beziehungsweise 1ère. Als Vorbild gilt die schweizerische Matura-Arbeit oder der französische Travail fin d’études.

Die Nummerierung der Klassen von EST und ES wird angeglichen.

In einem persönlichen Portfolio sollen Kopien von Zeugnissen, Praktikumsbelegen und andere Dokumente den schulischen Werdegang eines jeden Schülers dokumentieren. Dieses Portfolio wird, anders als in der Grundschule, nicht zu Bewertungszwecken genutzt.

In der Oberstufe sollen Mädchen und Jungen zudem künftig zwischen zwei Dominanten (im ES Dominante sciences humaines oder sciences naturelles, im EST Dominante sciences et technologie oder commerce et communication) wählen können. Dabei soll der Schüler jeweils Pflicht- und Wahlfächer belegen, die sich grob in die Bereiche Mathematik und Sprachen, Spezialisierung und Allgemeinausbildung gliedern. Unterschiedliche Niveaus etwa in den Sprachen sollen auch Schülern mit nicht ganz so guten Sprachkompetenzen die höhere Schulausbildung ermöglichen. Die Spezialisierung umfasst jene Kurse, die dem Profil der gewählten Dominante entsprechen. Zur Formation générale zählen all jene Fächer, die eher der Allgemeinbildung zuzuordnen sind.

Im Classique bleibt die 4e die Orientierungsklasse. Schüler sollen dort auf ihre Wahl der späteren Dominanten vorbereitet werden, beispielsweise durch Vertiefungskurse in Mathe und Französisch. Was genau diese Inhalte und was die Kriterien zur Versetzung sein werden, ist noch Gegenstand der Diskussion.

Das Schlussexamen in ES und EST soll sechs schriftliche und zwei mündliche Prüfungen umfassen, wobei auch hier der Schüler innerhalb eines bestimmten Rahmens seine Examensfächer wählen können soll. Dieses „konzentrierte“ Examen gibt es übrigens in vielen europäi-schen Ländern seit Jahrzehnten.

Aber nicht nur die Programminhalte und Fächer werden reformiert. Mit dem Loi cadre sur l’organisation de l’enseignement secondaire soll ein reguläres Bildungsmonitoring, also eine externe Begleitung der Schulen, verankert werden. Dabei kommt dem von der Agence pour le développement de la qualité scolaire entwickelten Rapport Lycée, der die Leistungen der Schüler nach Schulgebäuden aufschlüsselt und eine Fülle anderer Entwicklungsdaten beinhaltet, eine Schlüsselrolle zu. Anhand der Stärken-Schwächen-Analyse ist jede Schule angehalten, sich über Aktionspläne Entwicklungsziele zu setzen. Diese soll schulintern von einer Schulentwicklungszelle koordiniert werden. Dafür sind momentan um die sieben Stunden décharge vorgesehen. Nicht nur das Monitoring ist für Gewerkschaften ein Reizthema. Hier und da ist zu hören, dass das Ministerium eine Art Inspektion nach dem Vorbild der Grundschule für die Sekundarschulen einführen wolle, was offenbar für Aufregung sorgt: Direktoren lehnen diese ab, wohl weil sie um ihren Einfluss fürchten.

Um die Schulen an den Reformen zu beteiligen, haben sich 15 Lycées pion-niers nach einem Aufruf des Ministeriums zusammengefunden, um über Best practises und Inhalte zu beraten. Sie werden hierin vom Ministerium unterstützt (d’Land vom 25.05.11). Die Reflexionen in Arbeitsgruppen über Reformschwerpunkte erfolgen entlang den im Document cadre vom September 2010 zur Reform des unteren Zyklus festgelegten Themenbereichen Didaktik, Bewertung, Schülerförderung, sowie, neu, Schulsteuerung und Talentförderung. In Arbeitsgruppen werden beispielsweise Kompetenzsockel definiert oder nach Wegen gesucht, wie eine kompetenzbasierte Benotung aussehen kann, ohne das 60-Punkte-System ganz zu verlassen. Die Ministerin hat mehrfach betont, an den 60-Punkte-Noten festhalten zu wollen.

Ines Kurschat
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