Sehbehinderte Schüler im Lycée Aline Mayrisch

Mit Laptop, Braille-Papier und Projektunterricht

d'Lëtzebuerger Land du 23.09.2011

Als vergangenen Freitag der Unterricht an den Sekundarschulen wieder begann, hatten im Hollericher Lycée Aline Mayrisch auch drei Schüler Rentrée, die blind oder stark sehschwach sind. Das allein ist nicht ungewöhnlich. Sehbehinderte Schüler sollen möglichst in den normalen Unterricht integriert werden. Bis zum Alter von zehn Jahren lernen sie Maschineschreiben. Das Institut pour déficiences visuels (IDV) in Bartringen bietet dazu Kurse an. In die Schule kommen sie dann mit einem Laptop; tippen in die Tastatur, während andere von Hand mitschreiben. Zuhause drucken sie sich die Unterrichtsnotizen mit einem Spe-zialdrucker auf Braille-Papier aus. Und Lehrer, die sehbehinderte Schüler haben, erhalten am IDV an zwei Nachmittagen einen Kursus in Braille-Schrift – das reicht erfahrungsgemäß, um lesen zu können, was sehbehinderte Schüler schreiben.

Doch im Alima, wie das Lyzeum gerne abgekürzt wird, will man sich gezielt auf sehbehinderte Schüler einstellen. Diese Entscheidung fiel 2010; schon zum Schulanfang vor einem Jahr startete das Projekt – damals mit einem neu in die 7e aufgenommenen Schüler, vergangene Woche kamen zwei neu hinzu.

„Wir haben damit eine Initiative des Unterrichtsministeriums aufgegriffen“, sagt Gaston Ternes, der Direktor des Lyzeums. Die Ausbildung sehbehinderter Schüler in der Sekundarstufe soll regionalisiert werden, lautet der Beschluss von Ministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP). „Weil wir der Meinung sind, dass jeder Schüler ein Recht auf eine ihm angepasste Betreuung hat, fanden wir diese Idee von Anfang an interessant“, sagt Ternes.

„Regionalisierung“ meint, mit einer wachsenden Zahl blinder und sehschwacher Schüler umzugehen und dabei die Lehrtätigkeit zu professionalisieren. Das geht über das dieses Jahr verabschiedete Gesetz hinaus, das im Sekundarunterricht den Rahmen dafür schafft, dass die Prüfungsbedingungen für Schüler mit Behinderungen modifiziert werden können, um den „spezifischen Bedürfnissen“ der Jungen und Mädchen Rechnung zu tragen, ohne dass dies zu einem zweitklassigen Abschluss führt. Ternes unterstreicht: „Uns geht es um den Aufenthalt an der Schule und die Ausbildung insgesamt. Die Prüfungen sind davon nur ein Teil.“

Seit 1975 kümmert sich das Bartringer IDV, eine Einrichtung der Éducation différenciée, darum, sehbehinderten Kindern und Jugendlichen den Weg durch das normale Schulwesen zu erleichtern – ob in der Grundschule oder in der Sekundarstufe. „Wir sind jedoch weder für die schulischen Inhalte verantwortlich, noch geben wir Unterricht“, sagt Frank Groben, der Direktionsbeauftragte des IDV. „Sondern wir helfen, wo es nötig ist, in den Schulen, im Unterricht.“

Die Zahl der beim IDV gemeldeten Schüler aber hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Von 72 im Jahre 2003 ist sie auf derzeit 103 gestiegen – sei es wegen allgemein wachsender Schülerzahlen, sei es, weil Sehbehinderungen früher diagnostiziert werden. „Nicht alle diese Schüler brauchen auch unsere Hilfe“, sagt Groben. Aber trotzdem: „Wir können nicht überall sein.“ Deshalb die Regionalisierungs-Initiative aus dem Unterrichtsministerium.

Einer dieser regionalen Pole soll sich auf dem Hollericher Campus Geesseknäppchen entwickeln; also eigentlich nicht im Lycée Aline Mayrisch allein, sondern alle vier Lyzeen auf dem Campus eingeschlossen, vielleicht sogar unter Beteiligung des Musikkonservatoriums. Zur Unterstützung hat die Abteilung Éducation différenciée des Ministeriums im Forum Geesseknäppchen, dem markanten Rundbau auf dem Campus, ein „Kompetenzzentrum“ eingerichtet – das erste seiner Art im Lande. Es dient den Lehrern der Lyzeen als Kontakt- und Informationsstelle für alle Fragen zur Sehbehindertenpädagogik, und dort können auch „Übersetzungen“ von Prüfungsmaterialien in Braille-Schrift in Auftrag gegeben werden. Die erledigt dann das IDV.

Das Alima-Lyzeum aber wolle auf dem Campus Vorreiter bei der Entwicklung von integrativen Lehrkonzepten für Sehbehinderte im Sekundarunterricht sein, sagt Direktor Ternes. Wie auch bei der Integration von Schülern, die andere Probleme haben, das Aufmerksamkeitsdefizit ADS etwa oder den so genannten Asperger-Autismus.

Deshalb setzt man im Lycée Aline Mayrisch stark auf die Proci-Klassen. Mit ihnen nimmt das Alima in den ersten drei Jahrgängen von der 7e bis zur 9e am Pilotprojekt Unterstufe im technischen Sekundarunterricht teil. „In den Proci-Klassen bieten wir nicht nur fächerübergreifenden Projektunterricht und individuelle Förderung der Schüler“, sagt Chantal Serres, die Proci-Koordinatorin des Lyzeums. „Die Schüler bleiben dort von der 7e bis zur 9e in ein und demselben Klassenverband und das Lehrerteam ändert sich nicht. Dadurch können wir drei Jahre Unterricht garantieren.“

Vielleicht ist das der wichtigste Faktor für die schulische Integration von Sehbehinderten. IDV-Direktor Groben weiß: „Der entscheidende Punkt ist nicht die Technik, sondern die Kommunikation der Professionellen über die spezifischen Bedürfnisse des Schülers untereinander und mit den Eltern.“

Denn die braucht Zeit und ein Eingehen auf individuelle Bedürfnisse. Das ist überhaupt im Schulalltag von Sehbehinderten so: Alle Schüler erhalten bei Aufnahme ins Alima zunächst zwei Tage Accueil, an denen noch nicht unterrichtet, sondern zunächst das Lyzeum mit seinen Einrichtungen, seinem Personal, seinen Regeln vorgestellt wird. Doch um zum Beispiel alle Wege zur und in der Schule zu verinnerlichen, reichen diese beiden Tage längst nicht aus. Dafür braucht ein sehbehinderter Schüler zusätzliches „Mobilitätstraining“ vor Ort durch Spezialisten vom IDV. Bei einem Blinden könne es ein ganzes Jahr dauern, bis alle Wege verinnerlicht sind, sagt Groben.

Die größte Herausforderung, die sich der Schule stellt, scheint aber zu sein, in den verschiedenen Fächern den Lehrstoff so darzubieten, dass er „integrativ“ auch von den Sehbehinderten im Klassenverband verstanden werden kann, und wie man den Lernprozess steuert. Selbst eine sehr starke Sehbehinderung muss nicht unbedingt eine Einschränkung für den Unterreicht sein. Frank Groben kennt aus Erfahrung Lyzeumsschüler, die „quasi blind“ sind, im Unterricht aber dennoch gar keine Hilfe von IDV-Betreuern brauchen.

Neue Informationstechnologien helfen dabei sehr. Ein sehbehinderter Schüler benutzt im Alima zum Beispiel eine Kamera, die ihm den Vortrag des Lehrers auf seinen Laptop-Bildschirm überträgt. Nachgedacht wird am Lyzeum nun auch darüber, eventuell „intelligente“ Tafeln anzuschaffen: Was auf sie geschrieben wird, erfasst ein Texterkennungssystem in Echtzeit und übermittelt es anschließend in die Computer der sehbehinderten Schüler. Eine andere Frage ist, den zu lernenden Stoff für die Sehbehinderten aufzuarbeiten und „anders“ darzubieten. In Fächern wie Chemie oder Physik, wo zum Verständnis des Stoffs die Anschauung eigentlich unabdingbar ist, muss für Sehbehinderte der visuelle Eindruck in eine taktile Form übersetzt werden. „Die Konzepte dazu sind am Werden“, sagt Chantal Serres.

So aufwändig das ist – an der Herausforderung, die Lehrmethoden immer wieder in Frage zu stellen und zu verbessern, wird ein Lyzeum ohnehin nicht vorbeikommen, wenn die geplante Reform des Sekundarunterrichts den schülerbezogenen Ansatz aus der Grundschulreform im Secondaire fortschreibt. Und darauf stellt man sich im Alima eigentlich jetzt schon ein, wenn Direktor Ternes erklärt: So lange sie im Stande sind, dem Unterricht in einem Klassenverband zu folgen, sei das Lyzeum auch für Schüler mit „Einschränkungen“ und „speziellen Bedürfnissen“ da.

Peter Feist
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