Wirtschaft

Arme Banken

d'Lëtzebuerger Land du 23.09.2011

Wie bitte? Arme Banken? Ja, es scheint so. „Das Fest ist vorbei. Schlechte Zeiten für die Banken. Eine Entlassungswelle droht. Europäische Banken streichen massiv Arbeitsplätze. Blutbad im Bankensektor.” So oder ähnlich steht’s geschrieben in unseren Zeitungen, Wirtschaftsmagazinen und Finanzblättern. Fast könnten sie einem leid tun, die Banken. Jetzt, wo die meisten fast heil aus der Krise von vor drei Jahren herausgekommen sind – nicht zuletzt dank der zuvorkommenden Unterstützung ihrer Heimatländer – geht’s wieder los. Allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass die Staaten heute selbst am Tropf hängen, und es leider keine Hand Gottes für neue Bankenrettungsaktionen gibt.

„Es wird nie mehr so sein wie vor der Krise” lautete das Credo nach dem Fall der Lehman Brothers. Was hat man (Frauen sind in diesen Kreisen eher selten anzutreffen) eigentlich aus der Krise gelernt? Was hat sich denn konkret geändert? Wenn wir ehrlich sind, so gut wie nichts. Wo bleibt die Marktregulierung? Wann kommt die Finanztransaktionssteuer? Wer kontrolliert die Rating-Agenturen? Wer hat den Mut, Finanzderivate zu verbieten? Wie ist es mit den bankinternen Kontrollsystemen, den falschen Lohnanreizsystemen, den unsäglichen Bonizahlungen? „Die Märkte sind schuld”, lesen wir und: „Die Autoregulierung hat versagt.” Wer, bitteschön, steht denn hinter den Märkten? Börsenmakler, Banker, kleine und große Investoren und Anteils[-]eigner sowie Spekulanten aller Art. In anderen Worten: Menschen. Ohne Menschen, keine Märkte, und wo Menschen sind, da „menschelt” es.

Übrigens: Ohne Menschen gibt es auch keine Banken mehr. Man sollte also aufpassen, wen man wo entlässt, und wie viele davon. Allein in Europa wurden dieses Jahr bereits über 50 000 Stellenstreichungen angekündigt: 30 000 bei der HSBC, 15 000 bei der Lloyds, 3 500 bei der UBS – das war vor der Bekanntmachung des Betrugsskandals – undsoweiter. Dazu kommen noch durch Fusions- und Integrationsprozesse bedingte Stellenabbauprogramme. Werden Posten gestrichen, heißt das nicht, dass die betroffenen Mitarbeiter alle beziehungsweise sofort entlassen werden. Es gibt zum einen die so genannten „natürlichen” Abgänge, wobei hier auch schon mal ein bisschen nachgeholfen warden kann, Stichwort: Ausbezahlung. Dann gibt es die vielen kleinen und großen internen Versetzungen (heute London, morgen Singapur) und Outsourcing-Prozesse. Die Phan[-]-tasie und die Kreativität scheinen grenzenlos zu sein, wenn es darum geht, sich von „überflüssigen” Arbeitskräften zu befreien.

Was die auf der Schippe stehenden UBS-Mitarbeiter wohl dachten, als sie hörten, dass einer der Ihren 2,3 Milliarden Dollar in den Sand gesetzt hat? Der Bankenchef hat natürlich fix unterstrichen, dass es sich bei diesem Verlust um Eigenmittel der Bank und nicht etwa um Kundengelder handelt. Das wäre ja noch schöner. Das Geld ist jedenfalls futsch. Wie viele Mitarbeiter während wie vielen Jahren hierfür hätten arbeiten können, kann jeder selbst ausrechnen. Das Schlimme an der Geschichte ist, dass nach Dick Leeson (Betrugsfall Barings) und Jérôme Kerviel (Betrugsfall Société Générale) wieder einmal und in diesem Umfang gezockt werden konnte, obwohl man in den oberen Banketagen – auch in der Schweiz – Besserung versprochen hatte. Die UBS plant jetzt, das Investmentbanking vom Kerngeschäft zu trennen, zudem soll der Bereich zurechtgestutzt, also verkleinert werden. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben…

Claude Gengler
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