Vom Kongo-Museum zum Africamuseum

Ein Museum als Spiegelbild der Geschichtskultur

Im renovierten Africamuseum in Brüssel
Foto: Patrick Galbats
d'Lëtzebuerger Land vom 05.06.2020

Am 5. Dezember 2018 wurde das ehemalige Musée Royal d‘Afrique Centrale (MRAC) in Tervuren nach fünfjähriger Renovierung und Umgestaltung unter dem neuen Namen Africa-Museum wiedereröffnet. Das 65 Millionen Euro teure Projekt wurde von Anfang an heftig kritisiert. Verbände ehemaliger Kolonisten behaupteten, die neue Ausstellung ziehe die kolonialen Errungenschaften Belgiens durch den Dreck. Andere Kritiker behaupteten, die proklamierte Dekolonisierung des Museums sei ein Versuch, die öffentliche Aufmerksamkeit von der hässlichen Wahrheit der kolonialen Vergangenheit Belgiens abzuwenden. In einem Artikel, der am 17. Februar 2019 in der französischen Tageszeitung Le Monde veröffentlicht wurde, machte sich der renommierte Kunstkritiker Philippe Dagen zum Sprachrohr des letzteren Arguments. Er schrieb, das Museum wolle „den Nostalgikern des Belgisch-Kongos nicht missfallen“ (Originaltext: “…ne veut pas déplaire aux nostalgiques du Congo belge“).

Das Museum steht vor einem, für Institutionen, die sich mit dem kolonialen Erbe ihrer Gesellschaft auseinandersetzen, exemplarischen Dilemma. Niemand scheint mit dem neuen Afrika-Museum zufrieden zu sein. Einem Teil der Kritiker geht das Museum zu weit, während andere die Präsentation der kolonialen Geschichte zu gefällig finden.

Ein Blick auf die Geschichte des Museums kann uns helfen, die Situation zu verstehen.

Ein ehrgeiziger belgischer König und ein britisch-amerikanischer Entdecker auf der Suche nach Geld

Unsere Geschichte reicht bis zur belgischen Revolution von 1830 zurück, als sich die südlichen Provinzen von den Niederlanden trennten und zum unabhängigen Staat Belgien wurden. Belgien wurde als parlamentarische Monarchie gegründet, und die neue Regierung bot dem deutschen Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld den Thron an. Entsprechend erhielt der Monarch den Titel König der Belgier. König Leopold war mit seinem Amt, das weitgehend aus zeremoniellen Aufgaben bestand, zufrieden.

Sein Sohn Leopold II. war geltungsbedürftiger als sein Vater. Nach dessen Tod richtete er seine Aufmerksamkeit auf Afrika, wo verschiedene europäische Mächte dabei waren, Kolonien zu errichten. Dem ambitionierten König war bewusst, dass die belgische Regierung die Praxis der Kolonisierung nicht guthieß. Und so versuchte er eine neuartige Taktik. 1876 lud er Delegierte wissenschaftlicher Gesellschaften aus aller Welt zu einer internationalen Tagung nach Brüssel ein. Vorgebliches Ziel der Konferenz war es, das Wiederaufleben des Sklavenhandels an der Westküste Afrikas zu verhindern und nach Wegen zu suchen, um medizinische Hilfe nach Afrika zu schicken. Das eigentliche Ziel des Königs bestand jedoch darin, ein Instrument zur Vergrößerung seines Einflusses in Afrika zu schaffen. Zu diesem Zweck gründete er eine internationale wissenschaftliche und philanthropische Vereinigung, deren Vorsitz er selbst übernahm.

Etwa zur gleichen Zeit bemühte sich der in Großbritannien geborene amerikanische Journalist und Forscher Henry Morton Stanley um die Finanzierung einer großen Afrika-Expedition, mit der er die Erforschung und Kartierung der großen Seen und Flüsse Zentralafrikas abschließen und die Quelle des Nils lokalisieren wollte. Leopold rekrutierte Stanley, der mit den einheimischen Oberhäuptern vertraut war, um sie dazu zu bringen, ihm persönlich ihre souveränen Rechte zu übertragen. Stanley erfüllte den königlichen Auftrag und löste 1877 mit der Entdeckung der Verbindung zwischen dem als Lualaba bekannten oberen Kongofluss und dem unteren Kongofluss das letzte große Rätsel der Erforschung Afrikas.

Ein Jahr später gründete Leopold II. die Internationale Kongo-Gesellschaft, mit der er seine wirtschaftlichen Interessen unter dem Deckmantel der Philanthropie durchsetzen konnte. Bei der auch als Kongo-Konferenz bekannten Berliner Konferenz 1884-1885 zur Regelung der europäischen Kolonisierung und des Handels in Afrika nutzte Leopold seine Vereinigung, um die versammelten Staaten von seinem humanitären Engagement zu überzeugen. Kurz nach Abschluss der Tagung rief er den von ihm so genannten Kongo-Freistaat ins Leben. In der Überzeugung, dass der König gegen die Sklaverei kämpfe, erkannten auch die Vereinigten Staaten Leopold II. am 11. September 1885 als souveränen Herrscher des unabhängigen Staates Kongo an. In Wirklichkeit aber behandelte Leopold den Kongo als sein persönliches Eigentum und betraute private Unternehmen mit der Ausbeutung der zahlreichen Bodenschätze des Landes.

Das Kongo-Museum, entstanden aus dem Bedarf an Kolonisten und Investoren

Sehr zu seiner Enttäuschung brachte der Freistaat-Kongo Leopold nicht den erwarteten finanziellen Gewinn. Die Unternehmen hatten Schwierigkeiten, Kolonisten anzuwerben, und es gab nicht genug Investoren. Deshalb nutzte der König die Weltausstellung in Brüssel 1897, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Ressourcen des Kongos zu lenken. Im Park von Tervuren, einem Staatsbesitz, der dem König zugesprochen worden war, ließ er den Palast der Kolonien errichten. Zu sehen war neben einer Ausstellung mit ethnographischen Exponaten auch ein als „Halle der großen Kulturen“ betitelter Raum, in dem Rohstoffe aus dem Kongo wie Kaffee, Kakao und Tabak ausgestellt wurden. Das kongolesische Dorf, das der Monarch im Außenbereich hatte rekonstruieren lassen und in dem sechzig Afrikanerinnen und Afrikaner während der Zeit der Messe zwangsangesiedelt worden waren, war ein Menschenzoo. Da sie nicht an das kalte Klima gewöhnt und nicht resistent gegen europäische Krankheiten waren, starben sieben Kongolesen und wurden in der Nähe der Kirche von Tervuren beerdigt. 1898 wurde aus dem Palast der Kolonien das Kongo-Museum (Musée du Congo), dessen Dauerausstellung den Elfenbeinhandel verherrlichte. Die Botschaft an das Publikum lautete: „Lasst euch im Kongo nieder. Dort könnt Ihr Handel treiben und zu Wohlstand gelangen“.

John Boyd Dunlops Erfindung des Luftreifens und seine Folgen für das Schicksal der Menschen in Zentralafrika

1887 konstruierte der schottische Tierarzt und Erfinder John Boyd Dunlop seinen ersten luftgefüllten Gummireifen. Es heißt, er habe den Reifen erfunden, damit das Fahrrad seines 11-jährigen Sohnes weniger Lärm mache und er schneller fahren könne als seine Freunde. Ob diese Geschichte stimmt, sei dahingestellt. Fest steht, dass Dunlop am 7. Dezember 1888 das Patent für Luftreifen erhielt. Mit dem Siegeszug der Gummireifen in der Radindustrie wuchs die Nachfrage nach Kautschuk. Der Regenwald im Kongo mit seinen Gummibäumen schien nur darauf zu warten, ausgebeutet zu werden. Die von Leopold II. mit der wirtschaftlichen Erschließung des Kongo betrauten Unternehmen setzten unsäglich grausame Mittel bei der Kautschuk-Ernte ein. Bewaffnete Männer entführten Frauen und Kinder und schickten die Männer aus, um Gummi zu sammeln. Wenn die Ausbeute ihren Ansprüchen nicht genügte, hackten sie den Geiseln eine Hand ab oder töteten sie. Die Einheimischen, die zur „Elfenbeinernte“ ausgesandt wurden, erlitten dasselbe Schicksal.

Vom königlichen Freistaat zur belgischen Kolonie

1908 wurde der Kongo-Freistaat eine belgische Kolonie. Für diesen Wechsel gab es zwei Hauptgründe. Der erste war das wachsende internationale Bewusstsein für die Gräueltaten, die im Kongo unter Leopolds Regierung begangen wurden. Reformer und Schriftsteller, darunter Arthur Conan Doyle, dessen Buch The Canine of the Congo weithin gelesen wurde, machten den Skandal publik. 1904 setzte das belgische Parlament eine Kommission zur Untersuchung der im Unabhängigen Staat Kongo begangenen Missbräuche ein.

Der zweite Grund ergab sich aus dem immensen Geldbedarf des Königs. Obwohl er ein großes persönliches Vermögen mit seiner Privatkolonie verdiente, fehlten ihm Mittel für seine Projekte in Zentralafrika und sein Prachtbauten-Programm in Belgien.

Er bat das belgische Parlament um Geld und erhielt die beträchtliche Summe von 21,5 Millionen Franken, um die Schulden des Freistaates zu begleichen und die Anleihegläubiger auszuzahlen. Das Parlament stellte weitere 45,5 Millionen Franken für Leopolds Bauprojekte in Belgien zur Verfügung und genehmigte eine persönliche Zahlung an ihn in Höhe von 50 Millionen Franken. Im Gegenzug stimmte der König der Eingliederung des Kongo-Freistaats in das Staatsgebiet Belgiens nach seinem Tod zu. Am 17. Dezember 1908 starb Leopold II., ohne jemals einen Fuß in „seinen“ Kongo gesetzt zu haben.

Das Museum in Tervuren und Belgiens offizielle Kongo-Erzählung

König Leopolds II. – und später auch Belgiens – Kolonialherrschaft stützte sich auf weiße Offiziere, Beamte, Ärzte und Missionare. Im Jahr 1909 beherrschten 2 700 weiße Kolonisten etwa 25 Millionen einheimische Kongolesen. Die Originalobjekte des Kongo-Museums stammten nicht aus ethnographischen Expeditionen, sondern wurden von Missionaren und Offizieren gesammelt. Renommierte europäische Künstler wurden beauftragt, Skulpturen zu schaffen, um die Botschaft Leopolds II. zu vermitteln.

Zu den Kunstwerken des Museums gehörte u. a. ein Tableau vivant mit Bronzefiguren, das der König bei dem belgischen Künstler Charles Samuel für die Weltausstellung 1897 in Auftrag gegeben hatte. Es zeigt einen Schwarzen, der eine nackte, dunkelhäutige und verletzlich wirkende Frau vor einem arabischen Sklavenhändler beschützt. Das Exponat trug den Titel Vuakusu-Batetela beschützt eine Frau vor einem Araber. Das Werk evozierte Leopolds Anti-Sklaverei-Botschaft. Die Batetela-Figur war eine bewusste Wahl, denn die Batetela waren eine Ethnie, die Leopolds, als Force Publique bezeichnete Armee, während des Arabischen Krieges im Kongo, der von 1892 bis 1895 andauerte und vom König geschickt als Krieg gegen die Sklavenhändler verkauft wurde, unterstützte. Mit der Darstellung eines die Sklaverei bekämpfenden Schwarzen sollte das Kunstwerk implizit auch die Wirksamkeit der belgischen Bemühungen um die „Zivilisierung“ der kongolesischen Bevölkerung veranschaulichen. Ironischerweise war bei der Eröffnung des Palastes der Kolonien im Mai 1897 der sogenannte Batetela-Aufstand im Kongo ausgebrochen, bei dem Batetela-Soldaten der Force Publique gegen die weißen Offiziere rebellierten.

Die Sammlung des Museums wuchs und die Notwendigkeit eines größeren Gebäudes wurde offensichtlich. 1904 wurde mit dem Bau eines neuen Museumsgebäudes begonnen. Das neue Haus wurde 1910 von König Albert I. offiziell eröffnet und erhielt dem neuen Status des Kongos entsprechend den Namen: Museum von Belgisch-Kongo. Die Ausstellung des Museums wurde im Laufe der Zeit um weitere Kunst-Objekte erweitert. Für die zentrale Rotunde schuf der französische Künstler Arsène Matton zwischen 1921 und 1925 vier Skulpturen, die die langjährige belgische Meistererzählung der kolonialen Vergangenheit Belgiens zusammenfassten:

Belgien bringt dem Kongo Sicherheit.
Belgien (vertreten durch einen Missionar) trägt die Zivilisation in den Kongo .
Belgien befreit den Kongo von der Sklaverei.
Belgien schafft Wohlstand im Kongo.

Der kleinere Maßstab und die untergeordnete Position, in der die indigene Bevölkerung dargestellt wurde, zeigten die geringe Wertschätzung, die man ihr auf belgischer Seite entgegengebrachte. Um die einheimische Bevölkerung des Kongos unter Kontrolle zu halten, unterwarf Belgien sie der Aufsicht der römisch-katholischen Kirche und tolerierte keine säkularen Schulen. Man verweigerte den Einheimischen bewusst jede Art von Ausbildung, die es ihnen ermöglicht hätte, das Land eigenständig zu führen.

Das Museum von Belgisch-Kongo wurde weiterhin als Propagandainstrument benutzt. Es diente dazu, potenzielle Kolonisten von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Kongo zu überzeugen und sie auf ein zukünftiges Leben in Zentralafrika vorzubereiten. Die Ausstellung beinhaltete u.a. eine Abguss-Sammlung mit Büsten, die über Abdrücken lebender Menschen geformt wurden. Die ausgestellten Dioramen beeinflussten das kollektive Gedächtnis und seine rassischen Stereotypen. Auch der belgische Zeichner Hergé inspirierte sich für seinen 1930 und 1931 erstmals veröffentlichten Comic Tim und Struppi im Kongo an der Bildwelt des Belgisch-Kongo Museums. Hergés Zauberer Muganga erinnert an den „Leopardenmenschen“, eine Skulptur, die der belgische Künstler Paul Wissaert 1913 im Auftrag der belgischen Regierung geschaffen hatte. Die Skulptur verkörperte den Anioto-Kult. Die Mitglieder dieses Bundes töteten Menschen mit künstlichen Leopardenkrallen und verwendeten ihre Überreste zu magischen Zwecken. Hergés Muganga wird ebenfalls als böse Figur portraitiert. Es sei darauf hingewiesen, dass eine der Hauptaufgaben der belgischen Missionare darin bestand, den animistischen religiösen Glauben der Kongolesen durch das Christentum zu ersetzen.

Das koloniale Gedächtnis nach 1960

1959 brachen Unruhen in der belgischen Kolonie aus. Vom 20. Januar bis 20. Februar 1960 fand in Brüssel die belgo-kongolesische Rundtisch-Konferenz statt, die den 30. Juni 1960 als Datum für die Unabhängigkeit des Kongos festlegte. Hinter der Ungeduld der belgischen Führung, die Kolonie in die Unabhängigkeit zu entlassen, stand ihre Erwartung, dass die Kongolesen es nicht fertigbrächten das Land zu führen und die Kolonialmacht um Unterstützung bitten würden. Seit seiner Unabhängigkeit hat das afrikanische Land in der Tat viele schwere Zeiten durchgemacht, Staatsstreiche und Krisen erlebt, an denen Belgien, Frankreich und die Vereinigten Staaten immer wieder beteiligt waren. Aber die Kongolesen haben die Belgier nie in ihr Land zurückgerufen. In Belgien verschwand die koloniale Geschichte aus den Schulbüchern, aber ihre Stereotypen blieben im Gedächtnis der weißen wie der schwarzen Bevölkerung Belgiens verankert.

Das Belgisch-Kongo Museum wurde in Königliches Museum für Zentralafrika umbenannt. An den Ausstellungen änderte sich aber bis zur Ankunft des derzeitigen Direktors Guido Gryseels im Jahr 2002 kaum etwas. Gryseels brachte zunächst mit temporären Ausstellungen frischen Wind in die Institution. Als diese 2013 für Renovierungsarbeiten geschlossen wurde, hatte er den ehrgeizigen Plan, zusammen mit seinem Team das Museum zu dekolonisieren. Dahinter stand die Absicht, gegen die „Kolonie in den Köpfen“ der weißen und der schwarzen Bevölkerung Belgiens vorzugehen. Das Gemälde des kongolesischen Künstlers Chéri Samba aus dem Jahr 2002 veranschaulicht die Herausforderung, der sich Gryseels stellte, auf eindrucksvolle Weise.

Das Africamuseum

Das vom französischen Architekten Charles Girault entworfene Museumsgebäude und seine Umgebung stehen unter nationalem Denkmalschutz. Auch das Innere des Erdgeschosses einschließlich der originalen Einrichtung und der Wandmalereien musste erhalten bleiben. Es war nicht leicht, diese Vorgaben mit Gryseels‘ Vision in Einklang zu bringen.

Philipp Dagen kritisierte den Verbleib der mattonschen Skulpturen in der originalen Rotunde mit der rhetorischen Frage: „Darf sich das Kulturgut über die Moral stellen?“ (Originaltext: „Le droit du patrimoine serait donc supérieur à toute morale ?“) Dagens Kritik kann entgegengehalten werden, dass die Entfernung der Skulpturen einer Auslöschung der dunklen Vergangenheit, wie sie in den

belgischen Schulbüchern stattfand, gleichgekommen wäre.
Gryseels und sein Team aber wollten Verantwortung für die Geschichte des Kolonialmuseums übernehmen. Mit der Installation einer Holz- und Bronzeskulptur von Aimé Mpané, einem zeitgenössischen kongolesischen Künstler, und anderen Kunstinstallationen setzten sie dem kolonialistischen Blick auf die kongolesische Bevölkerung eine andere Perspektive entgegen. Mpanés Werk mit dem Titel New Breath wird von einem Text begleitet, der die kolonialistische Perspektive von Mattons Skulpturen verdeutlicht und anprangert.

Dagen kritisierte auch andere Aspekte des neu gestalteten Museums. Er bemerkte: „Im Königlichen Museum für Zentralafrika nehmen Tier-, Pflanzen- und Mineralienexemplare genauso viel Raum ein, wenn nicht sogar mehr, wie die menschlichen Aktivitäten.“ (Originaltext: „Au musée royal de l‘Afrique centrale, la zoologie, la botanique et la minéralogie occupent autant de place, sinon plus que les activités humaines“). Diese Kritik zieht nicht in Betracht, dass das Museum eine über hundertjährige hochkarätige naturwissenschaftliche Institution ist, deren Forschungsresultate sich in umfangreichen Sammlungen widerspiegeln. Bei der Neugestaltung konnte dieser Aspekt nicht ignoriert werden. Gryseels und sein Team haben sich bemüht, den kolonialen Fußabdruck der Vergangenheit in all seinen Aspekten transparent zu machen. Um die kolonialistische Perspektive des Museums aus dem Blickwinkel der auch „Diaspora“ genannten belgischen Bevölkerungsgruppe mit zentralafrikanischen Wurzeln zu verstehen, engagierten sie ein Beratungsgremium, das sich aus Mitgliedern dieser Gemeinschaft zusammensetzte. Von den zwei Prozent der belgischen Bevölkerung mit afrikanischen Wurzeln sind etwa vierzig Prozent kongolesischer Herkunft. Die Zusammenarbeit resultierte unter anderem in der Schaffung des Afropea Raums, der die Geschichte der als „Diaspora“ aufgreift. Die Kritik afrikanischer Aktivisten, die Dekolonisierung des Museums sei nicht radikal genug, akzeptiert die Prämisse von Gryseels nicht. Sein Ziel war es nicht, mit der kolonialen Vergangenheit abzurechnen. Vielmehr wollte er das koloniale Erbe in die neue Präsentation einbeziehen, um den Besuchern zu ermöglichen, selbst Position zum belgischen Kolonialismus zu beziehen.

Das Vorgehen des Museumsteams kann an zwei Beispielen veranschaulicht werden. Aus dem Neubau, in dem der Empfangsbereich des Museums untergebracht ist, gelangen die Besucher durch einen langen unterirdischen Korridor in das denkmalgeschützte Gebäude, in dem sich die Dauerausstellung befindet. In diesem Gang werden sie mit der Piroge konfrontiert, die König Leopold III. von den Einwohnern der Stadt Ubundu erhielt und die er während seines Besuchs im Kongo 1957 benutzte. Das emblematische Objekt wird zusammen mit dem Zitat des Titels eines Buches des renommierten belgischen Soziologen Luc Huyse präsentiert: „Alles geht vorbei, außer die Vergangenheit.“ Mit diesen Worten möchten die Kuratoren das Bewusstsein des Publikums vor dem Ausstellungsbesuch für die Verbrechen der Kolonisatoren, die Leiden der Kongolesen und die Traumata ihrer Nachkommen in Afrika, in Belgien und anderswo schärfen.

„Der Leopardenmensch“ und andere kolonialistische Skulpturen werden in einem abseits liegenden, aber dennoch gut einsehbaren Raum auf der gleichen Ebene mit Büsten von Leopold II. und seinen Kolonisatoren präsentiert. Der Text neben den Skulpturen trägt den bezeichnenden Titel „Außer Gefecht gesetzt“. Wiederum machen Gryseels und sein Team deutlich, dass das staatliche Museum die belgische Kolonialgeschichte nicht leugnet. Sie wird vielmehr beiseite geschoben und für alle sichtbar in einem Käfig eingesperrt. Symbolisch fasst diese Installation die fast unmögliche Aufgabe jedes zeitgenössischen Museums zusammen, das sich mit schwierigem Kulturerbe einer Gemeinschaft befasst. Ist ein Museum berechtigt die Rolle eines moralischen „Richters“ einzunehmen oder muss es seinem Publikum die Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven präsentieren und die Bewertung der Eigenverantwortung jedes einzelnen Besuchers überlassen?

Übrigens: König Philipp von Belgien wohnte der Einweihung des dekolonisierten Museums seines Ur-PUrgroßvaters nicht bei. Alles geht eben vorbei, außer die Vergangenheit ...

Die Autorin unterrichtet Public History am Historischen Institut der Universität Luxemburg und Museologie am museologischen Institut der Universität Lüttich.

www.africamuseum.be

Marie-Paule Jungblut
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