Die kleine Zeitzeugin

Bitte ein Meer!

d'Lëtzebuerger Land du 12.06.2020

Eben erst war der kühnste Traum, den wir zu träumen wagten, der vom Alltag. Bitte, liebe Virologengötter, schenkt uns unsern Alltag wieder!, winselten wir. Der Alltag ist das Allergeilste, die beschissenen Kolleg/innen auf der beschissenen Arbeit, der Stress, das beschissene System zu erhalten oder auch nur sich selber, mit immer den gleichen Gesten, Floskeln, Ritualen, Zwängen, ach, was will man mehr! Hamsterradeln, come back, bittebitte, auch wenn eine Radtour mit Familie wirklich auch sehr, sehr schön ist. Wirklich auch schön, was einen so umgibt, ohne dass man sich je bedankt hätte. Das Unkraut auf dem Hundekackiweg am Wegrand, Facebook-Daumen hoch! Was will man mehr?

Vielleicht ein Meer, wispert aber schon bald ein tief verdrängtes inneres Stimmlein, jede Menge Körperzellen begehren auf, sie wollen sofort Salz auf der Haut und Sundowners, aber bitte nicht auf der zubetonierten Terrasse der nächsten Ortschaft, wo die unvermeidlichen Nächsten sich zuprosten. Am ersten Tag danach, am zweiten schon weniger. Sie wollen etwas anderes sehen und andere sehen. Sie wollen ...

Raus! Raus. Der Außenminister steht auf der Brücke zum Ausland, lasst uns raus! Wir wollen rüber machen nach Trier. „Grande Région“ klingt plötzlich ganz groß. Die Luxemburger/innen kriegen zwar einen Hotelgutschein, um die Feuchtgründe und Regenwälder vor der Haustür noch tiefer zu ergründen. Unterwegs zum Stau im Stau, wo es so heimatlich ist, so Heimat pur, nichts ist mehr Heimat als der Stau, können sie einfach aussteigen und sich in einer heimatlichen Herberge noch heimatlicher fühlen. Paschtéit mat Fritten!

Aber dann schauen sie über den Tellerrand. Schluck, etwas fehlt. Ein Meer! Wir haben keins. Das ist unfair.

Wir wollen auch eins! Aber derzeit kriegen nur die Corona-Streber/innen eins, und auch nur eins von Corona-Streber/innen. Die Luxemburger/innen, die in Corona nur so mittel sind, bekommen zum Beispiel noch kein griechisches Meer. Oder sie quartieren sich erst mal vierzehn Tage in Diogenes’ Tonne ein.

Alles ist nämlich wirklich perfekt durchorganisiert. Gerade die Länder, die von den Erbsen- und Centzähler-Nordländern in der EU immer als Chaotenländer diffamiert werden, zeigen jetzt, was man unter Disziplin versteht. Das Reisefieber der Reisenden wird gemessen. Wer noch nicht getestet ist, wird bei der Ankunft getestet und harrt in einem Spezialquartier seines Schicksals. Für clean Befundene werden ins supercleane Hotel abtransportiert, wo Maskierte sie schon erwarten. Im Hygienezone-Zimmer bitte nichts Unhygienisches, wie Bücher, rumliegen lassen! Beim Sex nicht keuchen, bei offenem Fenster fliegen die Aerosole 20 Meter weit, bis in die Nasenhöhle eines unschuldigen Passanten! Bei geschlossenem Fenster würden sie sich zusammenballen und die täglich anrückende Desinfektionsmannschaft anfallen. Und in Italia bitte Einweggummihandschuhe nicht vergessen!

Wir geben alle Kontaktdaten her und meiden Kontakt und Dates, man muss ja auch nicht dauernd rumquatschen. Sich aus der Ferne zunicken reicht ja eigentlich. Wir streicheln nur noch Delfine. Scheiße, die Nerze haben auch Corona. Aber die tragen ja nur die Exzentrischsten am Strand. Die Strandflöhe überleben sowieso nicht, sie sind wegdesinfiziert. Die Menschen liegen auf Bahren hinter Plexiglas. Zuerst wird aber Fieber gemessen. Die Strandbars sind geschlossen, aber es gibt Maskenhändler/innen.

Niemand kann sich mehr zu nah heran hirschen oder pirschen. Niemand kann mehr ein Büffet begrapschen. Menschenbegrapschen geht an manchen Meeren zwar schon noch, je nach Meernationalität und Abstandsregel, mit desinfizierten Einweggummihandschuhen.

Geiler Typ auf der Nebenbahre! Wie gefängnisromantisch hinter dem sexy Plexi. Ausbrechen, einbrechen, seine Aerosole inhalieren? Kamikaze-Küssen? Oder zuerst, denn vielleicht ist er ein Super-Spreader, bestimmt sogar, so ein Ischgl-Kitzloch-Typ, seine Tracing-App hacken?

Die wirklich guten Hotels locken mit ihren Intensivbetten. Alles ist bereit. Wenn eine Welle kommt. Oder ein Tsunami. Oder auch nur ein Cluster-Clan am Nebentisch, Abstand ein Meter, tafelt.

Sie können jederzeit alle beatmen. Sie können jederzeit alle einsperren.

Michèle Thoma
© 2020 d’Lëtzebuerger Land