Monarchie

Staatsoberhaupt für das 21. Jahrhundert

d'Lëtzebuerger Land vom 05.03.1998

Als Staatsminister Pierre Werner im Mai 1961 während einer Pressekonferenz ankündigte, daß der damalige Erbgroßherzog Jean Leutnant-Stellvertreter würde, veranschaulichte er die mit diesem Titel verbundene Funtkion mit einem Vergleich: Ein Bauernsohn, der den landwirtschaftlichen Betrieb führe, pflege sich in wichtigen Fragen weiter ratsuchend an seine Eltern zu wenden.

Diese landwirtschaftlich geprägte Vorstellungswelt ist der Dientsleistungsgesellschaft des Jahres 1998 fremd geworden. Aber der Vergleich hinkte schon 1961.

Denn der Sinn der am Mittwoch erfolgten Ernennung von Erbgroßherzog Henri zum Leutnant-Stellvertreter ist es nicht, wie behauptet, den Thronfolger mit den Regierungsgeschäften vertraut zu machen. Darauf zielte schließlich seine gesamte Erziehung und Bildung seit der Kindheit ab.

Vielmehr soll eine Art vorübergehende Koexistenz von zwei Großherzögen das Bild eines Generationsbruchs vermeiden. Der Thronwechsel soll stufenweise, ja gleitend geschehen. Denn es gehört zum Wesen einer Monarchie, weder Anfang noch Ende haben zu dürfen. Und dieser um die Vermeidung jeder sozialen Erschütterung bemühte Übergang entspricht damit auch dem Lieblingsmotto großer Teile der dynastisch beherrschten und christlichsozial regierten Gesellschaft: der "Veränderung in der Kontinuität", das heißt der Bewegung im Stillstand.

Gerade als Versuch der unvermeidlichen Bewegung im ersehnten Stillstand war die im 19. Jahrhundert für den Fall eines im Ausland residierenden Monarchen geschaffene Einrichtung des Statthalters 1961 zweckentfremdet worden. Der damalige Premier Pierre Werner verdächtigt Joseph Bech, als Berater der Krone Großherzogin Charlotte auf diese Idee gebracht zu haben.

Jedenfalls muß der 1961 eingeleitete und dreieinhalb Jahre währende Übergang zum Thronwechsel ein voller Erfolg gewesen sein. Denn er wurde diese Woche wiederholt. Der CSV/LSAP-Regierung kam zumindest der Zeitpunkt  nicht ungelegen. Denn der Rücktritt des Gesundheitsministers und der Streit um die Pensionsreform ließen ein Jahr vor den Wahlen einen Flächenbrand von Zweifeln an der Handlungsfähigkeit der Koalition aufkommen. So daß die feierlich inszenierte Aussicht auf ein jüngeres, neues Staatsoberhaupt eine willkommene Ablenkung für dem Überdruß verfallende Wähler bieten kann. Außerdem schart ein eingeleiteter Thronwechsel Teile der Nation in einem patriotischen Reflex um die staatliche Institutionen und symbolisiert dringend benötigte politische Tugenden wie Ordnung und Kontinuität.

Auf jeden Fall kommt nun zur neuen Generation Premierminister die neue Generation Großherzog. Das künftige Staatsoberhaupt Henri ist, wie Premier Jean-Claude Juncker, 43 Jahre alt. Beide geben sich jugendlich, auch wenn der Erbgroßherzog Vater von fünf Kindern ist.

Großherzogtümer sind - mit Ausnahme der Toscana - eine typische Erfindung des 19. Jahrhunderts, und fast das ganze Dutzend  größtenteils zum Deutschen Bund zählender Großherzogtümer ging auch mit dem 19. Jahrhundert unter. Ein einziges Großherzogtum durchlebte das 20. Jahrhundert. Und damit es als Staatsform auch den Schritt in das 21. Jahrhhundert schafft, muß es sich weiter anpassen und verändern. Die nächste Etappe wurde diese Woche eingeläutet.

Bis in die jüngste Vergangenheit unterteilten unsere Schulbücher die Geschichte nach meist als "glücklich" bezeichneten Herrschaften von Monarchen. Im "kurzem 20. Jahrhundert", das mit dem Ende des Ersten Weltkriegs begann, gab es lediglich zwei Großherzoge: Charlotte und Jean. Leutnant-Statthalter Henri wird der Großherzog des nächsten Jahrhunderts. Und jedes Staatsoberhaupt spielt eine klar definierte historische Rolle.

So wie Großherzogin Charlotte die diskreditierte Monarchie wieder mit der Demokratie versöhnte, und Großherzog Jean sich anschließend öffentlich zurückhielt, dürfte Henri der Großherzog einer modernisierten und säkularisierten Monarchie für das 21. Jahrhundert werden.

Dazu hatte das Parlament vor drei Monaten die Verfassungsartikel vier und 33 geändert, um den Großherzog von einem "geweihten" Herrscher zu einem modernen Staatsoberhaupt zu machen. Auch wenn die Bande von Thron und Altar noch immer so fest sind wie zwischen Kirche und Staat, so stärkt dies doch seine demokratische Legitimation. Denn die kulturell dominierenden Mittelschichten können sich leichter mit einem etwas weniger aristokratischen Staatsoberhaupt identifizieren. Zu diesem Image paßt günstig, daß der Thronfolger nicht einmal eine Frau von Adel, sondern die aus wohlhabendem bürgerlichem Haus stammende Maria-Teresa heiratete. Was nicht als Verstoß gegen die Etikette empfunden wurde, sondern höchstens ein Zeichen für das Ende von Etikette ist.

Unabhängig vom Verfassungsauftrag ändern die Aufgaben des Staatsoberhaupts in einer sich verändernden Gesellschaft beständig. Zog Erbgroßherzog Jean noch als jugendlicher Offizier im Geländewagen mit den Befreiern in Luxemburg ein, so fährt Leutnant-Statthalter Henri außerhalb der Freizeit nur bei Prospektionsreisen Geländewagen. Der künftige Großherzog kämpft in der Fremde nicht mehr für die Heimat, sondern für den Investitionsstandort.

Großherzog Jean legte in seiner Rundfunkansprache am Dienstag unüberhörbar Wert darauf, daß "der Prinz nach seinen Studien die Möglichkeit hatte, seine Schaffenskraft und Talente hauptsächlich in den Dienst unserer Wirtschaft zu stellen. Er hat in Begleitung von Regierungsmitgliedern Handelsmissionen in viele  Länder der Welt geleitet und sich als Ehrenpräsident des Board of Economic Development erfolgreich für die Diversifizierung unserer Wirtschaft eingesetzt."

Damit ändert sich auch das Bild des Staatsoberhaupts. Großherzogin Charlotte war in Zeiten von Krieg und Krisen die Landesmutter, die an einen archaischen Maternalismus im Muttergottesland anzuknüpfen schien. Großherzog Jeans Bild in der Öffentlichkeit ist weniger das des Landesvaters als das des jovialen Jägers und Pfadfinders in der Freizeitgesellschaft des Kalten Kriegs. Dagegen dürfte Thronfolger Henri im Zeitalter der internationalen Wettbewerbsfähigkeit den sportlich dynamischen Manager-Großherzog darstellen.

Wenn der Luxemburger Franken abgeschafft sein wird, wird das Porträt des nächsten Großherzogs ab dem 1. Januar 2002 auf der Rückseite der hierzulande zirkulierenden Euro-Münzen sein, letztes Symbol der nationalen Seite einer internationalen Medaille.

Großherzogin Charlotte wurde eines der Symbole der Resistenz gegen die deutsche Besatzung, also zu einem Zeitpunkt, zu dem das Nationalbewußtsein der Luxemburger einen historischen Höhepunkt erreichte. Großherzog Jean herrschte dagegen, als Europa, bald mit Begeisterung, bald mit Skepsis, zur zweiten Heimat werden sollte. Thronfolger Henri wird nun Großherzog eines Landes, dessen Grenzen und Währung im europäischen Binnenmarkt und in der Währungsunion aufgehen. Deshalb fand - auch wenn noch nie so viele Ausländer in Luxemburg wohnten und arbeiteten - die Vereidigungszeremonie des Leutnant-Statthalters am Mittwoch erstmals auf Luxemburgisch statt.

Doch die Heimatliebe des 21. Jahrhunderts heißt Standortpatriotismus. Die heimatliche Scholle wird zur Industriezone. Und die patriotische Anstrengung gilt den Steuersenkungen, mit denen ausländische Investoren dazu gebracht werden sollen, an die Ufer von Alzette, Sauer und Mosel zu kommen.

So wie Großherzogin Charlotte in Zeiten von Krieg und Krise, in einer noch agraisch beeinflußten Industriegesellschaft herrschte, so steht Großherzog Jean einer weitgehend durch Aufschwung und Sozialstaat bis zum Luxemburger Modell befriedeten und langsam liberalisierten Nation vor. Der Großherzog des 21. Jahrhunderts herrscht in der deregulierten Dienstleistungsgesellschaft des verschärften Konkurrenzkampfes und postmodernen anything goes.

Dem nächsten Großherzog könnte also die Aufgabe zufallen, die Wettbewerbsfähigkeit und Konvergenzkriterien geopferte soziale Kohäsion durch nationale Kohäsion zu ersetzen, mit Patriotismus den Riß durch die Zweidrittelgesellschaft zu kitten. Aber das Unterfangen ist riskant.

Denn die Rolle des Großherzogs wächst nur über das Symbolische hinaus, wenn ein Machtvakuum in der parlamentarischen Demokatie entsteht: bei der Vorbereitung einer Regierungsbildung oder in einer politischen Krise. Aber die Erfahrung von Großherzogin Marie-Adelheid lehrt, daß die öffentliche Legitimation rasch überschätzt werden kann.

Romain Hilgert
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