KMU und Handwerksbetriebe werden verstärkt gefördert, damit sie den Sprung über den digitalen Graben schaffen und innovieren. Ob das klappt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob der Chef kompetent ist

Einfach nur überfordert

d'Lëtzebuerger Land vom 09.02.2018

Jean-Louis Blanken ruft auf seinem Computer eine E-Mail der Rezeption auf. Darin ist in einem standardisierten Format vermerkt, wer telefonisch nach dem Geschäftsführer von Luxforge gefragt hat, in welcher Sprache, was er oder sie will, beispielsweise zurückgerufen werden, und weshalb – um über die Rechnung zu reden. Wenn Blanken dann zum Hörer greift, weiß er, ob er luxemburgisch, deutsch oder französisch sprechen muss und hat die Rechnung parat, um die es geht.

So ist Luxforge wieder mehrere Schritte weiter als noch vor fünf Jahren. 2013 war die Firma aus Ulflingen mit dem Preis für Innovation im Handwerk ausgezeichnet worden, für die Prozessinnovation innerhalb des Unternehmens. Damals hatten Blanken und sein Partner Dirk Treinen zusammen mit Unternehmensberatern ein System aus Planungstafeln und Projektzetteln in den verschiedenen Firmenabteilungen eingeführt, das den Mitarbeitern half, zu visualisieren, in welcher Phase sich die jeweiligen Aufträge befanden und eventuelle Probleme zu erkennen. „Mit den Unternehmensberatern haben wir uns gefragt, was wünschen wir uns?“, sagt Blanken. „Toll wäre es, wenn die Monteure reinkommen, sehen, was zu machen ist, das Material laden und los zum Kunden fahren“, sagte Blanken damals dem Land.

Am Mittwoch erklärte er, dass die Monteure abends, wenn sie von der Baustelle zurückkommen, das Material für den nächsten Arbeitstag aufladen – auf Basis der Baustellenpläne von den Hilfsarbeitern im Lager vorbereitet –, damit sie morgens sofort zum Kunden fahren können und keine Zeit verlieren.

Daran, die Betriebsabläufe, vom Warenempfang bis zum Verbau des Materials auf den Baustellen zu informatisieren, hat Luxforge die vergangenen Jahre gearbeitet. Damit ein Paket mit Teilen, welche die Monteure dringend brauchen, nicht tagelang an der Rezeption herumsteht, weil dort niemand weiß, wer darauf wartet. Oder damit im Lager, wo nach dem Just-in-time-Prinzip nur eingekauft wird, was konkret auf den Baustellen gebraucht wird, sofort bei der Lieferung bemerkt wird, wenn 20 Bleche und 17 Rohre ankommen, während 20 Bleche und 20 Rohre bestellt waren. „Was drei fehlende Rohre alles ausmachen!“, ruft Blanken. Aber wenn das sofort bemerkt werde, nicht erst wenn dem Monteur beim Kunden das Material ausgeht und er nicht weiterarbeiten kann, bleibe Zeit zum Nachbestellen oder dazu, die Baustellenplanung umzuorganisieren und der Monteur stattdessen tagsdrauf einen Auftrag ausführt, für den alles Material vorhanden ist.

RAD haben Treinen und Blanken ihr eigenes System ironisch genannt: „Réfléchir avant digitaliser.“ Auf keinen Fall, warnt Blanken, sollten kleine und mittelständische KMU, die mit neuen staatlichen Fördergeldern fit für die digitale Zukunft gemacht werden sollen, viel Geld in Informatik stecken, bevor sie wissen, was die Informatik können soll. Blanken stellt das mit Tafeln und Post-its dar: die Abteilungen, Arbeitsschritte und das Personal. Klemmt es irgendwo im Ablauf, heftet er ein rotes Post-it an die Stelle. Erst wenn es keine roten Post-its mehr gibt, führt er aus, und geklärt ist, wie der Folge der verschiedenen Arbeitsschritte im Idealfall funktionieren soll, könne die passende Software gekauft werden. Das müsse dann gar nicht mehr viel kosten, so Blanken.

Wenn die Mitarbeiter nicht im Leerlauf sind, weil ihnen das Material zum Weiterarbeiten fehlt, steigert das die Effizienz im Unternehmen und damit die Produktivität. In der Gewinnzeile der Bilanz von Luxforge machen sich die Bemühungen der vergangenen Jahre noch nicht direkt bemerkbar, räumt Blanken ein. Dass der Gewinn noch nicht entsprechend angestiegen ist, liege allerdings daran, dass die Firma immer weiter investiert habe. Beispielsweise allein 200 000 Euro in die Weiterbildung der Mitarbeiter in den vergangenen drei Jahren. Aber deshalb, glaubt der Geschäftsführer, sei man nun gut aufgestellt für die kommenden Jahre.

Nicht nur, weil er als Firmenchef erstaunlich langfristig denkt, ist Blanken zuzuhören eine nicht alltägliche Erfahrung. Er spricht auffallend positiv und respektvoll über seine Mitarbeiter, erzählt zum Beispiel auch, dass er selbst Seminare abgehalten habe, um den Grenzpendlern unter ihnen durch die Wirren der Steuerreform zu helfen. Während der alljährlichen Post-it-Prozess-Analyse treffe die Kritik manchmal auch die Geschäftsführung. Man müsse bereit sein, „dahin zu gehen, wo es weh tut“, bevor Verbesserungen durchgeführt werden könnten. Der offene Umgang zahlt sich seiner Ansicht nach aus. Stolz berichtet er, wie wenig Personalbewegungen es in der Firma gebe. Der Krankenstand im Betrieb liege bei 2,49 Prozent, während er den Angaben der Generalinspektion der Sozialversicherung zufolge im Metallbau im Schnitt sechs Prozent beträgt. „Wenn es Absenteisme gab, dann weil jemand ausfiel, der sich beim Tennisspielen verletzt hat, nicht bei der Arbeit. Aber wir schulen unsere Mitarbeiter ja auch in Bezug auf die Sicherheit.“

Für die kommenden Jahre hat Luxforge viel vor. Projekte, die darauf abzielen, die Prozesse zu optimieren, aber auch in der Produkt-und Dienstleistungsentwicklung. Um diese umzusetzen, will Luxforge Beihilfen aus dem neuen Beihilferegime für Forschung und Entwicklung in KMU beantragen, etwas die Firma bisher nicht gemacht habe, erzählt Blanken. „Planung ist alles in einer Firma“, sagt er. „Aber viele Firmenchefs löschen nur Feuer in ihrem Betrieb“, stellt er fest. „Kleine KMU wissen gar nicht, was sie anfangen sollen mit dem großen Wort ‚Digitalisierung’ und sind oft einfach nur überfordert.“

Was Blanken vorsichtig und höflich ausdrückt, demonstrierte Michel Reckinger, Geschäftsführer des Sanitärbetriebs, den die Familie seit 1911 führt, und Präsident der Handwerkerföderation am Dienstagmorgen in der Handwerkskammer anschaulich. Dort warb die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, Francine Closener (LSAP), für das „neue“ Innovationsbeihilferegime für KMU – vergangenes Frühjahr im Parlament verabschiedet, ist es nicht mehr ganz so neu, aber in den kommenden Monaten sollen regionale Veranstaltungen stattfinden, um Firmenchefs über die Möglichkeiten zu informieren, Innovation im Betrieb staatlich fördern zu lassen.

Auf dem Podium erklärte Reckinger zu allererst, die Antragsprozeduren dürften nicht zu kompliziert sein, denn die Firmenchefs hätten dafür keine Zeit. Dann nannte er als Beispiele für Innovation im Handwerk den Friseur, der eine neue Frisur schneiden lernt und den Mechaniker, der heute technisch vollkommen andere Autos reparieren muss, also noch vor zehn Jahren. Nach wichtigen Innovationen im eigenen Betrieb gefragt, schilderte er, wer seiner Vorfahren die Firma seit der Gründung und durch zwei Weltkriege hindurch geleitet hatte, und fügte einen Standardsatz hinzu, nachdem Betriebe zum Überleben ständig innovieren müssten. Damit belegte er, dass selbst der Präsident der Handwerkerföderation den Unterschied zwischen Innovation im Betrieb, also bei der Produkt-, der Dienstleistungs- oder der Prozessentwicklung einerseits und der Anpassung an den von außen vorgegebenen Fortschritt durch die Aus- und Weiterbildung nicht kennt – im ersten Fall erfindet der Frisör eine neue Schere, im zweiten Fall lernt er damit umzugehen. Offenbar fehlt es manchen Firmenchefs ebenso oft an Bewusstsein für die Prozesse im Betrieb, wie ihren Mitarbeitern, und sie nicht unbedingt besser ausgestattet, um Behördengänge zu erledigen.

Joël Schons von Stugalux, ebenfalls auf dem Podium, hatte den Unterschied zwischen Innovation und Formation sehr wohl verstanden. Er berichtete von Tests mit Robotern, die Mauern bauen können und in zehn Jahren die wenig qualifizierten Hilfsarbeiter en masse ersetzen würden, die ohne Weiterbildung keine Aussicht auf einen anderen Job hätten. Schons, zudem Präsident des Innovationszentrums für den Bau Neobuild, bedauerte deshalb, dass die Regierung die Zuschüsse in der Weiterbildung gekürzt hat. Sein Bericht über die Schwierigkeiten, mit kleinen Subunternehmern zu arbeiten, deren ganzes Informatik­arsenal aus dem Programm Excell bestehe, und die mittlerweile sogar auf dem Mobiltelefon abrufbare 3-D modellierte Pläne überhaupt nicht lesen können, bestätigte, dass Firmenleitern oft die Weitsicht und der Abstand zum Tagesgeschäft fehlt, um zu erkennen wie sie ihr Geschäft profitabler leiten könnten, beziehungsweise überlebensfähig zu machen.

Als der Moderator der Runde ins Publikum fragte, wer ein KMU vertrete, hob vielleicht ein Dutzend Leute die Hand. Als er fragte, wer eine Beihilfe beantragt habe, zeigten sich drei Hände. Die erste Frage aus dem Publikum, zielte auf Namen und Kontaktdaten der zuständigen Person bei Luxinnovation ab, die beim Ausfüllen der Anträge helfen würde (siehe Kasten).

Seit das Mittelstandsministerium ins Wirtschaftsministerium integriert wurde, wurden auch die Beihilfe-Regimes nach und nach zusammengefasst. Insgesamt vier gibt es davon; das Förderregime für Forschung und Entwicklung, die Umwelthilfen, die gezahlt werden können, wenn Betriebe beispielsweise ihren Energieverbrauch reduzieren, die regionalen Beihilfen, die unter europäischen Spielregeln dazu dienen, strukturschwachen Gebieten zu helfen (als solche gelten in Luxemburg nur Düdelingen und Differdingen) und das Investitionsbeihilfenprogramm für KMU, das noch vor Ostern im Parlament verabschiedet werden soll. Bisher, bestätigt Mario Grotz vom Wirtschaftsministerium, haben vor allem größere Unternehmen Subventionen und Beihilfen beantragt. „Die haben das notwendige Personal, um die Anträge zu schreiben“, sagt er. Im Ministerium hofft man, dass die neuen Programme besser auf KMU zugeschnitten sind, die Closener am Dienstag „das Rückgrat der Luxemburger Wirtschaft“ nannte, trotz Weltraumbergbau und Nation Branding. „Wir müssen uns natürlich als Ministerium überlegen, wie wir diese Betriebe begleiten“, so Grotz, „wie begleiten wir den Schreiner?“ Um jenen zu helfen, die „einfach nur überfordert“ sind, gibt es beispielsweise die Innovationshilfe, durch die sich KMU und Handwerksbetriebe einen Experten leisten könnten. Er könnte helfen, die Etappen zu absolvieren, die beispielsweise Luxforge schon hinter sich hat. Bis zu 200 000 Euro kann sich eine KMU einen solchen Experten kosten lassen, und ihn subventionieren lassen. Eine ganze Menge Geld steht für Firmenbeihilfen und Subventionen zur Verfügung. Bis 2020, so Closener, rechne man in Ministerium mit Ausgaben von 200 Millionen Euro – also quasi 100 Millionen Euro jährlich – während zwischen 2009 und 2017 356 Millionen Euro ausgezahlt wurden. Nur beantragen müssen die Unternehmen sie schon ...

Investitionsbeihilfen, Subventionierung von Beratung, Förderung von Recherche und Entwicklung: Wer den Überblick über die verschiedenen Förderprogramme nicht hat, kann zum Beispiel am 20. Februar um 10 Uhr in die Handelskammer einer weiteren Vorstellungsrunde der neuen Beihilfen für Forschung und Innovation beiwohnen. Denn als Gastredner sind dort Bob Feidt und Marco Walentiny vom Wirtschaftsministerium angekündigt, sowie Pascal Fabing von Luxinnovation. Demnach wären drei Leute vor Ort, die zusammen alle verschiedenen Programme – nicht nur die zur Innovationsförderung – kennen und Rede und Antwort stehen können müssten. Sie werden dort vor allem eines predigen: dass nach den EU-Wettbewerbsregeln nur Projekte gefördert werden können, für die noch kein Geld ausgegeben wurde. Und dass nur finanziell solvente Firmen subventioniert werden können. Wer am 20.2 keine Zeit hat, kann bob.feidt@eco.etat.lu, marco.walentiny@eco.etat.lu und pascal.fabing@luxinnovation.lu schreiben.

Michèle Sinner
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