Luxemburger Soldaten im Ersten Weltkrieg

Spurensuche

d'Lëtzebuerger Land du 19.12.2014

Die Inschriften am Sockel der Gëlle Fra weisen darauf hin, dass es sich beim Monument du souvenir ursprünglich um ein Denkmal zum Ersten Weltkrieg handelt. Der französische Oberbefehlshaber Foch ehrt den Kampfgeist der luxemburgischen Fremdenlegionäre. Der belgische General Gillain erinnert an die Luxemburger in der belgischen Armee und verweist auf die Brüderschaft während der belgischen Revolution von 1830. Immerhin fand die Einweihung der Gëlle Fra 1923 statt, als das Großherzogtum sich noch in der Wirtschaftsunion mit Belgien zurechtfinden musste. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg blieben in der Zwischenkriegszeit nicht frei von politischen Aussagen, wie auch die jährlichen Gedenkzeremonien auf den Soldatenfriedhöfen beider Seiten in Limpertsberg und Clausen belegen.

Im Zentrum der luxemburgischen Aufmerksamkeit stehen ab 1918 allerdings jene Männer, die in den Armeen der Entente kämpften. Politiker und Journalisten im In- und Ausland verweisen auf diese Soldaten, um eigene politische Ziele zu bekräftigen. Nach 1918, als die Dynastie für die mitverschuldete innenpolitische Zerrissenheit und außenpolitische Isolation steht, gelten sie als Kämpfer für die Befreiung Luxemburgs. Die Soldaten werden mit Zeremonien, Monumenten und der Gedenkmedaille geehrt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg stehen die Legionäre von 1914 bis 1918 nicht mehr im Blickfeld. In ihrer Forderung nach materieller Anerkennung lehnen sie sich nun an die Kämpfer von 1940 bis 1945 an. Nur die Forderung nach Gleichstellung der Spanienkämpfer verhindert noch in den Fünfzigerjahren ein dementsprechendes Gesetz. Spätestens 1964, nach dem 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, geraten die Legionäre vollends in Vergessenheit.

Die Hundertjahrfeier von 1914 hat auch in Luxemburg das Interesse an den Jahren 1914 bis 1918 geweckt. So ist es wohl kein Zufall, dass gleich zwei 2013 erschienene Veröffentlichungen sich ausschließlich den luxemburgischen Soldaten dieser Zeit widmen: Joé Bellions akademische Analyse über die Fremdenlegionäre Frankreichs sowie David Heals fast unbemerkt gebliebenes E-Book Luxembourgers in the First World War, an Inventory.

In diesem Inventar listet der in Luxemburg lebende britische Amateurhistoriker die Soldaten des Ersten Weltkriegs mit einer Beziehung zu Luxemburg auf. Er verzeichnet etwa 1 140 Namen bei Frankreich, 210 bei Belgien, 860 bei den USA und 60 beim Deutschen Reich. Heal ist sich aber seiner ungenügenden Auswahlkriterien bewusst und geht von maximal 1 000, 200, 800 beziehungsweise 20 Soldaten aus Luxemburg aus.

Eine Auseinandersetzung mit David Heals Inventar erscheint vielversprechend. Zwar fehlen genaue Quellenangaben, aber die Analyse der Namenslisten erlaubt es, jenes Bild, das Joé Bellion zeichnet, zu ergänzen. Dabei spricht für Heals Forschung, dass sich die Resultate beider Arbeiten gegebenenfalls überschneiden.

Beide Autoren stellen sich den gleichen Schwierigkeiten, etwa wenn es gilt, die Staatsbürgerschaft der Soldaten festzustellen. Da militärisches Engagement oft mit Einbürgerung belohnt wird, stellt sich das Problem der Staatsbürgerschaft bereits 1923, als die Regierung eine Gedenkmedaille schafft und sich für eine höchstmögliche Zahl von Anwärtern entscheidet: Diese müssen lediglich beim Eintritt in eine alliierte Armee Luxemburger sein. Die Medaille wird somit zum Indiz für eine luxemburgische Herkunft, während ein Geburtsort im Großherzogtum diese Frage offen lässt. Zu vielen Soldaten besitzen die Forscher zudem nur unvollständige Angaben.

Erstaunlich hartnäckig hat sich die fast mythische Zahl von 3 000 luxemburgischen Fremdenlegionären gehalten. Nach der Einschätzung von Gilbert Trausch von 900 bis 1 500 Soldaten aus dem Jahre 2005, können David Heal und Joé Bellion diese Zahl nun weiter eingrenzen. Ersterer geht von etwa 1 000 Männern aus, während der Zweite 967 Freiwillige in der Fremdenlegion, die nur Ausländer aufnimmt, identifiziert – neben 81 Soldaten in den regulären Einheiten für französische Staatsbürger. Diese Größenordnung bleibt angesichts von etwa 19 193 Männern und Frauen in Frankreich (Stand 1910) beträchtlich.

Fast alle Männer befinden sich bei Kriegsausbruch bereits in Frankreich. Weniger als zehn verlassen erst später das Großherzogtum für die französische Armee. Die meisten Soldaten sind Auswanderer der ersten Generation, die in Luxemburg geboren sind und nun in Frankreich leben. Aus Heals Inventar geht der Trend einer andauernden Emigration hervor. 677 von 852 bekannten Geburtsorten befinden sich in Luxemburg. Bekannt ist, dass 249 dieser Männer vor dem Krieg in Frankreich leben und etwa zehn in Luxemburg.

Der Krieg stellt demnach für viele Legionäre keinen Bruch ihres zivilen Lebens dar. Es gibt keine massive Rückwanderung nach Luxemburg, für die wohl auch der Grund fehlt. Zu wenig ist hingegen über jene 152 Legionäre bekannt, die bereits in Frankreich geboren sind, um ihren Bezug Luxemburg ermessen zu können. François Faber, Gewinner des Tour de France 1909, der 1915 als Fremdenlegionär fiel, bleibt eine Ausnahme.

Viele Soldaten sind Handwerker: Schlosser, Schuster, Zimmerleute, Konditoren, Elektriker und vor allem Schreiner. Heal und Bellion nennen noch Kellner, Fahrer, Hausangestellte, Geschäftsleute sowie vereinzelte Studenten, Ingenieure, Ärzte, Apotheker, Kleinbauern und Pfarrer. 14 Männer sind bereits vor 1914 in der Legion, also Berufssoldaten. Laut Bellion stimmt die Berufsstruktur der Legionäre bis auf die gering vertretenen Arbeiter mit jener der Luxemburger Kolonie in Paris überein.

Nur wenige Soldaten sind vor dem Jahr 1872 geboren, etwa drei Viertel zwischen 1881 und 1896, was im Jahr 1914 einem Alter zwischen 18 und 33 Jahren gleichkommt. Viele sind Anfang oder Mitte 20. Ein Drittel der Legionäre stirbt im Krieg. Bel-lion stellt fest, dass überdurchschnittlich viele junge Freiwillige fallen. Er vermutet, dass Ausländer ohne militärische Ausbildung wie die jungen Wehrpflichtigen einem hohen Risiko ausgesetzt wurden.

David Heal geht von etwa 200 Soldaten aus Luxemburg in der belgischen Armee aus, zeitgenössische Quellen von 350 beziehungsweise 170. Fast ein Viertel der Soldaten fällt im Krieg, mindestens 110 überleben. Heals Liste besticht durch ihre Vielfältigkeit. Nur ein einziger Mann stößt nachweislich während des Krieges von Luxemburg aus zur belgischen Armee. Zumindest die 68 Träger der Gedenkmedaille haben luxemburgische Wurzeln. Etwa die Hälfte jener Männer, die vor 1914 bekanntermaßen im Königreich leben, erhält die Medaille. Von 14 Soldaten, die in Luxemburg leben, erhalten sie hingegen nur fünf. Die unvollständigen Daten erlauben indes keine allgemeinen Aussagen zur Staatsangehörigkeit der Gruppe.

Von den 92 Männern mit Geburtsland Luxemburg leben vor dem Krieg 29 in Belgien und 14 in Luxemburg. 55 Männer stammen aus Belgien, zum Teil aus der Grenzregion, wo die ländlichen Familienstrukturen grenzüberschreitend sind und die Nationalität in Friedenszeiten eine untergeordnete Rolle spielt.

Neben vereinzelten Studenten, Ärzten und Kleinbauern sind die 26 identifizierten Offiziere als vermutete Berufssoldaten die einzige erkennbare Berufsgruppe. 20 wird später die Erinnerungsmedaille verliehen. 15 sind in Luxemburg geboren.

Ab Mai 1917 werden 2,8 Millionen Männer in die US-amerikanische Armee eingezogen; mit den Freiwilligen dienen insgesamt 4,8 Millionen. Da bis 1914 zehntausende Luxemburger in die USA auswandern, überrascht Heals Liste mit 860 US-Soldaten zunächst nicht. Bei 477 Namen sind jedoch sowohl die Verbindung zum Großherzogtum als auch der Kriegseinsatz unklar. Eine zahlenmäßige Einschätzung der Luxemburger in der AEF – ob nach Geburtsland, Staatsbürgerschaft oder Vorfahren definiert – ist vorerst unmöglich.

Bei den identifizierten US-Soldaten kann man von einer dauerhaften Auswanderung ausgehen. Lediglich sieben von ihnen leben nach dem Krieg in Luxemburg. Mindestens 220 sind noch im Großherzogtum geboren. Jene Luxemburger, die bei Ankunft in den USA als Herkunftsland Deutschland angeben, sind vom Kampfdienst in Europa ausgeschlossen. Ein Teil der Auswanderer der ersten Generation ist noch nicht eingebürgert; der Armeedienst fördert die Einbürgerung allerdings. Die amerikanischen Soldaten sind im Schnitt die jüngsten, was auch am späteren Kriegseintritt liegen mag.

Über Luxemburger auf deutscher Seite ist wenig bekannt. Heals Liste mit 50 bis 60 deutschen Soldaten lässt aufgrund einer unvollständigen Recherche viele Fragen offen. Der Brite geht von Berufssoldaten, vorübergehend als Deutsche eingezogenen Luxemburgern und Söhnen deutscher Familien aus, deren luxemburgische Staatsbürgerschaft nicht von den Militärbehörden anerkannt wurde. Bei den meisten Männern handelt es sich wohl um Deutsche.

Inwieweit Luxemburger überhaupt in die deutsche Armee eintreten durften, bleibt unklar. Die Wehrpflicht galt nur für Deutsche; über Ausländer wurde nicht statuiert. Der luxemburgische Autor Norbert Jacques wurde 1914 abgelehnt. Ob solche Abweisungen bis zum Kriegsende bestehen blieben, ist ungewiss.

Eine Untersuchung der Luxemburger im Deutschen Reich steht noch aus; ein Einsatz auf alliierter Seite kann aber ausgeschlossen werden. Trotz über 12 000 Luxemburgern allein in Lothringen, sind nur elf der französischen Legionäre in Elsass-Lothringen geboren, und wohl noch weniger wohnen dort 1914. Die Front zu umgehen ist schwierig und hätte wohl Konsequenzen für die verbleibende Familie. Die Luxemburger Freiwilligen melden sich demnach zur Armee ihrer jeweiligen neuen Heimat. Für das Deutsche Reich kann dies bisweilen weder verneint noch bestätigt werden. Bei den Alliierten sind spätere Wechsel zwischen den Armeen bekannt.

Für die Entente kämpfen zahlreiche Auswanderer der ersten Generation, die noch über die luxemburgische Staatsangehörigkeit verfügen. Ihre persönlichen Motive sind meist unbekannt; neben der Verteidigung der Wahlheimat und/oder der Befreiung Luxemburgs sind Kriegsbegeisterung und sozialer Druck in 1914 sowie materielle Gründe denkbar.

Die Mobilisierung betrifft nicht die Einheimischen, sondern die bedeutende ausländische Bevölkerung (39 723 Männer und Frauen, 15,3 Prozent im Jahre 1910). Die Männer unterstehen weiterhin der Wehrpflicht ihrer Herkunftsländer. Die großherzogliche Regierung ermittelt 1915 etwa 1 000 Deutsche, 150 Franzosen, 45 Belgier, 18 Männer aus Österreich-Ungarn, zwei Italiener sowie einen Niederländer, die eingezogen sind. Bis auf die Italiener, die im Sommer 1914 massenhaft das Land verlassen, kommen diese Zahlen den Proportionen der ausländischen Bevölkerung nahe. Auch entsprechen ihre Wohnorte denen der jeweiligen ausländischen Arbeiterbevölkerung. Zum Beispiel stammt die Hälfte der 41 verpflichteten Franzosen der Gemeinde Differdingen aus Lasauvage. Deutsch sind die meisten Soldaten in Differdingen (277 von 334), Esch/Alzette (249 von 293, darunter 39 aus Elsass-Lothringen), Hollerich (63 von 80), Düdelingen (62 von 72), Schifflingen (61 von 65) und Luxemburg-Stadt (51 von 60). Es fällt auf, dass nur wenige der eingezogenen Männer länger als zehn Jahre im Land sind; dies macht Sinn bei den Deutschen, da diese nach zehn Jahren Auslandsaufenthalt ihre Staatsbürgerschaft verlieren. Trotzdem gehen die Konsequenzen dieser Verpflichtungen weit über den Alltag der betroffenen Familien hinaus.

Laut Verlustlisten des deutschen Heeres sind etwa 390 verwundete oder getötete Soldaten in Luxemburg geboren. Zwei Drittel stammen aus den Industriestandorten, also den Zentren deutscher Arbeiterpräsenz. Ein Drittel ist über das restliche Land verteilt. Da 1910 nur 806 der 21 762 Deutschen im Großherzogtum nicht im Deutschen Reich geboren sind, deutet dies auf die gängige hohe Mobilität der Arbeiterbevölkerung hin. Unbelegte Erklärungsversuche wären ansonsten eingebürgerte Luxemburger im Deutschen Reich oder eben luxemburgische Freiwillige.

Auf die deutschen Truppen folgt im November 1918 die Besetzung durch die französische und die amerikanische Armee. Ist diese Okkupation auch nicht feindlich gesinnt, hat sie dennoch einen erheblichen Einfluss. Sie verhindert den politischen Druck der Straße und beeinflusst das tägliche Leben, wie etwa die Lebensmittelpreise. Positive Folgen gehen mit negativen einher: Die Regierung vereinfacht die Heiratsprozeduren und erlaubt 160 jungen Luxemburgerinnen die Vermählung mit US-Soldaten. Gleichzeitig blüht die Prostitution. Als die US-Armee nach Koblenz zieht, werden etliche Luxemburgerinnen als Prostituierte aus Deutschland ausgewiesen. Im Gefängnis im Luxemburger Stadtgrund sind schließlich 75 Frauen interniert. Viele Luxemburger im Ausland und Bewohner des Großherzogtums werden somit zu Opfern des Ersten Weltkriegs.

Quellen (Auswahl):
Yvan Staus
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