Meinungsfreiheit

Ich zensiere nicht, sagt der Zensor

d'Lëtzebuerger Land vom 29.11.2013

Heute loben wir die Meinungsfreiheit. Alle Zensoren haben eine auffällige Gemeinsamkeit: sie bestreiten vehement, Zensoren zu sein. Das heißt, sie sind a priori felsenfest überzeugt, ihre Ansichten seien höher einzuschätzen als das Gedankengut anderer Menschen, und sie hätten ein verbrieftes, aus ihrer Machtposition abgeleitetes Recht, „abweichende Meinungen“ zu beschneiden oder zu unterdrücken. Der Zensor empfindet sich selber demnach als Wohltäter, der den so genannten allgemeinen Konsens wiederherstellt. Er lässt seine Macht spielen, um Stromlinienförmigkeit herbei zu erzwingen. Wenn es hart auf hart kommt, benutzt er gern ein untaugliches Pseudoargument: Er spricht feierlich von „Glaubwürdigkeit“.

Genau diesen schillernden Begriff führt der Direktor des Radio 100,7 ins Feld, um die Knebelung eines Mitarbeiters zu rechtfertigen. Er hat Chefredakteur Jay Schiltz unumwunden vor die Alternative gestellt, entweder weiterhin auf dem Chefposten zu bleiben, oder sich künftig als Journalist zu betätigen, um gleichzeitig Kabarettist bleiben zu können. Dieser Vorgang ist so unverständlich und schwerwiegend, dass er ähnlich gelagerte Zensurfälle geradezu Makulatur werden lässt. Hinzu kommt, dass diese faktische Abschaffung der Ausdrucksfreiheit in einem Medium passiert, das von staatlichen Subventionen lebt, also integral aus Steuergeldern finanziert wird. Dieser Sender mit dem eindeutigen Etikett „sozio-kulturell“ wurde geschaffen, um die gesamte Bandbreite des gesellschaftlichen Lebens in Luxemburg zu erfassen, zu dokumentieren und zu vermitteln. Weiß Direktor Hoffmann etwa nicht, in welchem programmatischen und ideellen Umfeld seine Mission verankert ist? Bei wem will er sich Liebkind machen mit seiner unsäglichen Intervention? Oder anders gefragt: Aus welcher obskuren Ecke kommt der Druck, dem er sich untertänig beugt?

Jay Schiltz ist ein kritischer Journalist, der auch als Kabarettist auftritt. Oder umgekehrt ein Kabarettist, der im Brotberuf auch Journalist ist. Wieso beide Facetten der gleichen Persönlichkeit nicht vereinbar sein sollen, ist ganz einfach ein Rätsel. Herr Hoffmann gibt an, er wolle die „Glaubwürdigkeit“ seines Senders retten. Wie bitte? Zunächst einmal diskreditiert er ohne einleuchtenden Grund eine literarische Gattung, nämlich das politische Kabarett. Für ihn ist das Genre wohl mit dem Ruch der Unanständigkeit behaftet. Wie weltfremd – oder ironieresistent – muss man eigentlich sein, um anno Domini 2013 den Kulturfaktor Kabarett als „Stein des Anstoßes“ auszugrenzen?

Hier wird mit einer haarsträubenden Gedankenkonstruktion versucht, die öffentliche Figur Jay Schiltz und den gleichnamigen Journalisten auseinander zu dividieren. Irgendwie so, als könne der Betroffene außerhalb des Senders ein anderer sein als hinter dem Mikrofon im Studio. Ganz gleich, von welcher Seite aus man diesen grotesken dialektischen Sprung betrachtet, es läuft in jedem Fall darauf hinaus, dass die Ausdrucksmöglichkeiten eines beliebten Journalisten verstümmelt werden sollen. Genau dies widerspricht vollends den Absichten der 100,7-Gründer.

Mit seiner Arbeit im Radio 100,7, vor allem mit seinen geradezu legendären Kommentaren, hat Jay Schiltz dem Sender eine solide Fangemeinde beschert. Bislang hat sich niemand offen über seine Doppelrolle als produktiver Kabarettist und bissiger Journalist beschwert – mit einer bemerkenswerten Ausnahme. Im September 2008 zog der frühere Premier Juncker wie folgt gegen Jay Schiltz vom Leder: „Ech giff de Radio warnen, dat däerf ee jo, virun der Liiichtfankegkeet, déi d’Observatioun vun a sech selwer verléifte Journalisten zwangsleefeg mat sech bréngt… De Radio mecht liichtfankeg Commentairen a verwiesselt Editorial a Cabaret permanent“ (Radio 100,7, 21.09.2008).  Ist es nicht eine besonders brutale und unbekömmliche Pointe, dass fünf Jahre später (und nach seinem Abgang als Premier) Junckers Warnung plötzlich auf offene Ohren bei Herrn Hoffmann stößt? Offenbar soll nun mit der Abkanzelung des Kabaretts auch die spezifische Art des sehr beliebten ironisch-deftigen Radiokommentars vorbeugend bereinigt werden.

Wie passt die diktatorische Anmaßung des 100,7-Direktors zum neie Wand in den staatlichen Institutionen, den die Dreierkoalition in Aussicht stellt? Soll die Amtseinführung der neuen Regierung, die sich ja deutlich dem Projekt der gesellschaftspolitischen Liberalisierung verpflichtet fühlt, ausgerechnet mit einem der unglaublichsten Zensurfälle der letzten Jahrzehnte zusammenfallen? Das wäre ein durch und durch verheerendes Signal. Sagen wir es noch deutlicher: mit seinem Eingriff beschädigt Herr Hoffmann auch den gesamten Gesellschaftsentwurf der kommenden Regierung. Der Mann sollte schnellstmöglich dorthin zurückkomplimentiert werden, wo er herkommt: In seinem Betzdorfer Nest aus Satellitenschüsseln kann er dann nach Belieben hundertprozentig konforme Statements absondern. Sie werden buchstäblich im All verhallen. An der Spitze eines Rundfunks, der die staatlich geschützte Meinungsvielfalt repräsentiert, hat er nichts verloren.

Guy Rewenig
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