Der Reigen

Vor und nach den Gedankenstrichen

d'Lëtzebuerger Land du 03.11.2005

Und das soll's gewesen sein? "Sag, hast mich lieb?", fragt in der Regel die Frau. Dass er schnell weg müsse, antwortet normalerweise forsch der Mann nach dem Koitus. Ohne jeden Schnörkel, ohne Beschönigung beschreibt Arthur Schnitzler in seinem Reigen (1897 zuerst veröffentlicht, zensiert, 1921 in Berlin uraufgeführt, dann vom Autor selbst verboten) die menschlichen Triebe, die Frau und Mann immer wieder zueinander führen, mal etwas romantischer, dann verspielt oder sogar stümperhaft, ja fast brutal, und das ungeachtet der Alters- und Gesellschaftsschichten. Zehn Dialoge zwischen fünf Männern (einem Soldaten, einem jungen Herrn, einem älteren Ehemann, einem Dichter und einem Grafen) und fünf Frauen (einer Dirne, einem Dienstmädchen, einer jungen Frau, einem "süßen Mädel" und einer Schauspielerin) zeigen den Drang der Paare zum Sex. Liebe, Lust, Gier. Es gibt immer ein Davor, mit großen Worten und falscher Schamhaftigkeit, dann ein paar Gedankenstriche im Text, beziehungsweise ein paar Sekunden Dunkelheit auf der Bühne, und dann ein Danach, bei dem die Partner schon wesentlich weniger am anderen interessiert sind. Und das soll's gewesen sein?, fragte sich auch der Zuschauer nach der Premiere von Marion Poppenborgs Inszenierung des Reigen, vergangene Woche im Kapuzinertheater. Das bisschen Gestöhne im Dunkeln, diese paar nackten Brüste sollen die vielen Skandale ausgelöst haben, die das Stück bis heute verfolgen? Zensur, Gerichtsprozesse, Aufführungsverbote... Nur: was genau, bitte, ist heute am Reigen noch skandalös? Oder, anders gefragt: was treibt eine Regisseurin dazu, diesen netten Text zu inszenieren? Ein Grund könnte der Wunsch gewesen sein, den Reigen zusammen mit David Hares Neuinterpretation des Stoffs aus dem Jahr 1998, Blue Room, zu spielen. Artige Kritiker nehmen in solchen Fällen einen Schauspielführer zur Hand, zitieren aus dem Leben des Autors, rekonstruieren die Karriere des Stückes, loben die Freizügigkeit der heutigen Gesellschaft, "besonders gegenüber der Kunst", und spicken die Besprechung der Inszenierung mit den Worten "frivol", "Sittenkomödie" und eventuell noch "spritzig". Doch wer will schon artig sein? Die Inszenierung ist es bei weitem genug. Irgendwie wirkt Marion Poppenborgs Reigen schon etwas staubig: Dekor und Kostüme sind so übertrieben "zeitlos", wollen sich nicht wirklich festlegen, dass sie dann doch geradezu altmodisch scheinen. Der Rhythmus und die Übergänge werden sehr stark von Eugène Bozzetti am Akkordeon bestimmt, der mal melodiös, mal zitathaft, manchmal melancholisch oder sogar humorvoll eingreift. Die Sprache, dieses breite Wienerisch, stört des Öfteren, besonders bei eher frankophonen Schauspielern, die dem Platt nicht gewachsen sind, die es nie fließend klingen lassen. Bleibt die Leistung der Schauspieler. Und die ist wohl das beste Argument dieser Reigen-Inszenierung. Marion Poppenborg hat aus dem Vollen geschöpft und einige der Besten verpflichten können. Heraus kamen etliche sagenhafte Szenen, mit denen sicherlich Theatergeschichte ge-schrieben wird. Sascha Ley als divenhafte Schauspielerin, im Gegenüber mit dem verklemmten Grafen (Luc Feit): der Liebeskampf der zielstrebigen Walküre mit dem vor Angst vor diesem Überweib gelähmten Mann ist dank ihres Spiels einfach zum Brüllen komisch. Sie, die begehrte Frau, wirft sich selbstbewusst und eroberungs-süchtig dem ebenso nachdenklichen, wie langweiligen Mann an den Hals, und er ist einfach nur erstarrt, weil er nicht ganz sicher ist, dass sich das so ziemt. Sascha Ley versteht es, die Diva zu spielen, groß aufzudrehen und die Bühne in Nullkommanichts zu erobern. Ihr gegenüber lässt Luc Feit seinem ganzen Talent zum Slapstick freien Lauf, die Rolle des verlorenen und etwas schusseligen, weltfremden Grafen, scheint ihm auf den Leib geschrieben. Aber auch Myriam Muller überrascht, als komme sie endlich von ihrem ewigen Heiligenschein der tugendhaften, leidgeprüften Ehefrau weg: Marion Poppenborg hat sie als dümmliches "süßes Mädel" eingesetzt. Und wider Erwarten passt ihr die Rolle wunderbar, besonders im Gegenüber mit dem Ehemann (Jürgen Haug) wirkt sie wahrhaft dämlich, von einer entwaffnenden Naivität. Frédéric Frenay feiert als größenwahnsinniger Dichter sein Comeback, Tom Leick hält sich als "jungen Herrn" in seinem Spiel sehr zurück. Unter den weniger bekannten Gesichtern fällt besonders Barbara Ullmann als "junge Frau" auf, die hier eine wunderbar steife Bourgeoise mit ihrer falschen Scham abgibt. Die gleichen Schauspieler proben derzeit auch unter Marion Poppenborg den 100 Jahre jüngeren Stoff von David Hare zum gleichen Thema. Vielleicht gelingt es ihnen, durch die Gegenüberstellung auch für dieses Stück neue Perspektiven aufzuzeigen. 

Marion Poppenborgs Inszenierung des Reigen von Arthur Schnitzler, mit Sascha Ley, Nicole Max, Myriam Muller, Pia Röver, Barbara Ullmann, Luc Feit, Frédéric Frenay, Jürgen Hauck, Tom Leick und Daniel Plier; Eugène Bozzetti am Akkordeon, Bühne: Jeanny Kratochwil, Kostüme: Ulli Kremer, wird noch am 9. und 16. November im Kapuzinertheater gespielt. Am 8. November ist die Premiere von David Hares Blue Room, mit den gleichen Schauspielern; am 18. und 19. November werden beide Stücke ab 19 Uhr nacheinander gespielt. Weitere Informationen unter www.theater-vdl.lu.

 

 

josée hansen
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