Spaß muss sein

Ernstfall Karneval

d'Lëtzebuerger Land vom 05.02.2016

Es ist alles unter Kontrolle, hört man aus unserm Nachbar_innenland, die Expert _innen nicken aufmunternd. Es wird alles wie immer sein, aber eben noch mehr unter Kontrolle. Das Auge des Gesetzes hat alles im Auge, jetzt muss es nur noch durchblicken, was dieses Jahr noch herausfordernder ist. So divers wie es da zugehen wird! Aber auch der Arm des Gesetzes wird allgegenwärtig sein. Und jede Menge bestens organisierter Staatsorgane. Alles wurde schon durch exerziert, alle möglichen Eventualitäten, Szenarien, auch Schreckensszenarien.

Den Spaß will man sich in unserm Nachbar_innenland aber nicht verderben lassen, Spaß muss sein.

Es wird eben wieder mal ernst nebenan. Das Lustigsein ist auf der Agenda, was eins der härtesten Vorhaben überhaupt ist, eine knallharte Sache, wie jeder weiß, der es schon mal probiert hat. Aber unsere Nachbar_innen trainieren schon sehr lang, es wird schon so lang geübt, dass sie es zuverlässig ausüben, sie sind Spaßprofis. Und so weiß man natürlich um den

Ausnahmezustand, in den die eigentlich verlässliche Nachbarschaft bald abdriftet. Man wird nachsichtig sein müssen, wenn die Freund_innen nebenan sich Elefantenrüssel aufsetzen. Es handelt sich eben um einen Brauch, den sie extrem brauchen, mehr als andere vielleicht, sie müssen auf die Pauke hauen, oder sich auf die Schenkel, dann schunkeln. Es ist ein Zwang, der sie regelmäßig, jährlich, heimsucht.

Das geht Tage und Nächte lang. Schrill bemalt, wüste Schreie ausstoßend, ziehen sie unter unglaublichem Radau durch die kalten Straßen, das turnt sie total an. Sie haben nicht genug an, und wenn, was Komisches, was aber nicht unbedingt komisch ist. Es soll mit Religion zu tun haben, oder mit Gruppentherapie. In Zelten rotten sie sich zusammen, ein archaischer Reflex, manche halten sich trotz elefantesker Dimensionen für Elfen, oder sie tragen Kronen oder Säbel oder einfach nichts. Dicke Zahnärzte und Notare sagen Gedichte auf, nicht zu schwere, ohne zu viele Jamben und Dithyramben. Wenn es dann tutet oder bläst wird gelacht, bis es kracht. Sie schwenken allerlei Körpermitglieder und servieren Schwänke, und natürlich Getränke. Bei bestimmten Kommandos geraten sie total aus dem Schneckenhäuschen. Auf die neutrale Zuschauerin wirkt es zwar nicht annähernd so ekstatisch wie Voodoo- Rituale, dennoch muss dieses ein bisschen unbeholfene Gebaren bei diesem Stamm etwas auslösen, etwas Tiefes.

Dieses Jahr wird das Management des Events, das identitätsstiftend ist für eine Gegend, deren Name sinnvoll aus einer unmodernen Krankheit und einem Nachttopf zusammengesetzt ist, noch hochkomplexer. Unter die üblichen Spaßterrorist_innen mischen sich nämlich Spaßterrorist_innen der unterschiedlichsten Fraktionen und Couleurs. Allerhand neue, nicht ausgebildete. Solche, die sich mit dieser Art Spaß gar nicht auskennen und die Witze nicht verstehen. Einige, vielleicht viele, haben sich nicht mal angemeldet, was es noch herausfordernder macht, vielleicht sind sie als Neger verkleidet.

Deswegen tagen ja jetzt Expert_innen und Berater_innen rund um die Uhr, die interkulturellen Dialoge oder Monologe laufen auf Hochtouren, um die zahlreichen neuen Mitmenschen auf das große Fest einzustimmen. Die Wertefibel muss, da sind sich die Expert_innen einigermaßen einig, ordentlich gebüffelt werden. In einem Crash-Kurs werden Schutzsuchende anhand von Bildmaterial mit Wesen konfrontiert, die in den nächsten Tagen auf sie zukommen werden, wenn sie sich zum Beispiel eine Tüte Chips holen. Ninjas, Neanderthaler, Tiroler, Piraten, Scheichs und Haremsdamen. Welche mit Krummsäbeln und welche mit Armbrüsten und welche mit Brüsten. Und jede Menge Maskierter und Vermummter.

Andererseits müssen die neuen Mitbürger_innen wiederum lernen, Menschen mit Clownnasen und neckischen Attributen ernst zu nehmen. Es ist vielleicht auch besser, Supermann nicht auszulachen. Man darf auch nichts anfassen und in nichts beißen, auf dem hiesigen Fleischmarkt ist das nicht üblich. Damen wollen nicht unbedingt aufgerissen werden. Nicht einmal in den herausforderndsten Verpackungen oder Enthüllungen. Nicht einmal, psst!, wenn eine Vagina einen Monolog hält.

Alles nicht so einfach. Es sollen ja sogar Männer kommen.

Michèle Thoma
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