Luxemburg soll einen Plan zur Anpassung an den nicht mehr vermeidbaren Klimawandel erhalten. Eine der politisch spannendsten Ideen lautet, Umwelt als geldwerte Dienstleistung zu betrachten

Das System lässt grüßen

d'Lëtzebuerger Land vom 28.10.2011

Anfang Dezember letzten Jahres veröffentlichte das Wissenschaftsmagazin Nature einen Artikel, der ziemliches Aufsehen erregte. Ein Forscherteam aus den USA hatte mehrere Feldstudien ausgewertet, in denen die Übertragung von Infektionskrankheiten von Tieren auf den Menschen untersucht worden war. Die Befunde der Feldstudien hatten einen gemeinsamen Punkt: Je mehr Arten verschwinden, desto größer wird für den Menschen offenbar das Risiko, von Infektionskrankheiten befallen zu werden.

Die Gründe dafür können vielfältig sein. Nicht immer sind sie so einfach wie der, dass eine Tierart, die Erregern als Wirt dient, sich schneller verbreiten kann, wenn eine andere Art, die die Wirtsspezies jagt oder mit ihr konkurriert, ausstirbt. Die Forscher schlussfolgerten in ihrem Bericht, dass ein Erreger es generell schwerer habe sich auszubreiten, je diverser ein Ökosystem ist. Artenschutz sei deshalb auch gut für die öffentliche Gesundheit.

So komplexe Zusammenhänge wie dieser könnten eine Rolle bei den Diskussionen um den „Nationalen Aktionsplan zur Anpassung an den Klimawandel“ spielen. Anpassung meint: Selbst wenn es gelänge, die Treibhausgasemissionen weltweit zu senken, hätte die Menschheit noch mehrere Jahrzehnte mit den nicht mehr vermeidbaren Auswirkungen des Klimawandels zu tun – fünf Jahrzehnte dürften es sein, schätzt die EU-Kommission.

Weitere Erwärmung aber erhöht den Druck auf die Arten. Auch in Luxemburg, wo mehr als die Hälfte der heimischen Säugetierarten, über 40 Prozent der Vogelarten und ein Drittel der Reptilienarten bereits vom Aussterben bedroht sind; desgleichen über 60 Prozent der Amphibien- und der Fisch[-]arten.

Wie die Temperaturen hierzulande sich vermutlich weiter entwickeln werden, haben Klimaforscher vom Centre de recherche public Gabriel Lippmann mit einem eigenen re-gionalen Klimamodell errechnet. Dass allein zwischen Beginn und Ende des 20. Jahrhunderts die jährlichen Durchschnittstemperaturen um 1,2 Grad gestiegen sind, weiß man aus Daten, die bis ins Jahr 1838 zurück reichen. Bis 2060 könnte ein Anstieg um weitere 0,5 bis 2,5 Grad hinzukommen, und diese Differenz bis Ende des Jahrhunderts auf 2,5 bis fünf Grad wachsen. Mit dem Vergleich „Klimaverhältnisse wie heute in Mailand beziehungsweise Madrid“ veranschaulichen die Beleser Forscher, was die Temperaturanstiege mit sich bringen könnten – im Durchschnitt wohlgemerkt.

Ob Sorge um die öffentliche Gesundheit bei anhaltender globaler Erwärmung zu besonderen Artenschutzmaßnahmen führt, ist schwer zu sagen. Zwischen Herbst 2010 und Mai dieses Jahres hat eine Sonder-Arbeitsgruppe des Partenariat pour le climat et l’environnement über den Anpassungsplan diskutiert. Besprochen wurden bisher aber nur Artenschutz, Wasserversorgung und Wasserschutz sowie Forstwirtschaft und Landwirtschaft. Gesundheitsfragen sollen in einer Extra-Arbeitsgruppe folgen. Das ist ein Grund, weshalb der Anpassungs-Aktionsplan nicht bis Ende des Jahres fertig sein wird, wie Marco Schank (CSV), der delegierte Nachhaltigkeitsminister, noch Anfang des Jahres gemeint hatte.

Ganz allgemein aber bringt die Anpassungs-Debatte die Umweltprobleme Luxemburgs neu auf den Tisch. Neu, weil nicht behauptet werden kann, dass bisher noch keine Konsequenzen gezogen worden wären. Der vor vier Jahren verabschiedete Aktionsplan für Natur- und Artenschutz zum Beispiel war ein Meilenstein. Er setzt Ziele, um dem Artenschwund entgegenzuwirken, Ökosysteme zu schützen, und mittlerweile sind mehr als 17 Prozent der Landesfläche von Schutzzonen bedeckt.

Doch mit der Klimawandel-Anpassung stellen die Fragen sich allesamt im Zusammenhang. Den Zusammenhang von Artenschwund und Infek-tionskrankheiten könnte man, auf Luxemburg bezogen, noch weiter treiben: In manchen Hinsichten sind die Umweltprobleme hier größer als anderswo. So hob die OECD im vergangenen Jahr in ihrem Umweltbericht über Luxemburg hervor, dass mehr als ein Viertel der Gefäßpflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Das sei „deutlich mehr als in den Nachbarländern“.

Muss man sich darum sorgen, wo doch unter diese bedrohten Pflanzen vor allem Ackerkräuter und Feldblumen fallen? Womöglich schon. Denn auf den Feldern und Äckern blühen sie wesentlich länger als die Feldfrüchte. Sofern ein Herbizid sie nicht dahinrafft, sind es vor allem diese „Unkräuter“, die einen Acker zum Lebensraum für Insekten machen. Und verschwinden Insekten, wirkt das kaskadenartig auf andere Arten; das Gleichgewicht wird gestört.

Das gestörte Gleichgewicht aber könnte nicht nur Konsequenzen auch für die öffentliche Gesundheit haben. Insekten – nicht allein Bienen – erbringen als Bestäuber eine landwirtschaftliche Produktionsleistung. Deren ökonomischer Gesamtwert weltweit wurde 2009 auf 135 Milliarden Euro geschätzt – knapp ein Zehntel des Welt-Agrarertrags. Den Schutz der unscheinbaren Pflänzlein zu vernachlässigen, käme damit einer Wertvernichtung an anderer Stelle gleich.

Es ist der politisch wahrscheinlich spannendste Gedanke im Zwischenbericht zu den bisherigen Anpassungs-Diskussionen, dass darin vorgeschlagen wird, solche „Ökosystemdienstleistungen“ auch in Luxemburg geldwert zu berechnen. International existiert dafür seit 2010 ein einheitlicher Ansatz, The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB), lanciert von der G8-Staatengruppe.

Politisch spannend ist dieser Gedanke, weil er unweigerlich den nicht gerade abwegigen Vorwurf auf sich ziehen wird, eine Umweltdienstleistungs-Betrachtung sei entweder der erste Schritt zur Privatisierung dieser Dienstleistungen oder zur Einführung von neuen Öko-Abgaben. Doch eine solche ganz utilitaristische Betrachtung verhilft Umweltbelangen andererseits zur Langfristperspek[-]tive, die sie verdienen, wenn es um politische Entscheidungen geht.

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Wald. Um die Wälder, von denen 34 Prozent der Landesfläche bedeckt sind, vor den steigenden Temperaturen zu schützen, soll vor allem für mehr Vielfalt im Baumbestand gesorgt werden. Laut Forstverwaltung gibt es insbesondere in den 50 Prozent der Wälder, die in Privatbesitz sind, zu viele Fichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese schnell wachsenden Bäume häufig gepflanzt worden, weil sie raschen Holz-Ertrag versprachen. Bei zunehmendem global warming jedoch erweisen sich Fichten als besonders anfällig: Sie vertragen höhere Temperaturen eher schlecht, benötigen ziemlich viel Wasser, und dringt ein Fichtenschädling in einen Wald ein, in dem die Fichten dominieren, kann schnell der ganze Wald betroffen sein.

Wie aber gewinnt man noch den letzten Waldbesitzer für einen solchen Anpassungs-Ansatz? Wie sorgt man dafür, dass die Hälfte der Privatwaldbesitzer ihre Forsten nicht länger überhaupt nicht bewirtschaften? Denn bleibt zum Beispiel Totholz in einem Wald liegen, ist das eine Gefahr für das Wasser: Gesunder Waldboden filtert Regenwasser derart, dass es als Trinkwasser gelten kann. Aus toten Bäumen dagegen dringen Nitrate in den Boden, was unterirdische Reservoirs und Quellen belasten kann.

Sofern aber politische Entscheidungen für eine weiter verbesserte Forstwirtschaft nötig wären, könnte für die Debatte hilfreich sein, wenn für Luxemburg zur Verfügung stünde, was in Großbritannien nach dem Prinzip der Ökosystemdienstleistungen für die Wälder dort berechnet wurde: 2010 hätten die britischen Wälder durch Luftreinigung, Bindung von CO2, Artenvielfalterhalt oder einfach als Erholungsgebiete Werte von insgesamt 1,3 Milliarden Pfund geschaffen.

Ob eine solche Betrachtung der Umwelt in Luxemburg tatsächlich Einzug hält, bleibt jedoch abzuwarten. Obwohl die Idee aus ihrem Ministerium kommt, haben die beiden Nachhaltigkeitsminister diesen Vorschlag aus dem Bericht der Arbeitsgruppe nicht als eine der prioritären Ideen an den Regierungsrat weitergegeben.

Das liegt vielleicht daran, dass eine solche Ökowertanalyse die nationale Infrastrukturpolitik infrage stellen könnte. In keinem Staat von EU und Efta ist die Zerschneidung von Landschaften pro Flächeneinheit so groß wie in Luxemburg; in einer Statistik der Europäischen Umweltagentur von diesem Jahr macht der Abstand zum Zweitplatzierten – Belgien – mehr als 20 Prozentpunkte aus. Pragmatische Entscheidungen für neue Straßen durch Schutzgebiete, ein Tanklager in einer Natura-2000-Zone oder ein Fußballstadion mit Shoppingzentrum in einem Überschwemmungsgebiet wären schwerer zu begründen, wenn Jahr für Jahr Daten über den Umwelt-Wert von Artenvielfalt generiert würden: Landschaftszerschneidung ist eine wichtige Ursache für Artenverlust.

Eine solche Analyse brächte die Umweltpolitik aber nicht zuletzt auch in Konflikt mit der Landwirtschaft. Wer etwa den Schutz von Ackerpflanzen zum Erhalt von Insekten als produktive Bestäuber gegen den Einsatz von Spritzmitteln im konventionellen Landbau aufrechnete, würde vermutlich mehr als einen Aufschrei von dessen Lobbyverbänden provozieren, die Bauernzentrale mit ihrem guten Draht zu CSV-Ministern an der Spitze.

Und so nötig diese Auseinandersetzung wäre – auch für den Schutz von Trinkwasserquellen: Was die Diskussionen in der Arbeitsgruppe des Partenariats zur Anpassung an den Klimawandel bisher für die Landwirtschaft festgehalten haben, dient vor allem der Verteidigung eines Sektors, viel weniger der des ökologischen Systems. Dass etwa der konventionelle Landbau im Interesse von Artenschutz, Wasserschutz, Bodenschutz und öffentlicher Gesundheit extensiver produzieren und seinen Chemieeinsatz senken könnte, steht so explizit nirgends im Zwischenbericht zur Anpassungs-Diskussion. Stattdessen wird davor gewarnt, den Bauern durch „unnütze Zwänge“ zu belasten, die Extrakosten verursachen.

Peter Feist
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