Zehn Jahre Arcelor-Mittal: Umsatzeinbruch und Rekordverlust

Ernüchternd und enttäuschend

d'Lëtzebuerger Land du 12.02.2016

„Ernüchternd“ und „enttäuschend“ nannte Lakshmi Mittal, CEO und Präsident von Arcelor-Mittal, die Ergebnisse des vergangenen Geschäftsjahres. Pünktlich zum zehnten Jubiläum der Übernahme von Arcelor durch Mittal Steel musste Mittal einen Rekordverlust von 7,9 Milliarden Dollar bekannt geben. Das war so schlecht, dass die Firmenleitung die Resultate früher veröffentlichte, als im Finanzkalender vorgesehen. Um einer Investoren- und Gläubigerpanik vorzubeugen, kündigte Mittal gleichzeitig eine Kapitalerhöhung und ein neues Spar- und Optimierungsprogramm an.

Insgesamt ist die Bilanz nach zehn Jahren Management durch die Familie Mittal „ernüchternd“. Der Umsatz des weltweit größten Stahlkonzerns ist von 88 Milliarden Dollar 2006 (2007 waren es sogar 116,7 Milliarden Dollar) auf 63,5 Milliarden Dollar gefallen. Machte das Unternehmen im ersten Jahr der Fusion acht Milliarden Dollar Gewinn, meldet es nun fast acht Milliarden Dollar Verlust. Damit ist der Verlust größer als der Marktwert. Nachdem die Aktien im Lauf der Woche auf rund 2,80 Euro gefallen sind, ist das Unternehmen an der Börse nur noch 6,12 Milliarden Dollar wert. Vor zehn Jahren hatte Mittal Steel Arcelor für 32,4 Milliarden Dollar gekauft und der Schuldenberg, den die Firma vor sich hin schiebt, ist mit 15,7 Milliarden Dollar Ende 2015 mehr als doppelt so hoch wie der Börsenwert.

2006 hatte das Arcelor-Management versucht, die Übernahme durch Mittal Steel durch eine Beteiligung von Severstal zu verhindern, einer „wirklich europäischen Firma“, wie es damals hieß. Arcelor-CEO Guy Dollé sprach von „Parfüm“ vs. „Eau de Cologne“ und „Monomanagement“, strich bei Pressekonferenzen hervor, sein Sohn gehöre nicht zum Management. Rassistische Bemerkungen, wie die über „Affengeld“ amüsierten die indische Regierung wenig, die Repressalien androhte, falls Mittal benachteiligt würde. Auch deshalb wurde Lakshmi Mittal zum Helden, als der Verwaltungsrat von Arcelor am 26. Juni 2006 seinem nachgebesserten Angebot zustimmte. Severstal, die Firma des gescheiterten russischen weißen Ritters Alexej Mordashov, war vergangene Woche an der Moskauer Börse 6,9 Milliarden Dollar wert. Die Firma mit Sitz in Tscherepowez machte vergangenes Jahr einen Umsatz von 6,7 Milliarden Dollar und einen Gewinn von einer halben Milliarde Dollar. Die Severstal-Gruppe hatte Ende des vergangenen Jahres Nettoschulden von 805 Millionen Dollar. So steht der Verlierer von einst nun als Gewinner da. Severstal erreichte 2015 eine operative Marge (Ebidta margin) von 32,8, Arclor-Mittal eine von 8,2 Prozent.

Obwohl Arcelor-Mittal-Papiere seit 2012 nur noch Schrottstatus haben, spricht man in Luxemburg nicht gerne an, wie schlecht es um die Firma steht. Denn der weltgrößte Stahlkonzern ist der Restbestand an Industrie, der Luxemburg eine Existenzberechtigung verschafft, wenn im Ausland die Steuerparadies-Vorwürfe allzu laut werden. Doch spätestens wenn Lakshmi Mittal, der sich lange vor einer Kapitalerhöhung gedrückt hat, nun drei Milliarden Dollar sammeln will und für 2015 die Dividenden streicht, müsste auch hierzulande dämmern, wie dünn die Luft geworden ist. Der Mittal-Clan wird sich seinem Anteil am Kapital entsprechend beteiligen und 1,1 Milliarden Dollar zur Kapitalerhöhung beitragen. Dafür, dass die Familie ins eigene Portemonnaie greifen würde, lobte sie mancher Beobachter. Doch seit 2011 hat die Firma keinen Gewinn mehr erzielt: 2012 meldete sie 3,3 Milliarden Dollar Verlust, 2013 waren es 2,5 Milliarden Dollar und 2014 1,1 Milliarde Dollar. Trotzdem zahlte sie bisher immer eine Dividende – die entsprechend ihrem Anteil am Kapital zu rund 40 Prozent an die Familie Mittal ging. Seit 2006 hat Arcelor-Mittal den Jahresberichtsangaben zufolge insgesamt 13,24 Milliarden Dollar Dividenden ausgezahlt, wovon rund 5,55 Milliarden Dollar an den „significant shareholder“ gingen. Ausgerechnet jetzt, da die Firma neue Investoren sucht, hat sie die Dividende gestrichen, so dass der Reiz für die Anleger nicht besonders hoch sein dürfte.

Darüber, ob sich der Luxemburger Staat, dessen 2,5-prozentige Beteiligung an Arcelor-Mittal Ende 2015 einem Wert von 152 Millionen Euro entsprach, an der Kapitalerhöhung beteiligt, habe die Regierung noch nicht diskutiert, so Wirtschaftsminister Etienne Schneider (LSAP) gegenüber dem Land. „Wir sind nicht offiziell gefragt worden.“ Auch bei einem Treffen von Staatsminister Xavier Bettel (DP) und Lakshmi und Aditya Mittal vor zwei Monaten sei davon keine Rede gewesen, sagt Schneider. Mit seiner Dividendenpolitik sitze der Konzern in der Zwickmühle, sagt er, wenn er gleichzeitig zu verhindern versuche, dass der Börsenkurs allzu weit abrutscht. „Normalerweise“, fügt er hinzu, „geht man mit einem Zukunftsprojekt auf die Suche nach frischem Geld.“ Hier gehe es eher darum, „die eigene Haut zu retten“. Als Aktionär mitmachen oder nicht? – man habe auch eine Verantwortung für die Stahlindustrie im eigenen Land, so Schneider. „Aber es muss ein klares Konzept vorliegen, wie es weitergeht und wie die Firma aus dieser Situation herauskommt.“

Die Schuld für „die Situation“ gab Lakshmi Mittal bei der Vorstellung der Ergebnisse vergangenen Freitag vor allem den Chinesen, die, darüber herrscht Einigkeit in der Stahlbranche, den Markt mit Billigprodukten überschwemmen. Seit die Wirtschaft in China langsamer dreht, gibt es in der dortigen Stahlproduktion hohe Überkapazitäten, die in den Export gehen. Vergangenen November hatte die Luxemburger Ratspräsidentschaft eine Sondersitzung wegen der dadurch entstehenden Schwierigkeiten für die europäische Stahlbranche einberufen. In den Vorbereitungsunterlagen notierte die Präsidentschaft, dass die europäische Stahlbranche 2015 nur noch zehn Prozent der weltweiten Stahlproduktion herstelle, während es 2001 noch 22 Prozent und 2007 immerhin noch 15,7 Prozent waren. China, das 1999 15 Prozent zur weltweiten Produktion beitrug, stellt heute fast die Hälfte allen weltweit produzierten Stahls her. 2014 verbuchte China Überkapazitäten von 340 Millionen Tonnen – mehr als doppelt so viel wie mit 169 Millionen Tonnen in der EU überhaupt produziert wurden.

Zusammen mit den Kollegen aus Deutschland, Italien, Großbritannien, Frankreich, Polen und Belgien schrieb Schneider deshalb einen Brandbrief an die EU-Kommission. „The European Union cannot remain passive when rising job losses and steelwork closures show that there is a significant and impending risk of collapse in the European steel sector“, warnen sie vor einem Zusammenbruch der europäischen Stahlbranche. Sie fordern die Kommission auf, neue und schnellere Anti-Dumping Maßnahmen gegen den Import von Flachtstahl-Produkten aus Russland und China zu ergreifen – zusätzlich zu den über 30, die bereits in Kraft sind. „Wenn es ein Jahr dauert, bis die Prozedur für eine neue Anti-Dumping-Maßnahme abgeschlossen ist, sind schon wieder Werke geschlossen“, sagt Schneider. Wie bitterernst die Lage sei, könne man auch daran erkennen, dass Deutschland die Forderung nach verschärften Anti-Dumping-Vorkehrungen unterzeichnet habe. Als Exportnation sei die Bundesrepublik bisher vorsichtig gewesen, um die Beziehungen mit China, dem großen Absatzmarkt des deutschen Mittelstands, nicht aufs Spiel zu setzen, gibt Schneider zu bedenken. Tatsächlich kämpft nicht nur Arcelor-Mittal mit den Billigimporten nach Europa. Der Konkurrent Tata Steel, der 2006 den britischen Hersteller Corus übernahm, hat angesichts steigender Verluste seit vergangenem Sommer in Großbritannien 3 000 Stellen gestrichen.

Doch das schlechte Ergebnis 2015 hat Arcelor-Mittal weitestgehend selbst zu verantworten. Von den 7,9 Milliarden Dollar Verlust sind 1,3 Milliarden – aufgrund der gefallenen Preise für Stahlprodukte – auf Wertberichtigungen auf den Lagerbeständen zurückzuführen. Weitere 3,4 Milliarden Dollar hat der Konzern auf seiner Minensparte abgeschrieben. In den vergangenen Jahren war der Ausbau des Minengeschäfts und die Selbstversorgung mit Rohstoffen, auch vertikale Integration genannt, oberste Priorität. Während Investitionen in die Stahlsparte zurückgestellt wurden, investierte der Konzern vornehmlich in den Abbau von Eisenerz. 2014 verbrauchte er 117 Millionen Tonnen Erz und förderte 64 Millionen Tonnen selbst. Die Preise dafür sind ähnlich im Keller wie die Rohölpreise. Und davon kann das Unternehmen, anders als die Konkurrenz, nicht profitieren. Statt billiges Erz zu kaufen, versucht Arcelor-Mittal, dringend die Förderkosten in den eigenen Minen zu senken.

Michèle Sinner
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