Pau Ferrer-Alegre managt die Biotech-Forschung am List

Inspiration und Innovation

Porträt Pau Ferrer-Alegre, Luxembourg Institute of Science and Technology
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 30.11.2018

Dass ein Universitätsprofessor seine akademische Karriere nach zwei Jahrzehnten aufgibt und an ein Forschungsinstitut wechselt, das der Industrie zuarbeitet, kommt vor – aber nicht alle Tage. Pau Ferrer-Alegre ist diesen Schritt im Februar dieses Jahres gegangen. Er kehrte der Autonomen Universität Barcelona (AUB) den Rücken, wo er zwanzig Jahre lang Biologie gelehrt hatte. Seit März befindet sein berufliches Standbein sich in Beles, wo er die Abteilung Environmental and Industrial Biotechnologies am List, dem Luxembourg Institute of Science and Technology, leitet.

Wenn Ferrer-Alegre über diesen Wechsel spricht, klingen in seiner Stimme Ärger und Enttäuschung mit. Hätte die internationale Bankenkrise sich ab 2007 nicht zur Wirtschaftskrise entwickelt, und hätte sie nicht zur Euro-Krise geführt, die Spanien vom Wachstums-Wunderland zur Schuldennation abstürzen ließ und unter die Kuratel der diversen Anti-Defizit-Mechanismen der EU brachte – dann hätte, wer weiß, der Professor seine Uni vielleicht nicht verlassen.

„Doch die Krise in Spanien hält an, sie dauert nun schon mehr als zehn Jahre.“ Die Universitäten hätten eine dramatische Kürzung ihrer Forschungsmittel und Gehälter hinnehmen müssen. „Das geschah nicht plötzlich. Stattdessen wurden alle Zuwendungen erst einmal eingefroren. Abgänge in die Pension wurden nicht mehr ersetzt. Ging ein Professor in den Ruhestand, wurde er nicht durch einen Professor ersetzt, sondern durch einen Lehrbeauftragten mit Zeitvertrag.“ Bis es dann tatsächlich zu Kürzungen kam. „Und die Politik sagte: Oh, wir haben euch 30 Prozent der Mittel gestrichen, aber ihr macht trotzdem weiter? Das ist gut, das lassen wir jetzt so!“

Pau Ferrer-Alegre fürchtet um die Unis in seinem Land und fragt sich, wer dort in zehn Jahren lehren und gut forschen soll. „Ich stand vor der Frage: Mache ich weiter mit weniger Ressourcen? Ich liebe mein Fach und hatte nie ein Problem damit, viel zu arbeiten. Es mit weniger Mitteln zu tun, konnte ich mir aber nicht vorstellen. Als ich das Angebot des List erhielt, war ich weg.“ Ganz leicht sei der Wechsel nicht gewesen: neues Land, anderes Klima, und anstelle der universitären Welt die eines RTO, einer Research and Technology Organisation. „Ich bin aber keiner, der in der Komfortzone bleibt“, sagt Ferrer-Alegre. Früher war er Bergsteiger in den Pyrenäen, unternimmt noch immer große Trekking-Touren, wenn er das Gebirge mal wieder besucht. „Dort habe ich in meiner Jugend die Natur entdeckt, das führte mich zur Biologie.“ Das Meer vermisst er in Luxemburg nicht sehr: „Am Strand von Barcelona war ich nur im Sommer. Ich vermisse die Berge.“

Fremd ist Ferrer-Alegre die Art, wie am List gearbeitet wird, nicht. In Barcelona war er Biologieprofessor an der Abteilung für Chemie-Ingenieurwissenschaften. „Ich brachte Ingenieurstudenten bei, wie Zellen und Gene funktionieren.“ Die Forschungsgruppe, die er leitete, beschäftigte sich mit Grundlagenforschung, die zu Biotechnologien führen könnte, und war interdisziplinär zusammengesetzt. Wie das List: „Zu unserer Abteilung gehören Biologen, Chemiker, Ingenieure und Agronomen. Zurzeit bereite ich ein EU-Projekt vor, das an einem neuen Nahrungsmittel, einem Proteinersatz, arbeiten wird. Da haben wir auch einen Koch im Team.“ Aus Interdisziplinarität entstünden „Inspirationen und disruptive Innovationen“.

Der zuletzt genannte Begriff wird an einem RTO wie dem List naturgemäß viel mehr gebraucht als an einer Uni. Zwischen Universitäten und der Industrie angesiedelt, soll ein RTO, soll das List, dazu beitragen, neue Lösungen marktreif zu machen. 600 Mitarbeiter hat das Anfang 2015 aus den früheren Forschungszentren CRP Henri Tudor und CRP Gabriel Lippmann fusionierte List, jeweils rund 200 in den drei großen Bereichen IT, Materialforschung und Umweltforschung.

Ferrer-Alegres Abteilung gehört zu Letzterer, ist mit 40 Mitarbeitern drei Mal so groß wie sein Forschungsteam in Barcelona und soll, wie der Name „Environmental and Industrial Biotechnologies“ schon suggeriert, besonders nah an der Praxis mit ihren Anwendungsanforderungen sein. „Wir entwickeln Laborlösungen zum Protoyp weiter.“ Das ist ein Spagat, den ein RTO schaffen muss: Anwendern aus der Industrie Vorschläge machen, die sie gebrauchen können, aber gleichzeitig mitunter ausgesprochen grundlegend forschen, damit daraus ein originelles Technologie-Portfolio entstehen kann. Denn richtet ein RTO sich zu stark an dem aus, was gerade marktgängig scheint, müsste es neues Knowhow einkaufen. „Man muss sich Nischen suchen, in denen man mit seiner Expertise richtig gut ist, und sie weiterentwickeln“, sagt Ferrer-Alegre. Die Monate seit seiner Ankunft in Beles hat er damit verbracht, herauszufinden, in welchen Biotech-trächtigen Bereichen die Umweltforscher am List richtig gut sind. „Das können wir nun sagen.“ Er selber arbeitet nicht im Labor: „Ich bin hier Manager. Ich führe die Teams, setze die Ziele, coache die Mitarbeiter, damit sie sich wohl fühlen.“

Biotech made by List – das sind zum Beispiel verbesserte Prozesse zur Biogasgewinnung aus Abfällen von Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Im Labortrakt von Ferrer-Alegres Abteilung stehen Tanks, in denen sich Bakterien über die Abfälle hermachen und sie zu Methan zersetzen. Das könnte anschließend entweder ins Gasnetz eingespeist oder lokal in einem Blockheizkraftwerk in Wärme und Strom umgesetzt werden. Was übrigbleibt von der Abfallmasse, könnte sich vielleicht als Dünger nutzen lassen und synthetische Dünger ersetzen.

Inwiefern sich Methan zur Energiespeicherung aus Strom herstellen lässt – Power to Gas – und in einem intelligenten Energienetz der Zukunft als Puffer dienen kann, wenn nicht genug Sonne für Photovoltaikanlagen scheint oder es an Wind zum Antrieb von Windkraftwerken mangelt, ist eine weitere Fragestellung für die Gruppe.

Oder wie Holzabfälle sich zu einer Masse umsetzen lassen, die in Bioreaktoren fermentiert werden kann, damit wiederum Biogas entsteht: Für einen Versuch, der bis Ende 2019 dauert, hat die Biotech-Abteilung Termiten aus Französisch Guayana eingeführt, lässt sie in großen Glas-Terrarien Holz fressen und bakteriell gut weiter verarbeitbare Reste ausscheiden. In Tests mit Pflanzenzellen wiederum fahnden die Forscher nach Möglichkeiten, aus Apfel- oder Traubenresten Grundstoffe für die Kosmetikindustrie zu gewinnen oder für neuartige Nahrungsmittel, so genannte Novel-Food-Lebensmittel.

Solche Verfahren hätten es in sich, sagt Ferrer-Alegre. Sie seien komplex und oft empfindlich. Im Labor sei eine Menge möglich, da könne man sich schnell vorstellen, einen großtechnischen Prozess in der Chemieindustrie zu revolutionieren, wenn etwa eine Pflanzenzelle als Katalysator genutzt wird. Im Prinzip klappe dergleichen. „Nicht nur die Biomedizin bringt viele neue Lösungsvorschläge hervor, die grüne Biotechnologie ebenfalls. Mathematische Modelle nutzen auch wir, und unser Bedarf an der Computerkapazität des Instituts wächst und wächst.“ Doch viele tolle Laborideen der grünen Biotechnologie stürben als Prototyp: „Eine kritische Frage ist, solche neuen Prozesse hochzuskalieren, damit die Ausbeute groß genug wird. Eine andere Frage sind die Kosten.“ Die Chemieindustrie denke oft sehr konservativ, weil einmal etablierte Produktionsverfahren umzustellen, oft sehr teuer sei. Gleichzeitig sei sie aber sehr interessiert an Innovationen. „Das heißt für uns, wir müssen schnell sein.“

Pau Ferrer-Alegre ist ein Wissenschaftler, der über sein Metier gern prinzipiell nachdenkt: Sowohl was die Ethik der Forschung und die Regulation von Anwendungen betrifft, als auch den politischen Rahmen, der nötig sein kann, um neuen und nachhaltigeren Prozessen zur Durchsetzung gegenüber den etablierten zu verhelfen. „Erinnern Sie sich an die Diskussionen um Bioethanol der so genannten ersten Generation? Dass eine Kontroverse entstand, weil der Biosprit entweder aus dem Öl von Palmen gewonnen wird, für deren Anbau tropische Regenwälder gerodet werden, oder aus zuckerhaltigen Pflanzen, die eigentlich Lebensmittel sind, ist völlig verständlich.“ Um Bioethanol der zweiten Generation aus Abfällen herzustellen, seien erste Verfahren relativ schnell entwickelt worden. „Wir forschen daran auch.“ Aber die Prozesse sind aufwändig und kostspielig, und sinkt der Rohölpreis, können sie zu teuer werden. Weshalb es erst wenige Großanlagen zur Herstellung des besseren Biosprits gibt. Verfahren der dritten Generation, in denen Ethanol aus Mikroalgen gewonnen wird, die obendrein das Treibhausgas CO2 binden, ist ein ökologisch vielleicht noch attraktiverer Ansatz. Ferrer-Alegres Abteilung beschäftigt er ebenfalls. „Seine Umsetzung steht weltweit aber noch am Anfang, da hat man es mit chemisch und biologisch sehr komplexen Zusammenhängen zu tun.“

Vorantreiben helfen könne solche Innovationen ein politisch beschlossener Rahmen. Die Strategie der EU für eine „Biowirtschaft“ und eine „Kreislaufwirtschaft“, die über zwanzig Jahre die Abhängigkeit von Erdöl verringern und Ressourcen überhaupt schonen sollen, sei ein wichtiger Schritt. „Doch nicht alle Mitgliedstaaten gehen mit demselben Tempo vor. Die USA steuern unter Donald Trump eher in die entgegengesetzte Richtung, und im Rest der Welt tut sich nicht allzu viel.“ Dabei sei das Problem ein globales. Plastik sei ein weiteres Beispiel: Es nicht aus Öl, sondern aus Zellulose herzustellen, sei technisch möglich. „Aber die Zellulose muss aufgebrochen werden. Das ist aufwändig. Für eine hohe Ausbeute zu sorgen, ist nicht einfach, und ökonomisch kompetitiv gegenüber dem klassischen Prozess zu sein, schwierig.“ Gäbe es einen umfassenden Konsens darüber, in einem bestimmten Zeitraum aus ölbasiertem Plastik auszusteigen, am besten weltweit, „hätte das eine enorme Wirkung auf die angewandte Forschung“.

Mehr Biotechnologie heiße aber auch: „Wir müssen der Öffentlichkeit erklären, was wir tun.“ Generell müsse vor dem Einsatz neuer Prozesse in der Industrie bewiesen werden, dass sie sicher sind. Aber darüber hinaus sei es wichtig, Akzeptanz bei den Leuten zu gewinnen. „In der Biomedizin ist das weniger schwer, da kann man zeigen, dass sie der Gesundheit dient. Geht es um die Umwelt und um Nahrungsmittel, ist das nicht so einfach. Da sind Erklärungen nötig.“

Pau Ferrer-Alegre erinnert an die Debatte um genetisch veränderte Organismen: „Persönlich hätte ich weniger Bedenken, GVO-haltige Lebensmittel zu essen, als angesichts der Vorstellung, dass eine genetisch veränderte Pflanzenart das ökologische Gleichgewicht durcheinander bringen kann.“ Dass in Europa GVO-Soja aus Südamerika als Tierkraftfutter omnipräsent ist, hält Ferrer-Alegre ebenfalls weniger für potenziell gesundheitlich problematisch beim Fleischverzehr, sondern für ökologischen Irrsinn: „Importieren wir Soja aus Brasilien oder Argentinien, entziehen wird dem Boden dort Nährstoffe. Die bringen wir zurück, indem wir Dünger exportieren. Der Transport verbraucht Energie und lässt eine Menge CO2 entstehen. Und um die Sojaproduktion auszuweiten, soll unter Brasiliens neuer Regierung der Regenwald um den Amazonas dezimiert werden.“

Über solche Zusammenhänge und was sie für die Biotechnologie bedeuten, möchte Ferrer-Alegre in Luxemburg gern diskutieren. Ein RTO wie das List müsse das tun und versuche das mit Veranstaltungen wie dem Tag der offenen Tür. Wissenschaft zu diskutieren, sei ihm immer wichtig gewesen. Vielleicht kommt da der Professor wieder zum Vorschein.

Peter Feist
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