Über die Schädlichkeit des Tabaks

Verlebte Leben

d'Lëtzebuerger Land vom 09.06.2005

Ein Auge. Zuerst lugt nur ein Auge aus dem dicken schwarzen Bühnenvorhang heraus. Ein Auge hinter einer Brille mit jenen dicken Gläsern, die den Blick verzerren und irgendwie wässrig erscheinen lassen. Dann kommt er durch die Bühnentür in den Publikumsraum, zögernd zuerst, fast ängstlich in seinem grünen Kittel. Seine Frau, sagt er, habe ihn gebeten, an diesem Tag vor diesem Publikum einen Vortrag zu halten "über die Schädlichkeit des Tabaks". Er habe auch einmal einen Aufsatz "über die Schädlichkeit einzelner Insekten" geschrieben, erinnert er sich, doch den habe er gleich wieder weggeworfen, weil seine Töchter ihn auslachten. Ivan Ivanovic Njuchin (Steve Karier) tritt vor das Publikum und es ist, als sei es eine Befreiung, frei reden zu können. Der Mann, ein Wissenschaftler, Vater von sieben Töchtern, will nach 33 Jahren Ehe mit seiner "geizigen, zänkischen, bösen Frau" nur noch weglaufen, alles vergessen und "einfach nur auf einem Feld stehen wie ein Baum". Immer wieder versucht er, zu seinem Vortrag zurückzukommen, doch immer wieder birst es aus ihm heraus, will er mitteilen, wie verunglückt sein Leben ist. Steve Karier ist phänomenal als Ivan Ivanovic Njuchin, seine ganze Körpersprache, die Gestik, das Augenzucken, das Naserümpfen, mit all seinen Mitteln verkörpert er die gescheiterter Existenz, den Mann, der nie zu Wort kommt, gedemütigt, gebrochen im Schatten einer übermächtigen Frau. Der Text von Tschechovs Einakter Über die Schädlichkeit des Tabaks (1902) ist ein kleines Juwel, in dem sich Tschechovs ewige Themen und Stimmungen von Sehnsucht, Stillstand, Untergang einer Welt und Angst vor einer neuen Welt zwischen zwei Jahrhunderten in Miniaturformat befinden. Trotz dem Hang des Stückes zur Tragikomik ist es Steve Karier gelungen, daraus eher eine hoffnungslose Tragödie zu machen. Am Ende singt Cat Stevens "I’m looking for a hard headed woman" aus den Siebzigern – bevor er Yusuf Islam hieß – und irgendwie schwingt diese Nostalgie wieder mit, die das Kasemattentheater kennzeichnet. Dieses Gefühl, irgendwie sei doch früher alles besser gewesen – auch das Theater? Vor zwanzig Jahren schon hatte dieselbe Mannschaft – mit Germain Wagner, der diesmal nicht dabeisein konnte – Tschechovs beiden Einakter Der Bär und Über die Schädlichkeit des Tabaks im Kasemattentheater aufgeführt. Die Wiederaufnahme mit einem neuen Regisseur (Sebastian Schloesser) ist sozusagen ihr Geburtstagsgeschenk an das Theater und an seinen Leiter Pierre Capesius. Den zweiten Teil des extrem kurzweiligen Theaterabends bildet Der Bär, 1888, eher eine Komödie. Grigorij Stepanovic Smirnov (Steve Karier) bricht in ein von der Trauer erdrücktes Gut herein, überwältigt den alten Dienstboten Luka (Fernand Fox) und überfällt die weinende Witwe Elena Ivanova Popovna (Josiane Peiffer), um sein Geld einzufordern, das der Verstorbene ihm schuldete. Die sieben Monate nach dem Tod ihres Gatten noch immer Trauernde will jedoch davon nichts wissen, hat sowieso das Geld nicht da und schickt den ungebetenen Gast schroff wieder weg. Doch der grobe Smirnov denkt nicht daran, ohne sein Geld abzuziehen, besonders da er es selbst braucht um Schulden zu begleichen. Die beiden steigern sich in Frechheiten hinein und werden immer wütender, bis es zum Duell kommen soll. Eine Frau die duelliert, "das ist die Gleichberechtigung schlechthin“, meint Smirnov voller Bewunderung und beschließt: "aus Prinzip will ich sie abknallen“. Der Bär ist, vom Text her, deutlich uninteressanter als das erste Stück des Abends. Aber er bietet den Schauspielern die Gelegenheit, sich auszutoben, Spaß am Spiel zu haben. Fernand Fox ist eine wunderbare Tschechov-Figur als alter Diener in Filzpantoffeln, dessen Livree von den Mäusen gefressen wurde, und der schon beim Bü¬cken außer Atem gerät – darüber hinaus eine wirklich schöne, minimalistische Szene, wie er 19 rote Kerzen um eine stockdunkle Bühne aufstellt. Steve Karier amüsiert sich sichtlich beim Spucken und Speien, beim Stolzieren und Schreien als grobschlächtiger und aufdringlicher Gutsbesitzer, der „lieber auf einem Pulverfass reitet als mit einem Weibsrock zu reden“. Besonders aber bietet Der Bär ihm und Josianne Peiffer die Gelegenheit zu einem schönen Duell. Auch wenn der Moment, in dem ihre Leidenschaft kippt, nicht richtig nachvollziehbar ist, der Stimmungswechsel zwischen den beiden leider nicht wirklich herausgearbeitet wurde.

Über die Schädlichkeit des Tabaks und Der Bär von Anton Tschechov, in der Inszenierung von Sebastian Schloesser; mit Fernand Fox, Steve Karier und Josianne Peiffer; Inspizienz und Requisiten: Liette Majerus; Licht: Daniel Sestak, wird noch heute abend, sowie am 14., 15., 17. und 18. Juni jeweils um 20 Uhr gespielt. Kasemattentheater, Saal Tun Deutsch, 14, rue du Puits in Luxemburg-Bonnneweg; Kartenreservierung unter Telefon 29 12 81.

 

josée hansen
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