Fahrt nach Weimar

d'Lëtzebuerger Land vom 20.12.2013

Weimar, den 2. Mai 1933

In der ersten Mainacht sind allen kahlen Stangen in ganz Deutschland schwarz-weiß-rote oder hakenkreuzgeschmückte Fahnen und Fähnchen gewachsen. Gleich hinter Wasserbillig geht es an: große Flaggen an den Masten, Fahnen und Fähnchen an den Fenstern, Guirlandenschmuck an den Häusern, Hakenkreuz-Wimpel an den Paddelbooten in der Mosel. Sogar die Boje in der Mosel trägt ein Fähnchen. An den Autokühlern, an den Fahrrädern, an Kirmeswagen des fahrenden Volkes – überall Fahnen, nichts als Fahnen, schwarz-weiß-rote Fahnen, Hakenkreuzfahnen, teils getrennt, teils zu einer Flagge vereinigt. Die Trikolore der Monarchie und darauf geheftet das populäre Hakenkreuz. Wahrhaftig, ein auffallendes Gegenstück zu der italienischen Flagge. Garribaldi heftete das Kreuz von Savoyen auf die populäre Trikolore und das Symbol der italienischen Einheit war fertig.

Die Moseldörfer, die Bahnwärterhäuschen in Flaggenschmuck. Trier im Flaggenschmuck. So geht es weiter bis Frankfurt. Wer sich große Fahnen aus solidem Stoff leisten kann, der tut’s; wer kein Geld dazu hat, der kauft sich wenigstens ein paar Papierfähnchen und steckt sie in die Tannenguirlanden vor seinem Haus. Wem auch dazu das Geld fehlt, der klebt und malt sich aus ein paar Papierfetzen welche zusammen.

Auch Frankfurt noch in reichstem Flaggenschmuck. Ob auch das Goethehaus und das Haus Rothschild schwarz-weiß-rot beflaggt und hakenkreuzgeschmückt waren, weiß ich nicht. Das festzustellen, fehlte mir die Zeit. Sonst sieht man jedenfalls Hakenkreuze überall auf Fähnchen, auf Armbinden, in Schaufenstern neben Naschwerk, Büstenhaltern, photographischem Material, Büchern, usw., im Zentrum der Grammophonplatten, ja, diskret versilbert glänzt es auf dem schwarzen Talar eines katholischen Geistlichen!

In den Zeitungsverlagen viele Photographien: Menschenmassen, die jubelnd die Arme erheben, uniformierte Hitlerleute auf der Rednertribüne mit weit geöffnetem Mund, Fackelzüge, Aufmärsche, Feuerwerk. In Kunsthandlungen das Porträt Hitlers in allen Größen, Preisen und Ausführungen. In einem Konditoreischaufenster Hitler in Marzipan, fast lebensgroß. Am Eingang zum Abort im Hauptbahnhof welkes Birkenlaub und Papierfahnen mit Hakenkreuzen. Und auch hinter Frankfurt wird der Flaggen, Guirlanden, Ehrentore kein Ende. Beflaggt sind die thüringischen Dörfchen, beflaggt sind die Burgzinnen auf der Höhe, beflaggt die Mühlen im Tal. Beflaggt auch das winzigste Gartenhäuschen in dem kleinsten Schrebergärtchen von Frankfurt.

Beflaggt und geschmückt ist auch unsere Lokomotive, auf deren Puffer mit Kreide die bekannte Rune gezeichnet steht. Auf ein Fähnchen hat ein Spaßvogel allerdings einen Papierbecher aus Pappe gestülpt. So steht eine Maifahrt in Deutschland mehr im Zeichen der Flagge und des Hakenkreuzes, als im Zeichen der Baumblüte und des frischen Laubes. Und manche junge Farne mußten der nationalen Revolution ihr Leben opfern. Und manches junge Birkengrün welkt jetzt auf rußigen Bahnhöfen.

Leipzig, 14. Mai 1933

Das deutsche Theater ringt schwer um seine Existenz. Kino und Tanzdiele und Variété teilen sich mit ihm in die Kundschaft. Mehr als einmal wird bei halb leerem Saal gespielt.Heute aber hatte das Alte Theater einen guten Tag: die „Nationalsozialistische Bühne“ gab ein Gastspiel. Gespielt wurde Der Wanderer von Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels. Ein Prolog, acht Bilder und ein Epilog.

Im Prolog begegnet der Wanderer dem Dichter und führt ihn zu den Menschen. Was er ihm dort zeigt, sieht man in den 8 Bildern (7 Zwiegespräche und ein Monolog). Die Szenen werden untereinander durch die Erklärungen einer „Stimme aus dem Dunkeln“ verbunden.

Bild: Armut. Eine Arbeitslosenfamilie. Hunger, Elend, ohne die geringste Aussicht auf Sattessen, auf bessere Zeiten. Das Kind stirbt vor Hunger in der Wiege, vor den Augen der hungernden Eltern. Die Mutter flucht Gott, dem Gott der Reichen, dessen Zuchtwerke Paläste verschont und nur Hütten und Mietskasernen aufsucht. Der Vater sorgt sich darum, wie er das Geld für kleinen Sarg beschaffen soll.

Die Kirche. Es handelt sich - wenigstens bei der Leipziger Aufführung - um die katholische Kirche. Ein junger Kaplan, der revolutionäres Feuer in der Brust hütet, hat gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung gepredigt. Er wird zum Dechant gerufen und dem gelingt es, den jungen Kaplan umzustimmen, dadurch, daß er ihm mit Absatz droht.

Industrie. Der Industriekapitän läßt einen Streik blutig unterdrücken. Es gibt 12 Tote und viele Verletzte. Das alles erträgt der Industriekapitän kühlen Herzens, er billigt es, freut sich über seinen Sieg. Gemeiner denken wie dieser Mensch sich äußert, kann man überhaupt nicht. Goebbels Stück ist ein Bild - soll ein Bild sein - von dem Gesellschaftszustand und dem Kriege vor der nationalen „Revolution“. Es soll also typische Szenen wiedergeben, seine Gestalten sollen repräsentativ sein für eine ganze Gesellschaftsklasse. So gemein stellt sich der Nationalsozialist also den Arbeitgeber vor. Und doch will er jetzt Arbeiter und Unternehmer brüderlich zusammenschließen!

Börse. Hr. Goebbels scheint jedenfalls sehr legendäre Vorstellungen der Börse zu haben. In zwei Minuten läßt er durch Verbreitung eines Gerüchts, Aktien von 40 allmählich auf 8 sinken, und von 8 wieder auf 70 steigen! Selbstverständlich steht der Börsenspekulant mit den kommunistischen Arbeiterführern in Verbindung. [...]

Goebbels Stück ist ein Gemälde in grellen Farben; eine Reihe scharf kontrastierter Gemälde. Wenn man das Epilog fortlassen würde, in den einzelnen Bildern ein paar Namen wechselte, so könnte es ebenso gut ein Sozialist, ein Kommunist, überhaupt einer der mehr Gerechtigkeit in die Welt hineinbringen will, geschrieben haben, wie ein Nationalsozialist. Bloß, die Farben sind zu grell, Herr Goebbels sieht zu schwarz. Übrigens, jetzt wo die nationale "Revolution" gesiegt hat, kann Herr Goebbels ja ein neues Stück schreiben, ein Gegenstück zu dem "Wanderer" und dann zeigen, wie jetzt alles anders geworden ist; keiner mehr Hunger leidet, in der Kirche wohlgeordnete Zustände bestehen, wie der Industriekapitän seine Gewinngier verloren hat, er aber Arbeitern die Hand zur Arbeitsgemeinschaft reicht, wie an der Börse die Kurse gefestigt sind, wie die Dirnen "aus Straße und Salon" verschwunden sind, wie statt der Partei die sanfte Geselligkeit herrscht und wie in der Regierung alles so fein stimmt, und das alles bloß, weil jetzt die Hakenkreuzfahne über Deutschland weht.

Nach dem Stück wird begeistert Beifall geklatscht. Die Schauspieler erscheinen und grüßen faschistisch. Mit Faschistengruß antwortet die Versammlung. Die hakenkreuzgeschmückte Maid neben uns - sie trägt eine Brille auf der Nase und ein Golddiadem in den Haaren - kann sich nicht genug tun an Beifall klatschen.

Auszüge der unveröffentlichten Tagebuchnotizen Carlo Hemmers aus dem Jahr 1933, Abschrift durch Ed Sinner. Die Notizbücher können im „Nachlass Carlo Hemmer“ eingesehen werden und sind im Centre national de littérature in Mersch archiviert
Carlo Hemmer
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