Weinbauforschung

Zukunftsplanung

d'Lëtzebuerger Land vom 11.11.2011

„Der Klimawandel ist auch in Luxemburg deutlich festzustellen“, sagt Jürgen Junk von der Umwelt- und Agrar-Biotechnologie-Abteilung am CRP Gabriel Lippmann in Beles. Ab 2050 werde es eindeutig wärmer, zeigen Junks Klimamodelle, Forschungsergebnisse, die auch für die Winzer an der Luxemburger Mosel von Interesse sind. Die Aufregung nach den frostigen Nächten im späten Frühling dieses Jahres war groß, in verschiedenen Lagen wurden hohe Spätfrostschäden befürchtet. Junks Simulationen zeigen: Auch wenn die Vegetationsperioden aufgrund der Klimaerwärmung im Frühling eher einsetzen und im Herbst später enden – mit lokalen Spätfrostschäden müssen die Winzer bis 2040 rechnen.

Dass danach nicht nur die Temperatur steigt, sondern die wahrscheinlich gleich bleibende Jahresniederschlagmenge sich anders über das Jahr verteilen wird als jetzt, die Winter feuchter und die Sommer trockener werden – auch das ist für die Winzer eine nicht unwichtige Information. „Welche Rebsorten sind diesen Bedingungen angepasst?“, fragt Lucien Hoffmann, Chef der Abteilung Umwelt und Agrar-Biotechnologie. Eine Frage, in der die Winzer bereits in naher Zukunft Entscheidungen treffen müssen. Reben tragen erstmals drei Jahre nach der Pflanzung, danach wird der Weinberg 30 bis 40 Jahre lang bewirtschaftet. Höchstens eine Rebengenera-tion trennt die Winzer von dauerhaft anderen Klimabedingungen. „Eine Buche steht 80 oder 100 Jahre“, verweist Hoffmann auf die Forstwirtschaft, für die solche Forschungsergebnisse ebenfalls wichtig sind. Unter anderem um genauere Vorhersagen über das Spätfrostrisiko für die verschiedenen Mosellagen machen zu können, in denen die Temperaturunterschiede auf relativ kleinem Raum bis zu drei Grad Celsius betragen können, arbeitet man im CRP daran, das Raster der Klimamodelle von aktuell 25 Kilometer auf ein bis einenhalb Kilometer zu verfeinern. Mitte nächsten Jahres müssten die Ergebnisse vorliegen, sagt Junk.

Dabei beschränkt sich die Weinbauforschung im CRP Lippmann nicht auf die Anwendung von Klimaforschungsergebnissen. Zusammen mit dem Weinbauinstitut in Remich führt das CRP seit 2007 Projekte durch, deren Fragestellung auf Problemen der Winzerschaft basieren und darauf abzielen, den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Drei Jahre lang testeten die Forscher die Wirksamkeit von Bioregulatoren und Entblätterungsmaßnahmen im Hinblick auf die Vermeidung von Krankheiten. Wenn die Reben, wie bei Burgundersorten, also „Pinot“-Reben, sehr kompakte Trauben haben, drücken sich die Beeren beim Wachsen gegenseitig ein, platzen auf und bieten ideale Bedingungen für Fäulnisbefall, erklärt Danièle Evers. „Die Bioregulatoren“, fährt sie fort, „sind natürliche Hormone, die während der Blüte gesprizt werden.“ Dadurch treibt die Pflanze einige Beeren ab, die Trauben sind „lockerbeeriger“, wie die Forscherin sagt.

Werden die Reben dazu noch zum richtigen Zeitpunkt in der Traubenzone entblättert, wirkt das noch verstärkend auf die Lockerbeerigkeit, zeigen die Versuche. Dann nämlich verwendet die Pflanze vermehrt Energie auf die Bildung neuer Blätter anstatt auf den Traubenwuchs. Sind die Trauben durch den Einsatz der Bioregulatoren weniger kompakt und zudem durch die Entblätterung besser belüftet, was ein schnelleres Trocknen nach Niederschlägen ermöglicht, bietet das laut Evers „angemessenen Schutz“ vor Botrytis-Befall: 75,4 Prozent mehr als bei den Vergleichsreben. „Heute ist die Entblätterung an der Luxemburger Mosel fast Standardmaßnahme“, lobt sie die Winzer, denen durch die Entblätterung nicht nur Mehrarbeit, sondern auch Ertragseinbußen zwischen zehn und 15 Prozent entstünden.

Ähnliche Maßnahmen wurden auch schon im Ausland getestet. Doch solche Resultate lassen sich nicht einfach übertragen, erklären Evers und Hoffmann. Deswegen seien Tests in den heimischen Lagen, mit den heimischen Sorten unerlässlich. Sie führt das CRP stets in Zusammenarbeit sowohl mit Kooperativen als auch mit Privatwinzern durch. So auch das aktuelle Projekt, in dessen Rahmen Bodenbearbeitungstechniken im Weinberg verglichen werden. Die Forscher gehen der Frage nach, ob offene Böden zwischen den Rebreihen oder eine Begrünung mit Gras oder so genannten blühenden Mischungen besser geeignet sind, den Humusgehalt der Erde zu erhalten und der Erosion in den Hängen entgegenzuwirken. „Es gibt deutliche Unterschiede“, verrät Evers. Die sollen zunächst noch im dritten Projektjahr bestätigt werden, bevor sie veröffentlicht werden.

„Fundamentale Forschung“, erzählt Hoffmann, betreibe am CRP Lippmann ein Doktorand in Zusammenarbeit mit der Forschungsanstalt Geisenheim und der Universität Gießen. „Er untersucht die Reaktion zwischen Pilz und Weinpflanze auf Molekularniveau“, erklärt er den Forschungsansatz. Dabei gehe es darum, herauszufinden, wie sich die Pflanze gegen den Erreger, in diesem Fall der falsche Mehltau, wehrt und welche Gene für die Abwehrreaktion verantwortlich sind, ergänzt Evers. Zudem werden die Pflanzen, vereinfacht ausgedrückt, geimpft. Mit natürlichen Substanzen, zum Beispiel auf Basis von Algenextrakten, lasse sich die Abwehrreaktion der Pflanzen verstärken, so dass sie besser gegen einen Krankheitsbefall gewappnet sind.

Denn wer weniger Fäulnisbefall im Weinberg, also gesündere Pflanzen, hat, hat bessere Aussichten, die Weinqualität zu steigern und Fehltöne zu vermeiden. „In den Jahren 2000, 2005 und 2006 kam es zu Fehltönen in Wein, die mit erdig, muffig und Champignon bezeichnet wurden“, so Evers. Fehltöne, die, wie die Forscher festgestellt haben, auf eine Interaktion der Pilze zurückzuführen sind, von denen die Trauben im Weinberg befallen sind. Zwei Pilze konnten die Forscher isolieren: Botrytis cenerea und Penicillium expansum.

Deswegen haben die Forscher des CRP einerseits Filter getestet, mit denen die Moleküle, die die Fehltöne verursachen, aus dem Most herausgefiltert werden können und gute Ergebnisse mit Zeolith-Filtern aus Ton erreicht. Der Haken: „Die Winzer dürfen sie nicht benutzen“, räumt Evers ein. Damit sich das ändert, läuft derzeit bei der Organisation interna-tionale de la vigne et du vin in Paris ein Zulassungsverfahren für die Filter. Die Forscher hoffen, dass es in weniger als fünf Jahren abgeschlossen sein wird. Erst dann wäre der Einsatz erlaubt. Andererseits suchen sie im Most nach Früherkennungszeichen für solche Fehltöne, so genannten Markern. Denn oft lässt sich nach dem Pressen der Trauben durch Geruchsproben alleine noch gar nicht feststellen, ob es Fehltöne geben wird oder nicht. Deswegen sollen chemische Tests von Proben künftig die Früherkennung erlauben. Keine leichte Aufgabe. „Das ist eine komplexe Sache, mit dem Most. Weil er so viel Zucker enthält und weil die Hefe Wechselwirkungen mit anderen Stoffen verursacht“, berichtet Evers aus dem Labor. Dort musste sie für ihre Tests in den vergangen Jahren Wein mit Fehltönen anreichern, um sie herauszufiltern. „Seit wir angefangen haben, gab es keinen Jahrgang mehr mit solchen Fehltönen. Aber das ist eigentlich gut so“, freuen sich Evers und ihre Kollegen.

Michèle Sinner
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