Autogaragen ohne Markenanbindung gibt es immer seltener. Dabei hat der Service einer „freien“ Garage auch seine Vorteile. Nicht zuletzt beim Preis. Eine Erkundung

Mit dem Laptop auf Fehlersuche

d'Lëtzebuerger Land vom 30.01.2015

„Manche denken, eine Garage ohne Markenbindung wäre nicht so gut wie eine mit. Dabei liegt unsere Stärke gerade darin, dass wir uns mit ganz unterschiedlichen Marken auskennen“, sagt Frédéric Feller und nickt zur Bekräftigung mit dem Kopf. Der Meachnikermeister und Besitzer der Garage Feller Sarl in Esch sitzt in grauer Jeans und grauem Sweatshirt in seinem Büro. Klein ist er, fast schmächtig, auf dem ersten Blick würde man ihm das Wuchten von Motoren gar nicht zutrauen. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, aber links stehen volle Regale mit schweren Aktenordnern, in der Ecke rechts befindet sich ein älteres Kopiergerät. Auch das übrige Inventar sieht aus, als habe es ein paar Jahre auf dem Buckel: Die Farben taubengrau, schwarz, dunkelgrün und blau überwiegen, so wie es in den 1990-ern vielleicht modern war, aber Tische und Stühle sind gepflegt und gut erhalten.

„Ich bin seit 30 Jahren im Geschäft. Seitdem hat sich vieles geändert“, erzählt Feller und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Die Werkstatt hat der gelernte Automechaniker von seinem Vater übernommen. Er kam aus Frankreich zunächst nach Schifflingen, wo er eine Tankstelle betrieb. Später zog er mit der Familie nach Esch, öffnete die Autowerkstatt und vererbte die Garage dann an seinen Sohn Frédéric.Damals waren Grundstücke noch erschwinglich, das kleine Familienunternehmen befindet sich in bester Lage direkt am Boulevard Prince Henri. Die Escher Garage war von Anfang an an keine Automarke gebunden. „Wir haben einen Technik-Partner, das ist Bosch, die bieten Rundum-Werkstattservice“, sagt Feller. Es klopft, ein Mann im blauen Overall steckt den Kopf zur Tür hinein: „Chef, ich habe beim Corsa nichts gefunden.“ „Hast du auch die Ölzufuhr geprüft?, fragt Feller. „Ja, aber da ist es nicht“, so der Mitarbeiter. „Dann müssen wir vielleicht eine neue Pumpe installieren?“, schlägt Feller vor. „Ich schau mir das nachher an.“

Die Entscheidung, wie weit eine Fehlersuche geht, trifft der Chef. Er allein entscheidet, ob kostspielige Ersatzteile bestellt werden, wann ein oder nicht. „Das ist nicht ohne finanzielles Risiko, denn manchmal bestellt man ein Ersatzteil, und der Fehler liegt doch woanders.“ Bevor Feller eine aufwändigere Reparatur tätigt, telefoniert er mit dem Besitzer, um mit ihm die Vorgehensweise zu besprechen. Dass Kunden von hohen Rechnungen überrascht werden, will Feller unbedingt vermeiden. „Ich erkläre meinen Mitarbeitern immer: Stellt euch vor, es ist euer Auto. Dann wollt ihr auch mitreden und nicht plötzlich mit einer horrenden Rechnung dastehen. Der persönliche Kontakt ist unser Vorteil.“ Deshalb werde jeder Schritt mit dem Kunden abgesprochen. Die individuelle Beratung zahlt sich aus: Neukunden kommen wieder und empfehlen die Garage weiter. Über Arbeit kann sich Feller nicht beklagen.

Die anhaltende Krise macht sich dennoch auch in seinem Geschäft bemerkbar: „Die Kunden wollen genauer wissen, welche Kosten auf sie zukommen.“ Manch einer behält seinen Wagen nun länger als früher, fährt mehr Kilometer damit. Wieder andere Kunden beanstanden mit einem Mal Preise, die sie gestern noch ohne Fragen bezahlt hätten. „Sicher kommt es vor, dass der eine oder andere Kunde ausfällig wird. Aber wir versuchen, freundlich zu bleiben und das klappt meistens.“ Diskussionen seien selten. „In der Regel ist unser Preis-Leistungsverhältnis besser als bei den Markengaragen. Das ist unser Vorteil“, verspricht Feller.

Ohne Markenbindung zu sein, heißt aber nicht, dass die Garage nicht auch einen Golf 6 oder den neuesten Mercedes reparieren würde und Kunden nur ältere Autotypen bringen. „Unsere Kunden kommen von überall her. Wir haben hier Autos, die ein Jahr alt sind, gerade so wie Oldtimer”, sagt Feller und zeigt wie zum Beweis auf einen silbernen Peugeot neueren Baujahrs. Mittlerweile haben wir das Büro im gelben Hauptgebäude verlassen, Feller führt uns durch die Garage. Durch ein hohes Eingangstor, über das in roten Buchstaben der Schriftzug Feller und zwei Shell-Reklamen prangen, geht es an der Annahme links vorbei in eine große Halle mit mindestens fünf Meter hohen Decken. Es riecht nach Öl, von irgendwoher dudelt leise Radiomusik. Es ist kühl, der Januar macht sich bemerkbar. „Im Winter sind es immer um die 14 Grad. Das häufigste Kommando, das ich meinen Mitarbeitern gebe, lautet: Tür zu!“, sagt Feller und lacht. Gegenüber vom Einfahrtstor befindet sich ein zweites Tor. Feller öffnet es per Knopfdruck: Dahinter liegt ist ein großer Parkplatz voller Autos. „Hier parken wir die fertigen Autos.“ Er zeigt auf einen kastenförmigen grauen Citroën Typ H Kleintransporter: „Manchmal bekommen wir richtige Schmuckstücke von Sammlern.“

Wir gehen zurück durch die Garage zum Empfangsbereich. Hier nimmt die Sekretärin die Anrufe der Kunden entgegen. Hinter dem Empfang liegt ein weiterer Raum, „Erics Reich“, wie Feller scherzt. Vorarbeiter Eric sitzt unter einer kleinen Lampe über ein Buch gebeugt. Der Vorarbeiter kümmert sich um die Bestellungen der Ersatzteile. Die Regale in dem dunklen Raum stehen dicht gedrängt und sind voll mit Auspuffteilen, Riemen, Schrauben. In einer kleinen Nische mit Fenster zur Werkhalle steht eine transportable Computerkonsole. Größer und schwerer als ein gewöhnlicher Tablet-PC. „Den brauchen wir, denn die Autos sind zunehmend digitalisiert.“ Das Gerät wird mit einem Kabel an das Auto angeschlossen. „Jedes neue Auto verfügt heutzutage über so einen Anschluss.“ Jeder Wagentyp hat sein spezielles Bedienungsprogramm. „Die Software zeigt uns mögliche Fehlerquellen an.“ Die Programme kauft Feller beim Hersteller. Die Ersatzteile für Reparaturen werden hingegen beim Großhändler bestellt, der Ersatzteile von Firmen betreibt, die identische Teile herstellen. „Die Qualität ist mit dem Original vergleichbar“, betont Feller. Ramschware gebe es bei ihm nicht. Das erlaube es, andere, günstigere, Preise bieten zu können. „Bei den Marken bezahlen Sie ein ganzes kommerzielles Programm dahinter“, weiß Feller.

Direkt unter dem Computer stehen daumendicke Bücher von Bedienungsanleitungen, auf die jemand mit Kugelschreiber Markennamen von Audi über Fiat bis hin zu Renault gekritzelt hat. „Mit den Wälzern haben wir früher gearbeitet. Wenn wir nicht weiterwussten, haben wir Details über elektrische Schaltkreise und ähnliches dort nachgeschlagen“, erinnert sich Feller. „Heute hat jede Marke ihre eigene Internetplattform, man kann Module kaufen und sogar Fragen loswerden.“ Die fortschreitende Digitalisierung habe den Mechanikerberuf drastisch verändert. „Früher war der Beruf sehr manuell und körperliche Schwerstarbeit. Heute sind zunehmend Computerkenntnisse gefragt.“ Von den acht Mechanikern und Elektrikern, sowie zwei im Autoverleih, arbeitet der Großteil seit vielen Jahren bei ihm. „Die Lohnkosten in Luxemburg sind nicht ohne, aber wer gute Leute halten will, muss ihnen etwas bieten“, sagt Feller. Ein Lehrling schraubt einem blauen Peugeot neue Reifen auf, ein Mann mit graumeliertem Schopf schaut ihm über die Schulter. „Ich versuche, den Jüngeren einen erfahrenen Mann an die Seite zu stellen. Die ergänzen sich.“ Außer der Sekretärin ist die Garage ein reiner Männerbetrieb. „Ich will nicht sagen, dass Frauen nicht auch Autos schrauben können, aber heute ist es sicher einfacher für sie als früher“, meint Feller. Mittlerweile sind wir aus dem Lager vorbei am Empfang zurück in die Garage gegangen.

Drei Werkplätze befinden sich auf der linken Seite und zwei auf der rechten Seite. Hinten an den Wänden hängen in diversen Größen unzählige Werkzeuge, Kneifzangen, Klemmen, Knarren, Inbusschlüssel – und natürliche der obligatorische Schraubenschlüssel. In großen Fässern werden Altöl und andere Abfallstoffe gelagert. Von den Decken hängen Kabelwinden herab und überall wird gehämmert und geschraubt. Auf einer Hebebühne ist ein feuerroter BMW aufgebockt, rechts daneben schrauben zwei Mechaniker an einem weißen Transporter, nur ihre Beine ragen unter dem Auto hervor, sie klopfen und rufen einander Anweisungen zu. Der Mitarbeiter am BMW schaut mit Kopflampe unter die Karosserie, mit einem großen Schraubdreher schraubt er an der Achse. „Da ist der Fehler“, brummt er knapp. Ob er die Arbeit mag: „Ja“, nickt er. Und die neuen Autos mit ihrer Digitaltechnik? „Die mag ich nicht so, Computer lerne ich nicht mehr”, sagt er und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.

„Heute muss ein guter Mechaniker beides können: gut schrauben und Software bedienen“, sagt Feller. Er ärgert sich, dass der Beruf in Luxemburg oft so einen schlechten Ruf hat: „Oft werden junge Leute auf den Beruf hingewiesen, die gar kein echtes Interesse daran haben. Weil sie sonst nichts können, schickt man sie zu uns. Aber auch ein guter Mechaniker muss Manieren haben, kreativ denken und sich fortbilden. Das Wissen wird immer spezialisierter.“ Fünf Tage Fortbildungen habe er allein im letzten Jahr besucht, um Lehrlinge ausbilden zu können, sagt Feller mit Nachdruck: „Und ich habe über 30 Jahre Erfahrung.“ Auf die Frage, ob freie Garagen eine Zukunft haben, wenn immer mehr Autos mit digitaler Technik ausgerüstet sind und komplizierte Reparaturen fast nur noch mittels hochspezialisierter Computerprogramme geschehen?, antwortet Meister Feller: „Das fragen wir uns auch in regelmäßigen Abständen – und sehen Sie, es gibt uns immer noch!“

Ines Kurschat
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