Kulturpolitik

Bronzen für Benin

d'Lëtzebuerger Land vom 07.12.2018

Wo ist der Glaube an das Gute geblieben? Dass der französische Präsident ihnen Gutes will, wollen viele Afrikaner nicht glauben. Manche vermuten Machtspiele: Angesichts von Chinas Vormarsch wolle Frankreich sein miserables Image aufpolieren. Oder Ablenkungsmanöver: lieber ein paar Masken zurückgeben als über Ausbeutung und Schulden verhandeln. Andere vermuten, Afrikas Kunst sei den Europäern nicht mehr wichtig; sie wollten die Erinnerung an die Kolonialzeit loswerden. Der Philosoph Achille Mbembe aus Kamerun argwöhnt, Museumsstücke sollten jetzt wie Flüchtlinge abgeschoben werden.

Emmanuel Macron hatte vor einem Jahr Kolonialismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. In einer Rede in Ouagadougou, Burkina Faso, kündigte er an, „innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Kulturerbes an Afrika“ zu schaffen. Macron twitterte: „Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen sein.“ Im März 2018 bestellte er dazu eine Studie von Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin und am Collège de France, und von Felwine Sarr, einem Ökonomen aus dem Senegal.

Am 20. November veröffentlichten Savoy und Sarr nun ihren Bericht. Auf 240 Seiten erläutern sie, wie Kulturgüter aus Afrika geraubt oder „unter unfairen Bedingungen“ angeeignet wurden. Über 90 Prozent des afrikanischen Erbes befinden sich heute außerhalb des Herkunftskontinents. Rund 100 französische Museen haben schätzungsweise 90 000 Objekte aus Afrika südlich der Sahara. Davon hütet allein das Musée du Quai Branly 70 000 Stück. Für das Prestigeprojekt von Präsident Jacques Chirac waren im Jahr 2006 verschiedene Völkerkunde-Sammlungen in Paris vereint worden.

Um „das kulturelle Ungleichgewicht etwas auszugleichen“, empfehlen die Wissenschaftler einen Drei-Stufen-Plan: Bis Ende 2019 sollte Plünderungs- und Kriegsbeute zurückgegeben werden. Für einen „intensiven Dialog“ bis Ende 2022 sollten afrikanische Institutionen die Inventare französischer Museen bekommen. Danach solle die eigentliche Rückgabe erfolgen, auf Antrag. Voraussichtlich würden nur einzelne, besonders symbolträchtige Kulturgüter zurückgefordert. Gesetze, die Veräußerungen aus nationalen Sammlungen verbieten, seien zu ändern. Die Beweislast sei umzukehren: Die reichen französischen Museen müssten einen ethisch akzeptablen Erwerb nachweisen, nicht arme Afrikaner den Raub.

Umgehend kündigte Präsident Macron an, „alle möglichen Formen der Zirkulation dieser Werke“ zu prüfen: „Rückgaben, aber auch Ausstellungen, Austausch, Leihgaben, Kooperationen usw.“ Zuerst sollen an Benin „ohne Verzögerung“ 26 Objekte zurückgehen, die französische Soldaten 1892 im Königspalast in Dahomey eingesackt hatten: Throne, Zepter, Statuen. Außerdem müsse man „vertieft“ mit anderen europäischen Staaten zusammenarbeiten, die ähnliche Sammlungen unter vergleichbaren Bedingungen erworben haben: Im Frühjahr 2019 sollten sich in Paris „alle afrikanischen und europäischen Partner versammeln, um gemeinsam diese neue Beziehung und Politik des Austausches aufzubauen“.

Frankreichs Nachbarn sind peinlich berührt. In Brüssel wird nach jahrelangem Hickhack am 9. Dezember das Königliche Afrika-Museum in Tervuren neu eröffnet: 180 000 Objekte, meist aus dem Kongo, kaum fair erworben. Museumsdirektor Guido Gryseels erklärte eilig, er sei „froh, dass das Thema auf die Tagesordnung kommt“. Im Kongo gebe es aber keine Infrastruktur, keine Aufbewahrungsorte: „Es bringt nichts, zu sagen, alles soll zurück nach Afrika.“ Die belgische Regierung will nun die Provenienz-Forschung verstärken und erst einmal eine Arbeitsgruppe bilden.

Deutschland kommt die Debatte ganz ungelegen. Mitten in Berlin wird gerade das Stadtschloss wieder aufgebaut. Da man lange nicht wusste, wozu eigentlich, werden Völkerkundemuseen vom Stadtrand dorthin umgesiedelt: allein aus Afrika 75 000 Objekte. Den Expertenbeirat hatte Bénédicte Savoy im vergangenen Jahr mit Eklat verlassen: „Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft.“ Darauf versprachen CDU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag „die Aufarbeitung des Kolonialismus“. Ende 2019 soll der erste Teil des Humboldt Forums eröffnet werden, als „internationale Dialogplattform für globale kulturelle Ideen“.

Bei der Rückgabe von Raubkunst gibt es rechtliche und weitere Schwierigkeiten. Man weiß nicht einmal, wie man diese Leute, die ihr Zeug wiederhaben wollen, nennen soll. „Neger“ sagt man nicht mehr. „Dritte Welt“ und „Entwicklungsländer“ sind auch bäh. Vielleicht „die da unten“? Der Deutsche Kulturrat, eine Dachorganisation von mehr als 250 Kulturverbänden, spricht von „den Ländern des globalen Südens“. Wie man mit ihnen „partnerschaftlich zusammenarbeiten“ und auf Macrons Inititative reagieren soll, das alles und viel mehr werde demnächst im zuständigen Fachausschuss beraten.

Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain. Vers une nouvelle éthique relationnelle von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy ist als Buch von den Éditions du Seuil zu haben – und im Internet (auch auf Englisch) unter restitutionreport2018.com

Martin Ebner
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