Nuklear-Exporte

Das bisschen Atommüll

d'Lëtzebuerger Land vom 11.11.2010

Was für ein Zufall. Gerade ist unter tausendfachen Protesten von Atomkraftgegnern der letzte Castor-Behälter mit hoch radio-aktivem Atommüll in das Zwischenlager Gorleben in Deutschland gerollt, da hat die Europäische Kommission ihren Direktivenvorschlag für gemeinsame Standards im Umgang mit Atommüll vorgelegt. EU-Staaten sollen künftig ihren Atommüll nicht mehr in Drittländer exportieren dürfen, sondern wären angehalten, sämtliche nuklearen Abfälle im eigenen Land tief unter der Erde endzulagern. Auch Länder, die keine eigene Nuklearproduktion haben, sollen nach Verabschiedung der Direktive (voraussichtlich 2011) binnen vier Jahre detaillierte Pläne und Programme vorlegen, wie sie mit ihren Atommüll umzugehen gedenken.

„Das würde uns kein großes Kopfzerbrechen bereiten“, ist Patarick Majerus vom Strahlungsschutz im Gesundheitsministe-rium überzeugt. Luxemburg hat kein Atomkraftwerk, Bilder von Demonstranten, die Gleise blockieren und sich mit Polizeikräften ein Katz-und-Maus-Spiel liefern, um die gefährlichen Transporte zu verhindern, sind hierzulande also unwahrscheinlich.

Eine nuklearfreie Zone ist Luxemburg, Sitz der Europäischen Atombehörde Euratom, aber nicht. Radioaktive Abfälle entstehen hierzulande vor allem in der Medizin (Röntgen), in der Forschung oder in der Industrie, etwa beim Einsatz der radiometrischen Füll-standsmessung, oder in der Flughafensicherung. Es ist noch nicht lange her, dass in Gebäudeblitzableitern ionisierendes Radium eingesetzt wurde. Seit 1996 ist ihr Einsatz verboten, aber der Gesetzgeber hat die Demontage nicht verpflichtend gemacht, son-dern den Auslauf reguliert. Der Direktivenvorschlag schließt diesen Abfall mit ein und schreibt eine Endlagerung im eigenen Land vor. Allerdings sollen auch bilaterale Abkommen zwischen EU-Ländern weiterhin möglich bleiben. Frank-reich und Deutschland etwa koope-rieren in der Atommülllagerung.

Luxemburg, das selbst über keine Lager für radioaktive Abfälle verfügt, hat daher 2000 ein bilaterales Abkommen mit Belgien abgeschlossen. Es sei, sagt das Gesundheitsministerium, das einzige dieser Art in Europa. Jährlich 100 Liter nuklearen Abfall kann die luxemburgische Regierung in Belgien laut Abkommen deponieren lassen. „Davon haben wir in den vergangenen zehn Jahren drei Mal Gebrauch gemacht“, sagt Majerus. Dafür wird das Material in feuerlöschergroße strahlungssichere Behälter verpackt und dann im LKW nach Belgien transportiert.

„Das meiste Material, das wir bekommen, ist eher schwach radio-aktiv und fällt in die Kategorien drei und vier“, sagt Majerus. Die Kategorien unterscheiden nuklearen Abfall nach Strahlungsaktivität und Gefahrenlage, Abfälle der Kategorie 1 fallen in Luxemburg praktisch nicht an. Überhaupt muss jede Klinik, jedes Forschungs-labor und jedes Unternehmen, das mit nuklearem Material arbeiten will, eine Genehmigung beim Staat anfragen und strenge Sicherheitsvorkehrungen treffen. Die zuständige Abteilung Strahlenschutz inspiziert die Einrichtungen vor der Inbetriebnahme, das Gesetz sieht regelmäßige Kontrollen vor.

Die Land-Frage, ob die Luxemburger Strahlenschutzexperten denn auch die Zwischenlagerung in Belgien in den zehn Jahren seit Bestehen der Kooperation überprüft hätten, verneint Majerus. Das sei sicher„möglich“, beteuert er. Die Zusammenarbeit mit den belgischen Behörden sei hervorragend und man habe „diverse Sitzungen gehabt“. Müsste angesichts des Strahlenrisikos mit Zerfallszeiten von bis zu 500 Jahren und der politischen Brisanz der Atommüllfrage nicht die Devise gelten: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? „Unser Abfall fällt da kaum ins Gewicht“, winkt Majerus ab. „Ein Gramm eines Castor-Transportes strahlt stärker als unser Müll zusammengenommen.“

Der hoch radioaktive Müll im Castor-Behälter wird in Gorleben tief unter der Erde verwahrt. Und die schwächeren Abfälle aus Luxemburg? Wie lange werden sie wo genau zwischengelagert und was geschieht danach? Konkrete Pläne für Endlager gibt es laut Kommissionsbericht bisher nur in Frankreich, Finnland und Schweden. Deutschland hat sein umstrittenes Endlager-Programm zwischenzeitlich gestoppt. Erste Untersuchungen für die belgische Standortsuche seien im Gange, sagt Patrick Majerus. Ein Anruf bei der Pressestelle des zuständigen Organisme national des déchets radioactifs et des matières fissiles enrichies (Ondraf), um weitere Informationen über die Lagerung zu bekommen, bleibt ohne Erfolg: Das Büro ist wegen Ferien geschlossen.

Ines Kurschat
© 2017 d’Lëtzebuerger Land