2020 könnte an der Uni ein Bachelor in Medizin starten

Verhandlungssache

d'Lëtzebuerger Land du 02.06.2017

Am 22. März hielt der Regierungsrat fest: Ab der Rentrée 2020 „könnte“ die Universität Luxemburg einen Bachelor-Studiengang in Medizin anbieten. Zwei Jahre vorher soll – nicht könnte – sie in die Spezialisierung zum Facharzt für Neurologen und Onkologen einsteigen. Mehr als zwei Jahre lang hatte die Regierung diese Entscheidung vor sich her geschoben. Schon Ende 2013 lag an der Uni ein Konzept für eine „Luxembourg Medical School“ vor und die ersten Curricula dafür waren geschrieben. Dieser Plan ging davon aus, nicht nur den Bachelor, die ersten drei Jahre in der Medizin, einzurichten, sondern das volle sechsjährige Grundstudium bis zum Master. Doch so weit wollte Bildungsminister Claude Meisch (DP) sich damals noch nicht festlegen. Er sagte lediglich zu, die Uni erhalte „im Laufe des Jahres 2015 eine Antwort von der Politik“. Daraus wurde dann das Frühjahr 2016, später Ende 2016, und anschließend legte „die Politik“ sich terminlich lieber nicht mehr fest.

„Ich bin überhaupt nicht enttäuscht, dass wir erst einmal nur den Bachelor machen“, sagt Ludwig Neyses dem Land. Der Medizinprofessor und Forschungs-Vizerektor von Uni.lu ist der Vordenker der Medical School. „Es besteht ja“, sagt er, „die Möglichkeit, dass der Master dazu kommt. Die Medical School ist nicht etwa ad acta gelegt.“

Gut möglich ist aber, dass Neyses doch enttäuscht ist, es nur nicht sagen kann, nachdem die Entscheidung der Regierung feststeht. Vor drei Jahren hatte er zwar selber dafür plädiert, mit dem Bachelor anzufangen, betonte aber, der Master müsse gleich mit vorbereitet werden, um sich „nahtlos“ anzuschließen. Das sieht die Regierung nicht so: Sie hat lediglich festgehalten, sei der „erste Zyklus“ zum Bachelor „gut etabliert“, werde der Ausbau zum Master „studiert“. Entschieden werde darüber „später“. Für „gut etabliert“, erläutert der Erste Regierungsrat im Hochschulministerium, Léon Diederich, dem Land, könnte man den Medizin-Bachelor halten, wenn „zwei Kohorten von Studenten“ ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Da das vier Jahre nach dem für 2020 angepeilten Start der Fall wäre, fiele die Entscheidung über den Master der übernächsten Regierung zu. Wie sie politisch dazu stehen wird, kann natürlich niemand wissen.

Die DP-LSAP-Grüne-Regierung war dem Medizin-Master gegenüber immer skeptisch eingestellt. Zweifel daran, ob Uni.lu fähig sei, ein hochwertiges Studium auf die Beine zu stellen, reichten von Beamten im Gesundheitsministerium quer durch die Reihen der Koalitionsparteien und besonders in die DP.

Das könnte sich durchaus verhängnisvoll auswirken. Denn der Medizin-Master war nicht etwa eine Idee der Uni, was man vielleicht auch noch machen könnte, sondern eine ernsthafte Frage der vorigen Regierung an die Universität Luxemburg.

Bereits seit 1969 kann das „erste Jahr“ in der Medizin, das auch eines für Zahnmedizin, Veterinärmedizin, Pharmazie und Biologie ist, heiheem absolviert werden. 1970 wurde ein Deal mit Belgien ausgehandelt, der Abgängern des ersten Jahres das Weiterstudieren im Nachbarland ermöglichte. Ein Dekret von König Baudouin stellte Luxemburger Studenten belgischen sogar gleich. Mit Frankreich wurden 1975, 1978 und 1982 Staatsverträge über reservierte Medizinstudienplätze abgeschlossen. Mit deutschen Unis in Nordrhein-Westfalen, Bayern und dem Saarland traf das damalige Centre universitaire in den 1980-er Jahren Abmachungen.

Doch Medizinstudienplätze sind in ganz Westeuropa heiß begehrt. Als 2006 die französischsprachige Gemeinschaft Belgiens den freien Zugang an wallonische Unis abschaffte, um Studenten aus Frankreich abzuwehren, und eine Quotenregel für non-résidents einführte, traf das auch Luxemburger, königliches Dekret hin oder her. Ein paar Jahre später klagte im Saarland ein deutscher Medizinstudent, der sein erstes Jahr in Ungarn absolviert hatte und dem das Weiterstudieren in Homburg verwehrt wurde, sich den Studienplatz am Ende auch durch den Hinweis ein, Luxemburger nehme man immerhin an. Worauf die Homburger Uni ihre zwei für Luxemburg reservierten Plätze strich. Angesichts dieser Probleme beauftragte der damalige CSV-Minister François Biltgen die Uni, zu untersuchen, ob eine „medizinische Fakultät machbar und nützlich“ wäre. Als ein neuer Vizerektor für Forschung gesucht wurde, holte man den Mediziner Ludwig Neyses von der Manchester University und gab ihm die besondere Mission, diese Frage zu klären. Was er mit viel Eifer auch tat – und statt ein Konzept für eine Fakultät nach kontinentaleuropäischem Vorbild, deren Betrieb 60 Millionen Euro jährlich oder fast ein halbes Jahresbudget von Uni.lu verschlungen hätte, eines für eine „Medical School“ nach angelsächsischem Vorbild entwickelte. Sie sollte schlanker sein und preiswerter nicht zuletzt dadurch, dass in die Ausbildung der Studenten auch erfahrene Krankenhausärzte eingebunden werden sollten.

Heute muss Neyses bewerkstelligen helfen, was er vor drei Jahren für „nicht realistisch“ hielt. Das Bachelor-Studium besteht vor allem aus Theorie. Der klinische Teil, in dem die Studenten intensiv mit Patienten konfrontiert werden, geht erst ab dem vierten Jahr richtig los. Bietet Luxemburg nur den Bachelor an, müssen die Studenten für die verbleibenden drei Jahre an eine Universität im Ausland wechseln. Doch dort, meinte Neyses, als die politische Diskussion noch offen war, „würden sie aus Kapazitätsgründen nicht angenommen, denn das klinische Studium ist der Engpass“. Es sei denn, man würde die ausländischen Krankenhäuser bezahlen, aber das würde teuer, könnte Qualitätsprobleme aufwerfen und ließe „das Geld nicht in Luxemburg“ (d’Land, 07.02.2014).

Geklärt ist diese Frage noch immer nicht, obwohl die Entscheidung der Regierung feststeht. Uni.lu spricht mit den medizinischen Fakultäten in Straßburg, Nancy und Homburg/Saar über den Anschluss eines Luxemburger Bachelor an die Master-Studien dort. Ludwig Neyses glaubt zwar, es würden sich „keine großen Probleme stellen, dass die anderen Unis unsere Lernziele und Lehrmethoden akzeptieren“. Mit Straßburg sei man dazu schon „weit vorangeschritten“. Dennoch ist das weiterhin eine „Verhandlungsfrage“. Auch wolle man dem künftigen Direktor der Luxemburger Medizinerschule gewisse Gestaltungsmöglichkeiten lassen. „Es wäre unklug, zu viele vollendete Tatsachen zu schaffen.“ Die Suche nach dem Direktor oder der Direktorin soll „rasch“ beginnen. Rektorat und Aufsichtsrat der Uni seien dabei, ein „Suchkomitee“ zusammenzustellen. Die „Turbulenzen“, in denen Uni.lu derzeit steckt, hätten alles „ein bisschen verzögert“. Da Ludwig Neyses seit März als kommissarischer Rektor fungiert, hat er das Bachelor-Dossier größtenteils delegieren müssen.

Verhandlungssache ist aber nicht nur die Anschlussfähigkeit eines Bachelor aus Luxemburg an den nächsten Zyklus an einer Uni im Ausland. Neben dieser akademischen Frage stellen sich juristische und, wenn man so will, diplomatische. Bei der Alem, dem Verband der Luxemburger Medizinstudenten, werden sie für so gewichtig gehalten, dass Alem-Präsidentin Amandine Meisch der Meinung ist, „der Bachelor bringt überhaupt nichts, damit werden die Probleme nur zeitlich nach hinten verschoben“.

Denn schon jetzt werde „das Problem mit den Plätzen größer statt kleiner“, so die Alem-Präsidentin. Die Universität Düsseldorf verlängere die Abmachung mit Luxemburg nicht weiter. Auch andere Unis in Nordrhein-Westfalen dächten darüber nach. „Die haben mitbekommen, dass Luxemburg mit Frankreich über das Master-Studium nach dem Bachelor spricht, und sagen: Dann verlasst euch doch auf die Franzosen!“ Bringe „die Regierung es nicht einmal fertig, die Plätze nach dem ersten Jahr abzusichern, ist das nach dem dritten Jahr umso schwieriger“.

Dass da etwas dran sein muss, wird deutlich, wenn Léon Diederich aus dem Hochschulministerium einräumt, nur für die für Luxemburger nach dem ersten Jahr in Frankreich reservierten Plätze sei „alles okay“ und dass es „in Nordrhein-Westfalen schwieriger“ werde. „Wir sind aber dabei, die Ausnahmen für unsere Studenten dort zu diskutieren.“ Mit Belgien, wo seit zwei Jahren gar nichts mehr geht, „stehen wir kurz vor einer Vereinbarung, die Plätze wieder zu bekommen, und hoffen, die Gespräche noch bis zum Sommer abzuschließen“.

Für die Bachelor aber ist selbst in Frankreich noch nicht alles okay. Jedenfalls, wenn es darum geht, über die insgesamt 36 zurzeit für Luxemburger nach dem ersten Jahr an Uni.lu reservierten Plätze in Straßburg, Nancy und Paris hinaus noch weitere zugesichert zu bekommen; sei es, falls die sieben in Nordrhein-Westfalen wegfallen, sei es, weil die 15 in Brüssel, Liège und Louvain sich doch nicht garantieren lassen. Statt von festen Zusagen aus Frankreich kann Léon Diederich derzeit nur von einer luxemburgisch-französischen Arbeitsgruppe auf Regierungsebene berichten, und davon, dass man auch mit dem französischen Botschafter gesprochen habe. Dass der frühere Rektor der Uni Straßburg im Hochschulministerium der neuen Regierung in Paris ein Direktorenamt bekleidet, werde hoffentlich ebenfalls hilfreich sein. Der Unklarheiten um die Plätze wegen aber sei noch nicht entschieden, wie viele Bachelor ausgebildet werden sollen. „Und wir geben uns drei Jahre Zeit, denn das muss natürlich alles unterschrieben werden.“

Dass es regierungsoffiziell vorsichtshalber noch heißt, 2020 „könnte“ es losgehen, liegt vielleicht auch daran, dass gefürchtet wird, ein Argument, das Luxemburg in den Verhandlungen anbringt, wenn es um das Geben und Nehmen geht, könnte am Ende nicht stichhaltig genug sein: Ein Medizin-Grundstudium kostet rund 300 000 Euro pro Student. Vorhaltungen, Luxemburg lasse sich die Ausbildung seiner Ärzte vom Ausland bezahlen, wird entgegnet, für die Weiterbildung zum Facharzt, die nach dem Master kommt und je nach Disziplin drei bis sechs Jahre dauert, empfingen Luxemburger Spitäler immerhin Assistenzärzte oder médecins en voie de spécialisation auch aus den Nachbarländern. Doch im CHL, wo das Gros dieser Mediziner seine Facharztweiterbildung empfängt, ist es eine stehende Erkenntnis, dass anschließend „viele“ hierbleiben. Die Nachbarländer haben von ihren hierzulande fertig qualifizierten Fachärzten demnach wenig. Bildet Luxemburg seine eigenen Ärzte nur bis zum Bachelor aus, ist das wie ein bisschen weniger Tanktourismus.

Peter Feist
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