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Feuilleton / Die kleine Zeitzeugin

Er kommt auf sanften Pfoten, ganz in Weiß

Worst Case Scenario

Michèle Thoma
Ausgabe: 22.01.2016
„Worst Case Scenario“ heißt es im Printmedium mit dem verheißungsvollen Namen L’ Essentiel, und die Leserin zuckt zusammen. Das musste ja so kommen, sie hat es gewusst, eigentlich schon immer. Schaudernd beugt sie sich über die Lettern, da steht es schwarz auf Weiß: Das Schlimmste kommt erst …
Turbo-Tempo

Ist das jetzt normal?

Michèle Thoma
Ausgabe: 15.01.2016
Mit einem kleinen, feinen Lächeln im Terrorexpertengrabsteinantlitz bejahen die Terrorexperten die bangen Fragen der Moderatorinnen. Ja, damit muss man rechnen. Immerhin, etwas, mit dem man rechnen muss. Philosoph_innen werden schon um Rat gebeten. Irgendjemand muss uns ja einen Tipp geben, wie es …
Morgen war auch noch ein Tag

Zillwester anno Bomi

Michèle Thoma
Ausgabe: 08.01.2016
Es war einmal, viele Male, vor langer, langer Zeit. Im Gutland, einem Land, das es im Heimatkundeheft gab. Dort, auf einem Bauernhof, verbrachte ein kleines und zusehends größer werdendes Mädchen die Weihnachtsferien, und natürlich den Zillwesterabend. Am Zillwesterabend war es sehr, sehr still, …
Schutzengel kennen sich aus

Alles ist offen

Michèle Thoma
Ausgabe: 01.01.2016
Das brandneue Jahr knallt uns um die Ohren, die Küsse und die Korken knallen, es gibt himmlische Explosionen. Aber sie könnten auch höllischer Natur sein, wer ist sich da schon so sicher! Nichts ist mehr sicher, alles ist offen, ein Riesenrätsel, ein Gesellschaftsspiel mit lauter Unbekannten. …
Freu dich doch!

Etwas Schönes

Michèle Thoma
Ausgabe: 18.12.2015
Etwas Schönes wünscht sich Menschenkind, jetzt, zum Schluss, jetzt, da das Jahr sich seinem Ende entgegen neigt, ins Schwarze kippt, durch das alle tappen, wo steht das Auto? Es drückt auf alle möglichen Knöpfe und Schalter, um die ewige Nacht zu entzünden, es hängt sich Lichterketten um den Hals, …
In der Großen Nation

Die sich wundern

Michèle Thoma
Ausgabe: 11.12.2015
Das Cover einer französischen Zeitschrift zeigt ein verschwommenes Wesen hinter Gitterartigem. „Es kommt näher“, es muss ein Monster sein. Es heißt Marine. Niemand weiß, was nächsten Sonntag geschieht, „Nous sommes complètement dans le Bleu“, sagt ein TV-Moderator. Dann muss er lachen. …
Ich rede vom Niqab

Radical Chic(k)

Michèle Thoma
Ausgabe: 04.12.2015
Ich weiß, der Zeitpunkt ist schlecht. Ich weiß, es hat nichts damit zu tun. Oder noch nicht, jetzt nicht, dann nicht, wenn wir nicht alles vermasseln. Ich rede von der Burka, oder, präziser gesagt, vom Niqab. Obschon es ja angeblich nichts dazu zu sagen gibt. Alles sei sowieso geregelt, und …
Ein Viertelstündchen entfernt von der goldenen Grand-Place

Molenbeek, Fremdkörper

Michèle Thoma
Ausgabe: 27.11.2015
Es gibt also Molenbeek, wer hätte das gedacht. Mitten unter uns, also daneben. Nicht wirklich am Rande, nicht mal, der Brüssel-Mensch oder der internationale braucht nur eine Brücke zu überqueren, einen Fluss. Eine Viertelstunde von der Grand-Place, die golden über die Bildschirme flimmert, das …
Die Leute machen neuerdings Fotos, ein Wahnsinn

Herbsthimmel

Michèle Thoma
Ausgabe: 20.11.2015
Das geht nun schon seit Monaten so, mindestens seit September. Die ganze Zeit Herbsthimmel. Oder Herbstblumen. Oder Hunde, Hunde unter Himmel im Herbst. Mit Stock im Maul, triefenden Lefzen, gudde Mupp. Wanderschuhe, Astern, Vergilbtes. Oder dampfende Kaffeetassen, die Leute machen neuerdings …
So vieles kommt geradewegs auf uns zu

Große Chef-Pizza-Angst

Michèle Thoma
Ausgabe: 13.11.2015
Angst! Angst! Alle haben tausend Angstgründe, Angstabgründe, Angst, noch mehr Angst, und die, die keine Angst haben, haben Angst vor denen, die Angst haben. So vieles kommt ja gerade geradewegs auf uns zu. Völker wandern auf uns zu, wann gehen sie wieder, kann einem das jemand sagen? Gerade …
Infos, die wir hinterlassen haben

Memory

Michèle Thoma
Ausgabe: 06.11.2015
Auf unsere Nachkommen wird vermutlich, ziemlich sicher, ziemlich viel zukommen. Unter anderem das, was wir an Infos hinterlassen haben werden, nachdem wir uns diskret in den Staub gemacht und ihnen die Szene überlassen haben. Wenn man auf Dachböden herumstöbert, Häuser ausräumt in denen die, die …
Vom Trauern

Das Zeitliche segnen

Michèle Thoma
Ausgabe: 30.10.2015
Liebe Tiere sterben aus, Kulturen und Sprachen natürlich auch. Wörter, sie schreien nicht um Hilfe, es gibt keine Vermisstenanzeige, niemand weint ihnen hinterher. Irgendwann, wenn man so ein totes oder halbtotes Wort in den Mund nimmt, wird man befremdet angeschaut: Diese Dame ist nicht von …
"Hier bin ich, reiß mich auf"

Buchmesse

Michèle Thoma
Ausgabe: 23.10.2015
Ich war ein Mal auf der Buchmesse, also auf der Buchmesse. Auf den anderen kein Mal. Vor langer, langer Zeit war das, damals, als die ausgelaugten, ausgesaugten Siebziger gerade in die schnellen, grellen Achtziger gekippt waren. Vor allem war ich auf der Gegenbuchmesse, heute gibt es, wenn ich …
Einst gab es nur eine Zehka - die war in der Stadt

Episches Europa

Michèle Thoma
Ausgabe: 16.10.2015
Einst war die Welt, also Europa, viel einfacher, vielleicht langweiliger. Es war nicht dauernd was los, und wenn, dann war es weit weg und in Schwarzweiß. Eine EU gab es nicht, nur eine Zehka – die war in der Stadt. Europa war wunderbar übersichtlich. Das meiste Europa gab es praktischerweise gar …
Neulich am Himmel

Tollmond

Michèle Thoma
Ausgabe: 09.10.2015
Die Tage sind günstig zum Zehennagelzwicken. Man könnte sich auch eine neue Hüfte einsetzen lassen, mal nachschauen, was sonst noch so empfohlen wird. Den Ziegenstall ausmisten zum Beispiel. Danke lieber Mondkalender, du sagst uns immer, welches Holz geschlägert gehört und welche Haare wo gejätet. …
Magyaren gegen Barbaren

Die Ungarn haben einen Vogel

Michèle Thoma
Ausgabe: 02.10.2015
Sie stellen ihn auf Podeste, errichten ihm Monumente, der Anführer schwingt seine Reden unter seinen rabenschwarzen Riesenflügeln, schwingt sich zu Schwindel erregenden Höheflügen der Rhetorik auf. Drachen, Heilige, Blut und Boden, Turul Turul! Landauf, landab verrichten die Ungarn diesen …
So schön kann es natürlich nicht weitergehen!

Wo kommen die plötzlich her?

Michèle Thoma
Ausgabe: 18.09.2015
In der Festung ist Stress pur angesagt. Plötzlich, urplötzlich, gerade war noch Sommer und die Insassen posteten appetitlich lackierte Zehennägel, sind da ganz viele Neue. Sie sind überall, zumindest in den Köpfen, eben waren sie noch im Fernsehen, warum sind sie nicht dort geblieben? Der Türmer …
Der magische Moment, an dem sich der Himmel öffnete

Tote Kinder

Michèle Thoma
Ausgabe: 11.09.2015
In der Nacht wird das ertrunkene Kind angeschwemmt, der Facebook-Surferin ins Blickfeld geschwemmt. Es liegt da, einfach so, entspannt. Zu entspannt. Und zugleich, alles sträubt sich in der mit allen Wassern gewaschenen Facebook-Surferin, wie auf einem Präsentierteller präsentiert. Am Morgen zum …
Sich unsubtil ausdrücken

Ech ginn net heeschen

Michèle Thoma
Ausgabe: 04.09.2015
Hat es mit unserer Kindersprache zu tun, dass der die Aborigenee sich häufig etwas, sagen wir: unsubtil ausdrückt? Sprachlich geht es hierzulande meist relativ unverblümt zu, nicht lange um den Brei und so. Also kein Chichi und überflüssige Dekorationen, unser bodenständiger Wortschatz lässt allzu …
Manche Bettler haben sogar Handys

Battle-n

Michèle Thoma
Ausgabe: 28.08.2015
Elendshäufchen kleben auf dem Asphalt, wie peinlich es ist, über sie zu stöckeln. Wer will über Lebende gehen. Der Mensch, der endlich sein Auto geparkt hat und endlich einen Fuß in die Stadt gesetzt hat, strapaziös genug, begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Sie sind unter uns, denkt er …

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