Train-Trams nach Findel und Kirchberg

BTB minus

d'Lëtzebuerger Land du 16.01.2003

In zehn Jahren soll es soweit sein: Flughafen und Kirchberg werden an das Schienennetz angeschlossen. Vor einer Woche hatte der Regierungsrat den Gesetzentwurf für die mit 390 Millionen Euro veranschlagte Realisierung der 14,8 Kilometer langen Train-Tram-Verbindung gutgeheißen, am Dienstag stellte Transportminister Henri Grethen (DP) das Projekt der Presse vor. Bis 2007 soll das erste Teilstück - eine Tramlinie zwischen den Messehallen und dem Bahnhof Dommeldingen sowie dem Hauptbahnhof - fertig sein. Das zweite Teilstück wird die Messehallen über Senningerberg und den Flughafen via Hamm mit dem Hauptbahnhof verbinden. Während auf dem Kirchberg nur Tramzüge fahren werden, soll auf Abschnitt 2 gemischter Eisenbahn-Tram-Verkehr möglich sein. Der größte Teil des zweiten Abschnitts soll über 4,8 Kilometer hinweg unterirdisch verlaufen: ab Höhe Hamm/Irrgarten bis zum geplanten Großparkplatz nahe der neu zu bauenden Aérogare.

Das Projekt ist der Versuch, einerseits die prognostizierte Steigerung des Passagieraufkommens am Flughafen, andererseits den Aus- und Neubau von Wohnsiedlungen und Bürokapazitäten auf dem Kirchberg sowie in Findel und Senningerberg verkehrstechnisch zu begleiten. Der Ausbau der Nationalstraße 1 auf zweimal zwei Spuren ist ebenfalls vorgesehen. Zählte der Flughafen im Jahr 2000 rund 1,7 Millionen Passagiere, rechnet man bis zum Jahr 2020 mit einer Steigerung auf 3,1 Millionen. Gab es auf dem Kirchberg 1997 etwa 15 800 Arbeitsplätze und 4 200 Einwohner, sollen es 2006 über 22 000 Arbeitsplätze und 7 800 Einwohner, 2020 dagegen 36 700 Arbeitsplätze und 21 600 Bewohner sein.

Welche lokalen und regionalen Mobilitätsprobleme die Kirchberg-Findel-Anbindung lösen wird, muss sich zeigen: Sie ist der erste "Nol mat Kapp", den Grethen knapp ein Jahr nach der Vorstellung des Regionalkonzepts mobilitéit.lu und vier Jahre nach Beginn der schrittweisen Tötung des BTB-Projekts durch die DP im Wahlkampf 1999 präsentieren konnte. Entsprechend politisiert sind die Planungen der Schienenwege in der und um die Hauptstadt noch immer. Eine Verlängerung der Kirchberg-Tram nach Limpertsberg und weiter ins Stadtzentrum und zum Bahnhof halten das Transportministerium und der Luxemburger Schöffenrat sich bislang aus politischen Gründen nur als Option offen und werden sich zumindest vor den nächsten Wahlen nicht offensiv dazu bekennen.

Denn darin liegt nach wie vor eine konzeptionelle Schwachstelle. Selbst wenn sich die Wachstumsprognosen für Einwohner und Arbeitsplätze im Raum Kirchberg-Findel bewahrheiten und sich der urbane Schwerpunkt der Hauptstadt tatsächlich aus dem Zentrum verlagert, sind im Süden und Südwesten ebenfalls neue Wohngebiete und Arbeitsplätze vorgesehen. Weiterhin gefragt bleibt daher eine leistungsfähige Querverbindung durch das Zentrum. Im Schülertransport ist die Kirchberg-Findel-Bahn höchs-tens ein Angebot für die Europaschule, nicht aber zu den großen Lyzeumskomplexen Geesseknäppchen und Limpertsberg. Ansprüche hat darüberhinaus die Peripherie: Wohn- und Gewerbegebiete enden ostwärts nicht in Findel und Senningerberg. Ob Benutzern des öffentlichen Transports aus Niederanven etwa die Kirchberg-Tram etwas bringen oder sie nur tangieren wird, fragt sich: Für einen regionalen Busbahnhof am östlichen Rand der Hauptstadt, der Busfahrgäste aus dem Osten aufnimmt und an die Kirchberg-Tram weiterverteilt, gibt es zurzeit noch keine konkreten Pläne. Und so steht das Train-Tram-Projekt seltsam isoliert als BTB-minus-Vorhaben da.

Peter Feist
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