Hausemer, Georges (Hrsg): Gréng getëppelt, blo gesträift

Naturgemäß

d'Lëtzebuerger Land vom 03.12.2009

„Natur und Umwelt“ hieß das Motto der diesjährigen Walfer Bicherdeeg – und damit auch das Thema der zu diesem Anlass erschienenen Anthologie mit Texten von Autoren aus Luxemburg und der Grenzregion. Das Schlag­wort legt zwei Bezüge nahe: zum einen Darwins Theorie über den Ursprung der Arten, die 2009 mit gleich zwei Jubiläen (dem 200. Geburtstag ihres Schöpfers und dem 150. Geburtstag ihres Erscheinens in Buchform) bedacht werden kann. Zum anderen Klimawandel und Umweltschutz. Die zeitgeschichtliche Dringlichkeit dieses Themas wird niemand ernstlich bezweifeln. Außer Al Gore sagt den meisten schon der sogenannte gesunde Menschenverstand, dass Umweltschutz kein Hobby weltverbesserischer Spinner ist, sondern eine moralische Herausforderung, der sich sowohl jeder Einzelne als auch die Politik zu stellen hat.

Genau das macht „Natur und Umwelt“ als thematische Vorgabe für literarische Auftragstexte jedoch problematisch. Der Schriftsteller hat ja – seiner Natur gemäß – in erster Linie keine moralische, sondern eine poetologische Aufgabe zu bewältigen: einen guten Text zu schreiben. Er muss sich also genau überlegen, ob er diesen Text zu einer Bühne machen will, auf der man moralische Lehrstücke veranstalten kann. Sollte er über seiner Bemühung um eine Moral-von-der-Geschicht’ nämlich vergessen, dass die Geschicht’ ihm mehr am Herz liegen muss als die Moral, kann es vorkommen, dass der zum pädagogischen Vehikel degradierte Text irgendwann schlichtweg aufhört literarisch zu sein.

Die meisten (nicht alle) der von Georges Hausemer in Gréng getëppelt, blo gesträift versammelten Autoren entgehen der Gefahr idealistischer Überladung und nutzlosen Erziehungstraras. Die Strategien, die sie dabei anwenden, sind unterschiedlich. Einige umgehen das Problem, indem sie, statt irgendwelche Botschaften literarisch zu verklausulieren, das Thema eher theoretisch, also mehr denkerisch als dichterisch angehen (zum Beispiel Wirion). Andere vermeiden den Gestus des erhobenen Zeigefingers, indem sie das eigentliche Thema an den Rand drängen und es lediglich als Requisite benutzen –, was freilich nicht der Sinn der Übung war. Zu dieser Tendenz, das Thema zum bloßen Akzidens der Erzählung zu machen, neigen die Beiträge einiger Krimiautoren.

Eine ziemlich sichere Methode, dem Leser nicht mit den Auswucherungen einer öden ökologischen political correctness auf die Nerven zu gehen, besteht in einer offensiven Herangehensweise: der Satire. Der Band enthält sie zum Beispiel in Form humoristisch-milder Kritik (Harsch), aber auch zum Beispiel als sarkastische Zukunftsvision (Greisch).

Einige Texte verweigern sich der Moralschelte, indem sie, im weiteren Sinn der romantischen Tradition, den Bezug eines Ich zur Natur in den Mittelpunkt stellen, entweder auf elegische (Ancion) oder erzählerische Weise (Graf).

Einige der überzeugendsten Texte des Bandes stechen allerdings dadurch hervor, dass in ihnen der Text selbst wichtiger zu sein scheint als die Themenverarbeitung (Helminger, De Toffoli, Cassar). Guy Helminger verbindet in seiner Erzählung „Da unten“ – vielleicht dem besten Text der Anthologie – einen erfrischend unkitschigen Blick auf „die Natur“ – für die wenigstens einer seiner Protagonisten (und das ist das Problem) ein ungefähres Gefühl (aber keinen Begriff) davon hat, was sie wohl sein mag. Unter der Ungenauigkeit des Begriffs leiden aber nicht nur Helmingers Figuren: Es geht ihnen damit kaum anders als der Mehrzahl der Autoren von Gréng getëppelt, blo gesträift. Dass „Natur“ ein äußerst schillernder Begriff ist, den man nach vielen Hinsichten hin auslegen kann – Natur im Sinn von „Essenz“ oder „Wesen“, Natur aber auch im Sinn des organischen Wachstums, der Flora und Fauna, Natur dann auch als Umwelt des Menschen –, ist ein Fazit, das sich bereits durch die Lektüre ergibt, auf das der Leser dann aber auch noch einmal eigens durch die philosophischen Reflexio­nen Jacques Wirions gestoßen wird, die den Band beschließen.

Neben den ganz hervorragenden Fotos von Patrick Galbats, die anregende Verbindungen zwischen den Autorenporträts und den jeweiligen Texten herstellen, ist es dem Herausgeber gelungen, eine Anthologie von sehr ordentlichem sprachlichem Niveau zusammenzustellen. Dass man am Ende – natürlich – auch schwächere Beiträge zurückbehalten muss, am Thema vorbei Geschriebenes oder mehr oder minder dilettantisches Gewurstel, scheint unvermeidlich zu sein, wenn man alle Altersklassen, Sprachen und Genres bedienen will. Möglicherweise kann die Auswahl im nächsten Jahr im Sinne des „survival of the fittest“ gefiltert werden.

Elisabeth Schmit
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