Der Jägerverband und seine Verbündeten sammeln Unterschriften für ihre Petition gegen Jagdruhe und Fuchsjagdverbot. Sie wollen feststellen, wer die Deutungshoheit über Ökologie in Wald und Flur hat

Die Grünen, die den Fuchs beschützen

d'Lëtzebuerger Land vom 13.03.2015

Nicht nur bei ihrer Pressekonferenz in einem Leudelinger Restaurant am Montag fuhren sie grobes Geschütz auf – die Fédération Saint-Hubert des Chasseurs du Grand-Duché du Luxembourg und die mit ihr im Kampf gegen den neuen Jagdkalender verbündeten Verbände von Bauern, Jagdhundbesitzern, Kleintierzüchtern und Jagdgrundstückseigentümern. Sie hatten schon in ihrer Einladung geschrieben, die „beispiellose Desinformationskampagne der Regierung“ erfordere eine erneute Gegenrede. Das las sich schon so, als gehe es vor allem um Politik – und erst in zweiter Linie um den Fuchs, den „Beutegreifer“, auf den ab 1. April die Jagd nicht mehr erlaubt sein soll.

Jedes Jahr wird zum 1. April ein neuer Jagdkalender erlassen, der vor allem die Jagdzeiten auf die verschiedenen Wildarten festlegt. Der Entwurf zum nächsten Kalender enthält zwei Neuerungen: eine sechswöchige „Jagdruhe“ vom 1. März bis zum 15. April auf sämtliches Wild, bis auf Wildschweine im offenen Land, sowie ein Totalverbot der Fuchsjagd.

Den Jägerverband stört beides, die Jagdruhe vielleicht sogar noch mehr als das Fuchsjagdverbot. Das ist auf den ersten Blick nicht unverständlich: Seit dem neuen Jagdgesetz von 2011 gelten Mindestabschussquoten für Rehe, Rot- und Damhirsche, Mufflons und Wildschweine. Das Soll ist auf drei Jahre festgelegt; wer auf dem Jagdlos, das er gepachtet hat, nach Ablauf von zwei Jahren nicht mindestens die Hälfte vom Soll erfüllt hat, wird vor die Jagdkommission zitiert, die die Natur- und Forstverwaltung im Nachhaltigkeitsministerium leitet. Ist das Soll nach drei Jahren nicht erreicht, kann ein Bußgeld drohen.

Zu der Verpflichtung zur Jagd auf bestimmte Arten, die „reguliert“ werden sollen, kommt der ökonomische Anreiz. Dem Grundstücksbesitzer, von dem er sein Jagdlos gepachtet hat, muss der Jäger jeden dort auftretenden Wildschaden ersetzen. Weil das schnell teuer werden kann und ein gemeinsamer Wildschadensfonds der Jäger nur einen Teil übernimmt (siehe nebenstehenden Artikel), argumentiert der Jägerverband FSHCL, die Jagdruhe sei angesichts von Abschuss-Soll und Schadenersatzpflicht ein „völlig falsches Signal“ und eine regelrechte „Demütigung“. Zumal für den neuen Jagdkalender, mit dem eine weitere Dreijahres-Periode beginnt, für ungefähr jedes sechste der 600 Jagdlose im Land die Abschussvorgabe noch angehoben wird.

Aber in Wirklichkeit sind das nur Details, und bei der Auseinandersetzung zwischen dem Jägerverband und seinen Verbündeten auf der einen und dem grünen Umweltstaatssekretär Camille Gira auf der anderen Seite geht es um Prinzipielleres.

Denn die sechs Wochen Ruhe sollen nicht für die Jagd auf Wildschweine im offenen Gelände gelten. Um Wildschäden, die vor allem Wildschweinschäden sind, vorzubeugen, könnte das genügen: Laut Statistik der Natur- und Forstverwaltung wurde zwischen 2007 und 2013 das Gros der Schäden zwar im März gezählt, also ausgerechnet in der Zeit, in der künftig Jagdruhe herrschen soll. 97 Prozent davon entstanden jedoch auf Weiden, Mais- und Getreidefeldern. Wird dort weiter gejagt, könnten die Jäger ihrer Rolle als Schadensvermeider gerecht werden.

Auch die Beschwörung eines sanitären Notstands, wenn sich durch wachsende Fuchsbestände der Fuchsbandwurm ausbreite, war eine kalkulierte Provokation. Gefährlich ist die Erkrankung zweifellos. Aber in der gesamten EU sowie der Schweiz, Island und Norwegen wurden 2013 laut dem European Center for Disease Control ganze zwei Todesfälle gezählt sowie 794 Erkrankungen auf über eine halbe Milliarde Menschen. Studien, die zeigen, dass eine intensive Bejagung den Fuchsbestand nicht dezimieren kann, sondern sogar die Fortpflanzug anfacht, gibt es viele. Ironischerweise verteilte sogar der Jägerverband am Montag Informationen dazu. Eine Untersuchung in der Schweiz zum Beispiel, wo die Häufigkeit der Erkrankungen zunimmt, ergab, dass sinnvolle Prävention vor allem in der „Entwurmung“ von Hunden besteht, die sich beispielsweise anstecken können, wenn sie sich in Fuchskot wälzen.

Gestritten aber wird eigentlich weder über die Jagdruhe, noch über Fuchsjagd und Bandwurm. Sondern über die Deutungshoheit dessen, was „Ökologie“ in Wald und Flur sein soll. Was auch die Allianz der anderen Verbände mit den Jägern erklärt, von der nun per Online-Petition gefordert wird, die jagdfreie Zeit und das Fuchsjagdverbot wieder zurückzunehmen. Bei Redaktionsschluss dieser Land-Ausgabe trug die Petition 2 436 Unterschriften, nur eine knappe Woche nach ihrem Depot auf der Homepage der Abgeordnetenkammer. Dass 4 500 Unterschriften erreicht werden, um eine Debatte im Parlament anzustrengen, ist ziemlich wahrscheinlich. Die Organisatoren hoffen, dass am Ende noch weitaus mehr zusammenkommen, um eine größere Diskussion lostreten zu können, bei der man am Ende hoffentlich etwas gewinnt: die Jäger wieder mehr Freiheit, die Landwirte Zugeständnisse angesichts von Naturschutzauflagen; die Grundstücksbesitzer wiederum verteidigen das Eigentumsrecht gegenüber dem intérêt général.

Denn man kann nicht sagen, dass das Nachhaltigkeitsministerium eine ganz neue Jagdpolitik parat hätte, die es auch zur Diskussion gestellt hätte. Die Reform des Jagdgesetzes dauerte seinerzeit lange. Zuvor war gezeigt worden, dass die sehr hohen Wildbestände auch eine Folge von Fütterungen sind. Nach dem neuen Gesetz ist Füttern nur noch als „Kirren“ zum Zweck des „zeitnahen Abschusses“ erlaubt. Das wird auch weitgehend eingehalten: Die letzte Kontrolle ergab, dass 94 Prozent der Kirrplätze regelkonform waren.

Was das Nachhaltigkeitsministerium nun mit der Jagdruhe und dem Fuchsjagdverbot erlassen will, ist eine gewisse „Ökologisierung“ der Jagd. Die Begründung, wieso der Fuchs nicht mehr geschossen werden soll, folgt der Argumenta-tionslinie beispielweise deutscher Naturschutzverbände, die sagen, allein die Tötung von Wild, das auch genutzt wird, sei tiergerecht und die Fuchsjagd nur akzeptabel, wenn das Fell der Tiere verwertet werde. Da in Luxemburg kein einziger Betrieb mehr Fuchspelze herstellt und nur ein paar Jäger geschossene Füchse „abbalgen“ und die Tierhaut an Gerbereien im Ausland liefern, sei die Fuchsjagd nicht ethisch.

Allerdings steckt dahinter ein gutes Stück Symbolpolitik. Staatssekretär Gira will im jagdintensiven Luxemburg ein Zeichen setzen. Bei den Behörden der Färöer-Inseln hat er im Namen der Regierung gegen den Walfang dort protestiert, der über das Maß hinausreiche, was vor Ort an Walfleisch gegessen wird. Das Fuchsjagdverbot soll zeigen, dass auch Luxemburg „Tierschutz und Tierrechte an das 21. Jahrhundert“ anzupassen imstande ist, erklärte er Ende Januar auf einer Pressekonferenz. Die Absicht hat sich bereits herumgesprochen. Schon wollen deutsche Journalisten wissen, wie Luxemburg es fertigbringt, zur Regel werden zu lassen, was jenseits der Mosel Naturschützer einfordern. Für Gira ist das ausländische Medieninteresse ein Zeichen dafür, dass er mit dem neuen Jagdkalender zum „Nation branding“ des Landes beiträgt, das derzeit wegen Luxleaks und Panama-Connections nicht gerade gut da steht.

Eine große Diskussion ging den jagdpolitischen Entscheidungen aber nicht voraus. Sie wurden sogar so plötzlich getroffen, dass die Natur- und Forstverwaltung keine Zeit hatte, um so etwas wie ein Monitoring zu entwerfen, mit dem man beobachtet, wie das Fuchsjagdverbot sich genau auswirkt.

Die politische Entscheidung fiel auch am Conseil supérieur de la chasse vorbei. Der Jagdrat ist zwar nur ein beratendes Gremium, aber als dort Mitte Oktober vergangenen Jahres in einer Sitzung über Jagdruhe und Fuchsjagdverbot abgestimmt wurde, war eine knappe Mehrheit von sieben zu fünf Stimmen gegen beide Maßnahmen. In der Minderheit waren die Vertreter aus Nachhaltigkeitsministerium, Naturverwaltung, Mouvement écologique und Naturschutzverband Natur an Ëmwelt. Die sieben Stimmen Mehrheit stellten Jägerverband, Landwirtschaftskammer und Privatwaldbesitzerverband.

Das ist es, was die Spitzenvertreter der Jäger so aufregt. Verbunden mit der Befürchtung, es könne mit der Ökologisierung bis zum Ende der Legislaturperiode noch weiter gehen, regt es sie so sehr auf, dass es am Montag immer wieder hieß, Gira meine, man müsse „Fuussekacka“ essen, um sich mit dem Fuchsbandwurm zu infizieren. Was noch zurückhaltend war verglichen mit einem Eintrag in einem Facebook-Forum, der Nachhaltigkeitsminis-terium und Umweltverbände eine „grün-braune Suppe“ genannt hatte.

Der Kommentar ist längst gelöscht. Geblieben bei der Spitze des Jägerverbands ist der Groll, dass nun in Jagdfragen Umweltverbände auf die Regierung mehr Einfluss haben könnten als man selber. Genauso wie unter den Verbänden der Landwirte vor allem die Bauernzentrale schon seit einem guten Jahr eine „Ökolobby“ am Werk sieht, die den Landwirtschaftsminister auf ihre Seite zu ziehen versuche. Geht es um die Jagd, kann die Allianz von Bauern und Jägern in der Sache erstaunliche Züge annehmen: Einerseits gehört für die Bauernverbände der Fuchs bejagt, andererseits sprechen Agronomen der Ackerbauschule und der Züchtergenossenschaft Convis von der Mäuseplage, der derzeit viele Grünflächen Luxemburgs zum Opfer fallen würden. Das wäre vermutlich noch schlimmer, wenn der wichtigste Mäusevertilger auf Äckern und Weiden dezimiert würde: der Fuchs.

Doch letztlich ist die Petition gegen Jagdruhe und Fuchsjagd vor allem eine gegen den gewissen Elitenwechsel in der Gesellschaft, der auf die Ero-sion des CSV-Staats folgte. Und natürlich hoffen der Jägerverband und die anderen an der Petition Beteiligten, dass sich für den Politisierungsversuch von Jagd, Naturschutz und Landwirtschaft auch die CSV interessiert.

Peter Feist
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