Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer

Ein Schiff wird kommen

d'Lëtzebuerger Land vom 24.04.2015

Sie gehen anscheinend nicht weg. Obschon wir diskret wegschauen, wir sind schließlich keine Voyeurinnen. Sie scheinen chronisch zu sein, immer wieder tauchen sie auf, aus unserer Tiefseele, egal wo wir sie verstauen. Anscheinend können wir sie nicht verdauen. Immer wieder kommen sie dem europäischen Wertegemeinschaftsmenschen entgegengeschaukelt, aus heiterem Himmel, in einer Nussschale. Blendend schwarz auf dem blendend blauen Meer. Dann tappen sie an Land und klopfen an, weißmaskierte Menschen erwarten sie schon.

Dem verwöhnten europäischen Wertegemeinschaftsmenschen wird schon ein bisschen fad, eine Serie mit dem immer dem gleichen Plot, immer den gleichen Hot Spots. Die Geschichten kennt er auch schon so langsam: Boko Haram, Klima, Geheimdienst, Hunger, alles zusammen. Narben. Immerzu Narben. Versprengte Pünktchen zwischen riesigen Sandhaufen, was liegt da im Sand, sind das Turnschuhe? In irgendeinem Dorf in der Subsahara, die es, seufz, auch noch gibt – das Wort Subsahara wird momentan häufig besorgten Tonfalls ausgesprochen, es kombiniert Sahara mit Sub, beides verheißt nichts Gutes –, zeigt eine Mutter auf einem gerahmten Foto. Den Sohn. Die Schwiegertochter schluchzt und entzückende Kinder schauen. Eines Tages war er gegangen. Er hatte niemandem was gesagt. Er ging. Noch so eine Geschichte, und noch eine. Logischerweise vergessen wir sie, wir denken an Anderes, zum Beispiel an uns. Wir müssen Rechnungen zahlen, Scheidungen einreichen und zur Koloskopie, aber das beeindruckt sie nicht.

Und dann, genug der sterbenslangweiligen Geschichten, gibt es wieder Action. Kurz mal aufgerüttelt und kurz mal durcherschüttert, frische Bilderkost wird geliefert. Aber schnell bitte, bald schon sind es Leichen von gestern. Jetzt sind sie noch frisch, 800 an der Zahl. Mindestens. Ein Rekord. Sogar ein offizieller Rekord. Vermutlich doppelt so viele wie bei der Schiffskatastrophe eine Woche früher, die kaum zur Kenntnis genommen wurde. Vielleicht wird aber jetzt mal wieder eine EU- Politikerdelegation vor Särgen Stellung nehmen, ein paar Blümchen ins Massengrab schmeißen, wie das Mittelmeer neuerdings heißt, mit trauerumflorten Augen. Nie-nie-nie-wieder. In Luxemburg wird sogar eine Minute lang betroffen geschwiegen. Dann werden zehn Punkte serviert, Pilotprojekte, Paradigmenwechsel, Initiativen. Und dann, nach der Trauerschonminute, werden ganz schnell die Hoffnungen, wessen Hoffnungen eigentlich, gedämpft, und bekämpft.

Es gibt nämlich kein Wunderheilmittel, wir können sie nicht einfach wegzaubern oder wegbomben, außer im Notfall. Selbst wenn wir alles abriegeln und die Wüsten einzäunen und das Meer und uns einsperren und jeden LKW auf jedem Gebirgspass nach Menschenfleisch durchwühlen, bleiben sie einfach da. Eine Million wartet schon, jetzt, in diesem Moment, allein in Libyen. Und Afrika, milde Panik greift um sich, die Wertegemeinschaft schaut sich betreten an, hat gar eine Milliarde Einwohner.

Und die sind einfach weiter da. Die machen weiter mit ihrem Dasein. Obschon die Voraussetzungen dafür denkbar schlecht sind, lassen sie sich nicht davon abhalten. Sie sind ganz schön zäh. Und verdammt viele. Und jung. Und stark. Und männlich.

Und unterwegs. Aber da ist ja nicht überall Krieg, wo die herkommen, murren die Unsrigen. Richtiger Krieg, erklärter Krieg, einer, der gilt, ein beglaubigter, anerkannter Krieg. Einen Stempel zu erbringen aus einer offiziellen Hölle, beglaubigt von Experten, das ist ja wohl das Mindeste was man verlangen kann. Überlebenskampf, der zunehmend aussichtslos wird, versandete Dörfer, leer gefischte Küstengewässer, ausgetrocknete Brunnen, so was gilt nach dem Kriegskriterien nicht als Krieg. Da könnte ja jeder Überlebenskämpfer kommen.

Und das werden sie tun. Irgendwann, irgendwie gibt es einen Stehplatz in der Nussschale, eine Ritze im Zaun, einen Riss im Beton. Irgendwann machen sie rüber, an irgendeiner Außenstelle von Fort EU. Zu Wasser, zu Land, irgend eine Grenze wird nicht dicht sein, sie kriechen ans Licht der Welt, aus einem Laster, zwischen Fässern, Tonnen, Kanistern, zwischen Autoreifen, Waschmaschinen, scheißenden Schafen, tiefgefrorenen Masthähnchen, zwischen Viren, Plasma, Plutonium.

Sie wanken von Booten an Land, ins Gelobte Land.

Michèle Thoma
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