Auf den Markt kommen immer mehr Autos, die sich schwer in die gewohnten Kategorien einordnen lassen. Das passt zu den Kunden, die das Praktische, Geräumige, Starke und zugleich Originelle wollen

Lust auf Crossover

d'Lëtzebuerger Land vom 27.01.2012

Sollte ein Auto wie der VW Golf auf dem absteigenden Ast sein? Sollten Cabrios und Roadster viel weniger nachgefragt werden und klassische Limousinen desgleichen? Und trifft es zu, dass sich im Gegenzug weitaus mehr Luxemburger Autokäufer als früher für die SUVs, die Sports utility vehicles, interessieren – für die großen, allradgetriebenen „Geländewagen“ also?

Was das Statistikamt Statec vor drei Wochen an Daten über den heimi-schen Automarkt des vergangenen Jahres publiziert hat, sieht auf den ersten Blick tatsächlich so aus. Denn die Statistiker aus dem Wirtschaftsministerium unterscheiden zwei PKW-Klassen: Voitures particulières und Voitures à usage mixte. Mit Ersteren sind die eigentlichen „Personen-kraftwagen“ gemeint. Letztere dagegen sind Autos, von denen angenommen werden kann, dass sie von Privatleuten wie auch von Betrieben genutzt werden können – und zwar ihres vergleichsweise großen Laderaums wegen. Deshalb fallen unter diese „Großraumautos mit Misch-nutzung“ die Kombis und die SUVs. Und mehr noch: Dass es an Voitures particulières weniger Neuzulassun-gen gab als an Voitures à usage mixte, war bisher noch nie da gewesen. 2011 aber wurden mit knapp 26 000 Stück sogar deutlich mehr Wagen der großen Mischklasse verkauft als reine Personenautos mit lediglich 24 000 Stück.

Sollte sich in diesen Zahlen eine Tendenz widerspiegeln, von der die Autohändler bereits nach dem Autofestival 2011 gesprochen hatten? Damals war nicht nur von hohen Verkaufszahlen die Rede. Dass die Festivalkundschaft „wieder verstärkt“ SUVs gekauft habe, stellten die Händler ebenfalls erfreut fest. Wenn etwas darauf hindeutete, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise erst einmal ausgestanden war, dann das. Schließlich lautet ein gängiges Klischee, die SUVs, in denen man ein wenig daherkommt wie in einem Panzer, seien nicht nur in der Anschaffung teuer, sondern auch wahre Treibstoffschlucker und CO2-Schleudern. So ein Auto muss man sich erst einmal leisten können.

Doch die Wirklichkeit ist komplexer. Der Golf auf dem absteigenden Ast? „Nach wie vor verkauft keines unserer Autos sich besser!“, versichert Thierry Limpach, der Marketingchef von VW Luxemburg. Und die SUVs? „Die kommen gleich danach!“ So schön ist die Welt für Volkswagen, die auch 2011 hierzulande meistverkaufte Marke.

Denn laut der Zulassungsstatistik der Société nationale de contrôle technique (SNCT) vom letzten Jahr gab es bei den Kompaktwagen mit Fließheck-Karosse à la Golf tatsächlich einen Rückgang um 17 Prozent. Doch der scheint andere Marken stärker betroffen zu haben als VW. Renault zum Beispiel, wo 2011 der Anteil der Kompaktwagen an den Verkäufen im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent sank.

„Stattdessen haben wir fast 30 Prozent mehr Breaks verkauft“, sagt Renault-Luxemburg-Marketing[-]direktorin Martine Krebs. Damit liegt Renault offenbar im Trend: Laut SNCT war letztes Jahr in keinem Segment der Zuwachs höher als bei den Breaks, oder auch Kombis. Gegen-über 2010 wurden von den Familienkutschen 21 Prozent mehr zugelassen. Die Zulassungsstatistik der SNCT hält aber noch eine bemerkenswerte Entwicklung fest: In der Klasse Tout terrain 4x4 gibt es gar keinen großen Zuwachs. Hier ging die Zahl der Neuzulassungen zurück, und das ist schon seit 2009 so. Am Ende ist das Gros der Luxemburger Autokäufer gar keinem SUV-Zeitgeist nachgelaufen, sondern von Kompaktwagen auf Breaks gewechselt; von einem ziemlich konventionellen Segment zum anderen also. Dann hätte auch der Statec Recht mit dem Zuwachs der Fahrzeuge mit Mischnutzung: darunter fallen die Kombis ja.

Doch nicht nur von VW, sondern auch von Audi ist zu hören, dass SUV-Modelle sich „sehr gut“ verkaufen würden. „Bei unseren Kunden gibt es seit Jahren einen Trend zum SUV“, erklärt Miriam Eisenmenger, Marketingchefin von Audi Luxemburg. Mit seiner Q-Klasse habe Audi diesen Trend gefördert und werde das noch verstärken. Für Eisenmenger steht fest: „Die Luxemburger kaufen nach wie vor gern die neuesten Modelle.“ Und „angenehm fahren“ lasse sich in einem SUV: „Man sitzt höher und hat einen besseren Überblick im Verkehr.“ Dass der Winter 2010/2011 so schneereich war, mag ebenfalls dazu beigetragen haben, dass „viele“ Audi-Kunden einen Allrader wählten. „Denn eigentlich braucht man so einen Antrieb in Luxemburg ja nicht unbedingt.“

Das hört sich an, als habe der Besitz eines SUV Klassencharakter und sei unter den Kunden einer Premium-Marke wie Audi besonders verbreitet. Die Vermutung bliebe aber zu beweisen. Bei Audi rangiert am oberen Ende der SUV-Palette der Q7 mit V12-Dieselmotor ab 130 000 Euro. Der neue Q3 dagegen wird in der Dieselversion mit 140 PS ab 24 500 Euro und als Benziner mit 170 PS ab 26 400 Euro zu haben sein.

Bei der Konkurrenz von BMW sieht es ähnlich aus: Der X5M-Allrader mit 4,4-Liter-V8-Benzinmotor kostet 106 300 Euro in der Standardver-sion, der neue X1 als Zwei-Liter-Benziner ab 26 450 Euro und als Zwei-Liter-Diesel ab 28 550 Euro. Und damit nicht genug: Wer unbedingt erhöht sitzen und allradgetrieben fahren will, der kann das im Dacia Duster schon ab 15 300 Euro tun. So viel kostet das Allrad-SUV der Spar-Marke mit 1,6-Liter-Benzinmotor; die Dieselversion kostet 1 000 Euro mehr. Es komme nicht selten vor, sagt Renault-Marketingchefin Krebs, dass Besucher von Renault-Garagen sich am Ende für das SUV der rumänischen Renault-Tochter entscheiden: „Ein richtiges SUV gibt es ja von Renault nicht.“

Wäre es, bei so vielen einander widersprechenden Statistiken und Auskünften, demnach nötig, die Verkäufe Marke für Marke zu verfolgen – zumindest, wenn man wissen will, wie weit die Geländewagen-Penetration im Luxemburger Fuhrpark reicht? Immerhin kann man auf der Straße unschwer den Eindruck bekommen, dass die großen Vehikel alles andere als schwach verbreitet sind.

Und dieser Eindruck trügt womöglich auch nicht. Denn Sports utility vehicle ist eine Bezeichnung, mit der die Marketingabteilungen von Herstellern und Händlern operieren und die Medien ebenfalls. Eine amtliche Fahrzeugkategorie ist SUV dagegen nicht. Deshalb steht auf den EU-Konformitätszertifikaten, die bei der Zulassung eines Neuwagens erfasst werden, nie SUV. Stattdessen gibt es ihnen zufolge Breaks, Mehrzweckfahrzeuge und Allrad-Geländewagen. Sowie Limousinen, Coupés, Cabrios und Autos mit Fließheck-Karosse.

Weil SNCT und Statec nur auswerten, was aus den Zertifikaten hervorgeht, sind ihre Zahlen über den heimischen Automarkt demnach nur begrenzt aussagekräftig. Und was die Hersteller anbieten, entzieht sich der Kategorisierung nach Karrosserieform immer mehr: Wahrscheinlich würde niemand einen Fiat Panda für einen Geländewagen halten. Doch von dem kleinen Auto gibt es eine Allradversion, die streng genommen in dieselbe Klasse gehört wie ein Audi Q7 oder ein Gefährt der Marke Jeep. Oder wie der Swift 4x4, den Suzuki-Händler neu im Angebot haben. Ohne Allradantrieb dürfte der Swift dagegen als Fließheck-Auto gelten. Oder auch nicht: Bei der SNCT erzählt man gern die Anekdote, dass auf den EU-Konformitätszertifikaten von VW Polo und Renault Clio vor gar nicht allzu langer Zeit „Camionette“ geschrieben stand.

Und schließlich muss nicht jedes Auto, das aussieht wie ein SUV, auch Allradantrieb haben. Bei VW ist der Touareg der einzige Allrad-Geländewagen. Der Tiguan sieht zwar nur etwas kleiner aus, hat aber lediglich Zweiradantrieb. Den Q3 von Audi gibt es nur in den höheren PS-Versionen mit 4x4 Quattro. Beim Dacia Duster ist Allrad eine Option. So dass sich nicht nur unter Karossen, die einander ähneln, sondern sogar unter derselben Hülle ganz verschieden zu klassifizierende Autos verstecken können.

Wenn dem so ist, dann sind die Statistiken vom KFZ-Markt im Grunde ein Ausdruck für einen wachsenden Crossover. Den vermelden alle Händler, beim Angebot ihrer Hersteller wie in der Nachfrage ihrer Kunden, die einander selbstverständlich irgendwie bedingen: „Unsere DS-Reihe“, berichtet Jacques Wagner, Verkaufschef der Étoile-Garage von Citroën, „ist eine Mischung aus Monospace, Break und SUV: Geräumig im Fahrgast- wie im Laderaum, aber auch höher gelegt.“

„Multifunktionalität liegt im Trend“, sagt Pierre Rodenbourg, Marketingverantwortlicher der Peugeot-Garage Rodenbourg in Strassen: „Früher kauften viele sich ein großes Auto, um damit vielleicht nur einmal im Jahr in die Ferien zu fahren. Heute will man eher ein Auto, dass alltags- und langstreckentauglich ist.“ Entsprechend seien bei Rodenbourg vor allem Kombis und Monospace-Modelle gefragt, die sich mit ein paar Handgriffen wahlweise zum Mikrobus mit sieben Sitzen oder zum „Raumwunder“ für viel Zuladung machen lassen.

Vielleicht ist es bald die beim Autokäufer dominierende Vernunft, bald ein Streben nach Hedonismus, die entweder zum Monospace oder Break oder aber zum SUV greifen lassen – mal mit Zweirad-, mal mit Allradantrieb. Kraftstoffschlucker, dass einem Hören und Sehen vergeht, und CO2-Schleudern jenseits von Gut und Böse müssen auch die Tout terrain 4x4 nicht mehr sein. Klar: Ein Geländewagen wie der Range Rover Sport mit Fünf-Liter-V8-Benzinmotor hat einen Normverbrauch von 15 Liter auf 100 Kilometer und einen CO2-Ausstoß von 348 Gramm pro Kilometer – dafür werden 647 Euro CO2-abhängige Autosteuer im Jahr fällig. Doch wer so ein 511-PS-Gefährt nicht braucht, findet unter den BMW X1 auch eine Zwei-Liter-Dieselversion mit hocheffizientem Antrieb, die pro Kilometer nur 119 Gramm CO2 emittiert: Vor drei Jahren noch hätte es dafür 750 Euro Öko-Prämie vom Staat gegeben. Dass für solch ein Auto nur 35 Euro an Autosteuer zu zahlen sind, gilt dagegen nach wie vor.

Und offenbar gilt bei den Autohändlern auch, dass ein „richtiges“ SUV im Showroom den Absatz der Beinah-SUVs ohne Allradantrieb mitzieht. Bei VW etwa, berühmt für die „Fertigungstiefe“ der Modellpalette, mit der so vielen Kundenwünschen wie möglich entsprochen werden soll, schließt man nicht aus, dass der „kleine“ Tiguan mit vier bis sechs Zylindern sich nur deshalb so gut verkauft, weil gleich nebenan der „große“ Touareg steht. Den bewirbt VW mit dem Spruch: „Für alle, die auf nichts verzichten wollen“, findet aber selbstverständlich nichts dabei, wenn der Kunde statt mit acht Zylindern und 245 PS schon mit vier Zylindern und 110 PS froh wird.

Peter Feist
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