Die kleine Zeitzeugin

Die Anmaßung des Peter Handke

d'Lëtzebuerger Land vom 13.12.2019

Die Nobelpreis-Ansprache Peter Handkes ist keine Rede. Zum großen Teil ist sie eine mit oft unsicherer Stimme vorgetragene Lesung. Muttergeschichten werden erzählt, eine davon mit zitternden Mundwinkeln. Sie führt über die Dörfer und entführt weit, weit darüber hinaus. Die Ansprache ist eine Hymne an die Wirklichkeit, eine Lobpreisung und eine Beschwörung, sie ist ein Gebet. Das klingt nach Pathos, nach Kitsch, und das ist die Ansprache stellenweise auch. Vor allem aber ist sie groß. Auch das klingt kitschig.

Die Würdebürde ist dem Nobelgepriesenen anzusehen, der Preisträger scheint den Preis kaum tragen zu können. Bedrückt, erdrückt wirkt er unter dem Druck der Anschuldigungen. Von der Schuld, von der so viele überzeugt sind, sie fechten an und fechten, Zitat um Zitat, Bild um Bild, gewichten und richten. Darf man nach Ausschwitz über Bäume reden? Darf man sich Gedanken machen über die mutmaßlich durch die Lüfte schneienden Pappelflocken in Srebrenica?, klangvolles Wort, schreibt Handke, später wird es zum verschämten S. Bevor im nächsten Satz mutmaßliche Massakerstätten im Tal erwähnt werden.

Die Schuld verfolgt ihn auf Schritt und Tritt, von Auftritt zu Auftritt, er entschuldigt sich partout nicht. Sie verfolgt ihn in den Medien. Sie verfolgt ihn in Gestalt von Müttern, wer könnte anklagender sein als eine Mutter? Aus den Massengräbern schreit es ihm entgegen, aus seinen Schriften rinnt Blut, und er redet von Klopapier.

Blutgeld kriegt er auch noch. Der Angeschuldigte wird aber nur medial hingerichtet und sozial, was ist das schon? Erdogan nennt ihn Rassisten und Mörder, belesene, intelligente Leute tun das auch oder distanzieren sich doch lieber mal, wer will schon einen Genozidleugnerschreiber gut finden und wer findet eine noch gut, wenn sie das tut?

Und wer kommt schon auf die Schnelle dazu, sämtliche Handke-Texte über Serbien zu lesen, parallel dazu den Jugoslawien-Krieg aus allen Perspektiven zu erforschen und sich anschließend ein objektives Urteil zu bilden? Aber selbst wenn, ja wenn die allerschlimmsten Anschuldigungen stimmen würden, wer könnte einem schon das Klangbild der Vermählung der Flusswellen mit den Meereswellen in Vigo aus Noch einmal für Thukydides wegnehmen? Oder, grübelgrübel, wäre das ein Privatproblem, das man mit sich und mit dem Fluss ausmachen müsste, was hat das mit einem offiziellen Preis zu tun?

In Sarajewo werden in der Nobelpreisnacht neben dem Abbild des Nobelpreisträgers Totenschädel auf Displays gezeigt.

Wie die anderen alles stoisch über sich ergehen lassenden Preisträger in diesem eisblauen nordischen Märchen trägt der Literaturnobelpreisträger ein totenweißes Hemd und einen totenblütenweißen Schlips. Dead Man Walking-Uniform in Stockholm, so tritt er zur Henkersrede an.

Henkersrede? Mit 800 000 Euro auf dem Konto? Kehr’ ein, wo du Lust hast, gönn’ dir die Sonne!, hebt er lebensfeierlich an. Irgendwann ab, jeden Moment kann er abstürzen. Er ist biblisch, ein Priester, ein Prediger, ein alter Zeigefingerfuchtler. Unsicher wie die nicht Abgesicherten. Stolz geht nur der Unmaskierte, liest er, und steht immer freier da.

Und immer freier wird es, der Raum erweitert sich. Es wird groß. Er macht große Worte, es geht ums Große, ums Ganze, um was sonst? Was Peter Handke auch im Allerkleinsten findet. Er habe sich ins Klein-Klein geflüchtet, moniert dann auch ein Kritiker, er schreibe jetzt Pilzbücher.

Zu klein, zu groß. Kein Mittelfeld eben, kein Mittelmaß. Anmaßung.

Ja, genau! Es geht um das Wesentliche, um Erkenntnis, wie peinlich das auch klingen mag, nach zerfledderten Faust-Ausgaben. Nach etwas, das man höchstens noch Pickelpubertierenden durchgehen lässt, wahrscheinlich hüten auch die sich schon ein derart nach Staub schmeckendes Wort in den Mund zu nehmen. Diese Seher-Haltung, dieses Gravitätische, dieser Verkündungshabitus! Diese maßlose Überheblichkeit von jemand, der uns „Erhebt euch!“ zuruft. Dieser Erweckungsgestus, der hohepriesterliche An-Spruch, das Erlöserhafte eines Gequälten.

Dieser tiefe Ernst, das kann doch nicht sein Ernst sein. Dieser Glaube an die Literatur.

Genau dafür bin ich ihm dankbar.

Michèle Thoma
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