Die kleine Zeitzeugin

Darf ich Posts von Rechten teilen?

d'Lëtzebuerger Land vom 15.11.2019

Mitten in der Nacht, auf FB zwischen Hunden, die das Zeitliche gesegnet haben, und Herbsthimmeln herumstrolchend, stoße ich auf eine junge Frau, der es sehr schlecht geht. Sehr schlecht ergeht. Eine Gewaltszene springt mich an. Keine Hinrichtung, nicht mal ein Foltervideo. Nur eine Misshandlung, nicht mal eine schlimme, die Frau wird keine blauen Flecken haben, zumindest nicht auf dem Körper. Ihr wird einfach wiederholt mit der flachen Hand auf den Kopf gehauen. Nicht mal extrem fest, aber schmerzhaft ist es sicher.

Nach den Kopfschlägen greift der Mann der Frau grob in den Mund. Fachmännisch, als würde er einem Pferd ins Maul fassen. Der dabei laut rezitierende Mann trägt eine vermutlich islamische Kopfbedeckung, die Frau ein Kopftuch. Neben der Frau steht ein älterer Mann mit einem betroffenen Gesicht, wie bei einer Beerdigung. Die paar Anwesenden wirken ähnlich ernst, zugleich ist eine Beschämung spürbar; angenehm ist, was da vor sich geht, wohl niemandem. Die Szene hat etwas Obsessives, es scheint sich um ein Ritual zu handeln. Präsentiert wird sie als arabisches Gebetsritual, das den Gehorsam der Frau erfleht und sie davor bewahren soll zu reden und zu denken.

Das Schlimmste ist der Gesichtsausdruck der jungen Frau, es ist das Gesicht einer gequälten Krea-
tur, geschunden und resigniert zugleich. Zu der wird die junge Frau hier gemacht, ihre Miene ist eine Leidensmiene. Ich poste das spontan.

Es dauert nicht lange, und ich werde zurechtgewiesen. Was ich damit bezwecke, dass ich einen islamophoben Rassisten aus Uruguay poste? Puuh, zerknisch, ja hm. Aber dennoch ist es ja da. Sie. Die Szene. Es gibt sie. Ein Fake ist das nicht, so gute Schauspieler_innen gibt es gar nicht. Wir würden den Kontext nicht kennen, gibt jemand zu bedenken, der mehr über den arabischen Raum und die arabische Sprache weiß als ich. Ja, stimmt. Aber welcher Kontext rechtfertigt eine solche Entwürdigung?

Und ist es, wenn ich das poste, ähnlich manipulativ unterstellend, wie es wäre, wenn Musliminnen und Muslime ohne Kommentar katholische Exorzismus-Sitzungen posten würden? Aber wieso wäre das eine Unterstellung? Exorzismus ist offizieller Bestandteil der katholischen Praxis. Wäre das dann nicht Darstellung einer Realität, wenn auch einer keineswegs repräsentativen? Wobei, bin nicht auch ich eine Überlebende von Teufelsaustreibung und damit Teufelseintreibung, war ich nicht ein Kind im Religionsunterricht der Fünfzigerjahre?

In der Tat, das Video wurde von einem Rechten aus Uruguay geteilt. Indem ich etwas von ihm poste, was mich betroffen macht, mich immerhin als Frau betrifft, biete ich also einem Hass-Poster ein Forum? Schüre damit den Hass auf den Islam, wie mir vorgehalten wird? Stimmt, was allerdings unabhängig von der Quelle ist. Man könnte „dem Islam“, wenn man gar nicht differenziert und weder Frauenhasser_in noch Sadist_in ist, nach Anblick dieser Bilder eher nicht gewogen sein. Ist die Quelle auch noch eine rechtsradikale, klicke ich mich aber ein in ein Hass-Sharing, das um sich greift, sich verselbstständigt, den rechten Algorithmus be(s)tätigt.

Dabei will ich ja nur die Frau liken, will ihr Sister-Sympathien schicken. Schon bin ich wieder bei der alten – gähn – Burka-Niqab-Debatte. Und einen Nazi hab ich auch noch am Hals.

Darf ich also prinzipiell nichts von und mit Rechten teilen? Auch wenn ich zu diesem oder jenem Thema vielleicht ihre Meinung teile, zum Beispiel bezüglich sterbender Bienen? Bei richtig sensiblen Themen wohl eher nicht, grübelposte ich vor mich hin. Und da nicht unter jedem Bildchen eine Nazi-Warnung steht, verdonnere ich mich auch noch zur Quellenforschung, wenn das Thema sensibel wird. Islam, Judentum, zum Beispiel, Ade kleine Nebenbei-Postings, jetzt wird es streng wie in der Spiegel-Redaktion!

Das Debättchen ist längst erstorben. Keine einzige Posterin hasst mich so richtig. In meiner freundlichen Blase sind die meisten viel zu vorsichtig oder zu weise oder zu bequem, ein gemütlicher Feierabend schaut anders aus, als sich mit diesem Islam-Schund herum zu schlagen. Ich bleibe auf den Fragen sitzen, die ich aufgeworfen hab.

Ich poste einen Baum mit Krähen.

Michèle Thoma
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